Güner Yasemin Balci zeichnet das Leben von Albrecht Weinberg nach, der als junger Mann mehrere Konzentrationslager überlebte und als Hochbetagter nach Ostfriesland zurückkommt, wo er seine Kindheit in einer jüdischen Familie verbrachte.
„Lasst Euch nicht einschüchtern von den Fanatikern!“, sagt Albrecht Weinberg den Schülern und Schülerinnen des nach ihm benannten Gymnasiums in Ostfriesland. Albrecht Weinberg hat den Holocaust überlebt. Mit seiner Schwester Friedel ging er 1947 nach New York ins Exil. 1985 kamen sie auf Einladung ihrer Heimatstadt Leer nach Deutschland, Anlass war eine Erinnerungswoche. 2012 kehrten die Geschwister erneut nach Leer zurück, wo Friedel im selben Jahr starb. Albrecht Weinberg blieb in Leer bis zu seinem Tod im Mai 2026.

Albrecht Weinberg bei einer Schulveranstaltung © mindjazz pictures
Güner Yasemin Balci, Journalistin, Schriftstellerin, Filmemacherin und seit 2020 Integrationsbeauftragte für den Berliner Bezirk Neukölln, begleitete ihn und seine Freundin Gerda Dänekas, die Albrecht und Friedel zunächst als Pflegerin betreute, jahrelang bei Besuchen in der Schule, im Gespräch mit anderen Zeitzeugen und bei Wiederbegegnungen mit den Schreckensorten seines Lebens. Balci nähert sich Albrecht Weinberg aus respektvoller Distanz. Kameradrohnen filmen die KZ-Gelände und Landschaften aus der Luft, Nähe und Perspektiven auf Augenhöhe gibt es nur, wenn Albrecht Weinberg mit jemandem im Gespräch ist oder in sich versunken nachdenkt. Er erzählt von seinem Weg durch Auschwitz, Buna, Mittelbau-Dora, Neuengamme und Bergen-Belsen und kämpft mit der Idee der Versöhnung. Das fällt ihm nicht immer leicht, denn „alle haben einen jüdischen Freund gehabt! Keiner hat was gesagt. Hinter den Gardinen haben sie gestanden, und jetzt wollen sich alle entschuldigen. Hat jemand irgendwas gesagt? Kein Wort!“. Zum Pastor sagt er: Sie hätten ja auch Nein sagen können. Der antwortet: Das war nicht gutbürgerlich. Und trotzdem halten sich die beiden Alten am Kaffeetisch an den Händen. In Bergen-Belsen wurde der Zwanzigjährige, auf 57 Pfund abgemagert, von einer englischen Panzergruppe befreit. Dort spricht er 80 Jahre später das Kaddisch. Die größte Sorge des 101-Jährigen galt dem Vergessen. In Leer fand er Menschen, die ihm im Deutschland seiner Kindheit nicht begegnet sind: Deutsche mit Mitgefühl, Aufmerksamkeit und Respekt vor ihm und seiner Geschichte. Er wird zum Ehrenbürger ernannt, beim Bankett zu seinem 100. Geburtstag wird er geherzt und geküsst, er bekommt eine Torte und die Gäste singen „Happy Birthday“. Eine Heimat hat er jedoch nirgends mehr gefunden. ||
Albrecht Weinberg – Es ist immer in meinem Kopf
Buch und Regie: Güner Yasemin Balci, Jesco Denzel | mit Albrecht Weinberg und Gerda Dänekas | Deutschland, 2026 | 80 Minuten | Kinostart: 10. September
München-Premiere: Sonntag, 6. September, 19.45 Uhr, RIO-Kino am Rosenheimer Platz
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