Die 83. Filmfestspiele von Venedig haben begonnen. Mit „Bucking Fastard“ zeigt der 84-jährige Werner Herzog, ewiger Visionär und Grenzgänger, dass das Kino nach wie vor eine Zukunft hat.

Die Filmwelt ist in Aufregung. Nur in Venedig nicht, wo am Mittwoch die 83. Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica eröffnet wurde, eines der drei wichtigsten Filmfestivals weltweit. Dort ist alles wie gehabt: Vor dem Palazzo del Cinema lagern die Autogrammjäger:innen und Fans ab den frühen Morgenstunden, um am Abend ein Selfie zu machen, wenn die Stars über den Roten Teppich flanieren; angekündigt sind die üblichen Hollywood-Größen, allen voran George Clooney, der einen Ehrenlöwen für seine Karriere verliehen bekam. Und nur 100 Meter vom Palazzo entfernt findet davon unbeeindruckt das italienische Strandleben statt, mit um Eis quengelnden Kindern, Senior:innen, deren braungebrannte Haut seltsam ledrig wirkt, und den lustigen Kartenrunden, die sich rund um wacklige, in den Sand gestellte Campingtische gruppieren, meist aufgeteilt in Männer und Frauen. Same procedure as every year. Und doch ist alles anders.

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Die globale Filmwelt ist in Schwierigkeiten und denkt über ihre Zukunft nach, allerdings eben aktuell nicht auf dem Lido. Während dort business as usual zelebriert wird, lädt der französische Präsident Emmanuel Macron zusammen mit dem südkoreanischen Präsidenten Lee Jae-myung am Montag, dem 7. September, zum ersten internationalen Lumière-Gipfel für Film, Serien und Videospiele ein. In Saint-Paul-de-Vence (zwischen Nizza und Cannes), rund 600 km von der Mostra entfernt, treffen sich rund 150 Branchengrößen, Politiker:innen und Kreative aus über 30 Ländern. In der Pressemitteilung des Élysée-Palastes heißt es: Die Teilnehmer werden „die Herausforderungen und Chancen für die Zukunft des Kinos und der bewegten Bilder erörtern und sich zu konkreten Maßnahmen verpflichten, unter anderem in Bezug auf die Auswirkungen künstlicher Intelligenz, die Vermittlung von Medienkompetenz bereits im frühen Kindesalter und das Wirtschaftsmodell der Branche.“ Die siebte Kunst gilt als bedroht, auch wegen des demographischen Wandels, der daraus resultierenden Veränderungen im Publikum und den neuen Möglichkeiten des Internets und der sozialen Medien. Eingeladen zum Lumière-Gipfel sind auch die Leiter:innen der großen Filmfestivals, nur der Venezianer Alberto Barbera kann nicht anreisen, weil er seine Mostra nicht im Stich lassen will. Der Termin kommt ihm ungelegen.

Dass nichts mehr ist, wie es einmal war, zeigen die großen Erfolge zweier US-Filme, die diesen Sommer regulär in den Kinos laufen – unabhängig von den großen Studios produziert, für sehr wenig Geld ohne Stars, und doch zu überragenden Box-Office-Hits geworden. Den einen, die Beziehungshorrorkomödie „Obsession“, drehte der 26jährige Internet-Comedian Curry Barker. Die Produktionskosten betrugen 750.000 US-Dollar, die weltweiten Einnahmen aus Kinovorführungen liegen derzeit bei über 500 Millionen. Den anderen, den architektonischen Schocker „Backrooms“, inszenierte der 21jährige YouTuber Kane Parsons für rund 10 Millionen US-Dollar, und konnte damit rund eine Viertelmilliarde einspielen. Das traditionelle Hollywood träumt von solchen Ergebnissen. Aktuell wirkt es verunsichert – wegen steigender Kosten, der Bedrohung durch KI, und wegen intergenerationeller Verschiebungen. Die alte Garde der Regisseur:innen, Produzent:innen und Schauspieler:innen tritt langsam ab. Nun folgen Web-Stars wie Barker und Parsons, frech und unkonventionell. 

Aber einer, der schon immer sein Ding jenseits ausgetretener Studiopfade machte, ist nach wie vor am Puls der Zeit: der 84 Jahre alte Werner Herzog. Er versteht, dass er auch junge Menschen erreichen muss. Auf seinem Instagram-Kanal ist er längst eine Kultfigur. In Venedig präsentiert er seinen ersten Spielfilm nach „Family Romance, LLC“ (2019) und rockt als ewiger Autodidakt auch dieses Jahr wieder den Lido. Dort wird der Visionär und Grenzgänger gefeiert wie ein Popstar. Der in München geborene und inzwischen in Los Angeles lebende Regisseur zeigt im Wettbewerb um den Goldenen Löwen „Bucking Fastard“, einen Film über Schwestern, die sich der Gesellschaft entziehen und nach ihren eigenen wunderlichen Vorstellungen leben. Inspiriert vom wahren Fall der Zwillingsschwestern Greta und Freda Chaplin erzählt Herzog nach eigenem Drehbuch eine so bizarre wie überhöhte Außenseiterfabel, und erklärte nach der Premiere, man sehe die beiden auf der Leinwand „wie durch die Augen wilder Tiere, etwa eines Fuchses, und sogar durch ihre eigenen Echos im Innersten der Erde“. 

Werner Herzog und sein Cast bei der Premiere von „Bucking Fastard“ © Biennale

Auf der Suche nach dem imaginären Land der wahren Liebe beginnen sie, einen Tunnel durch ein Gebirge zu graben. Für den Filmemacher, der schon ein Boot über einen Berg ziehen ließ, ist das vertrautes Terrain – und für die Mostra zu Beginn Aufregung genug: Werner ist da und spaziert mit seinen beiden Hauptdarstellerinnen, Rooney und Kate Mara, über den Lido. „Wir haben in und mit diesem Film einen Traum gelebt“, sagt Oscarpreisträgerin Rooney bei der Pressekonferenz, „meiner Schwester kam ich bei den Dreharbeiten so nahe wie nie zuvor.“ Herzog lässt sich im Film ganz auf die Schwestern ein, macht sie weder zu Freaks noch sich über sie lustig – ganz ernsthaft und mitunter berührend folgt er ihnen, diesen beiden Frauen, die synchron sprechen, die wie siamesische Zwillinge aneinander gewachsen erscheinen und immer identisch gekleidet sind. Wie ehedem Greta und Freda Chaplin, die man auf YouTube in der Kurzdoku „The Chaplin Twins: A Pair of one“ sehen kann. Da mag andernorts die Zukunft des Kinos verhandelt werden, aber das Festival in Venedig, über das einmal gesagt wurde, es bestehe vor allem aus gutem Essen mit ein paar Filmen zwischen den Gängen, präsentiert bei aller Vorhersehbarkeit nach wie vor Werke, die überraschen und alte Sehgewohnheiten auf den Kopf stellen. Die Zukunft des Kinos beginnt auch dort, zumindest wenn Werner Herzog eingeladen ist. Welchen anderen Filmemacher:innen das noch gelingen mag, wissen wir dann in ein paar Tagen. ||

 


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