Hanns Zischler drehte mit Wim Wenders, Jean-Luc Godard, Steven Spielberg und zuletzt mit Paweł Pawlikowski. Im Interview spricht der 1947 in Nürnberg geborene Schauspieler über seine Rolle als Thomas Mann in „Vaterland“.
Münchner Feuilleton: Hanns Zischler, Sie wurden 1947 in Nürnberg geboren – jetzt spielen Sie in dem Kinofilm „Vaterland“ den Schriftsteller Thomas Mann, der zusammen mit seiner Tochter Erika (Sandra Hüller) 1949 durch das Deutschland der Nachkriegszeit fährt. Kamen da Erinnerungen an die eigene Kindheit hoch?
Hanns Zischler: In der Tat. Das muss 1952 gewesen sein, als ich mit meiner Mutter nach Nürnberg fuhr. Teile der Stadt lagen noch in Trümmern. Es war das erste Mal, dass ich überhaupt eine große Stadt sah. Ich wuchs aber in dem fränkischen Dorf Langenaltheim auf, 50 km südlich von Nürnberg. Was ich erinnere: Dort stand auf vielen Mauern das Kürzel LSB, und dazu ein weißer Pfeil, das Zeichen für den nächsten Luftschutzbunker. Diese Bilder kamen jetzt wieder hoch, bei Szenen, die wir für „Vaterland“ drehten.
Der Film zeigt das gleich zu Beginn. Sie als Thomas Mann und Sandra Hüller als dessen Tochter Erika sitzen in einem schwarzen Buick und fahren durch die Ruinenlandschaft der BRD, nach Frankfurt am Main, wo Mann 1949 anlässlich von Goethes 200. Geburtstag den westdeutschen Goethe-Preis verliehen bekommt.
Ein grandioser Beginn – wir in dieser Kapsel des Buick, und draußen sieht man die Zerstörung!
Sie spielen den wohl bekanntesten deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, geboren 1875 in Lübeck. Welches Verhältnis haben Sie als Privatperson und Künstler zu ihm?
Tatsächlich habe ich im Alter von 17 Jahren, angeregt durch unseren Musiklehrer auf dem Gymnasium in Ingolstadt, den „Doktor Faustus“ gelesen, und war total überfordert damit.
In „Doktor Faustus“ erzählt Mann vom Leben des Komponisten Adrian Leverkühn, geboren im späten 19. Jahrhundert, bis in die Nazizeit hinein. Das ist nicht nur ein Künstlerroman, der an Goethes Faust-Mythos anknüpft, sondern auch ein komplexer musiktheoretischer Essay.
Witzigerweise habe ich dann Jahrzehnte später, 1982, in der Verfilmung des Romans, durch Franz Seitz, mitgespielt, übrigens ein Film, der die Zeit nicht unbeschadet überstanden hat.
Wie haben Sie sich auf Ihre Rolle vorbereitet? Ich stelle mir das schwierig vor, einen Autor zu spielen, zu dem es so viele Fotos, Texte, Abhandlungen, Filme und Meinungen gibt, einen Schriftsteller, der wie kaum ein anderer des 20. Jahrhunderts bekannt ist.
Naja, „Vaterland“ umfasst ja nur eine Woche im Leben Thomas Manns, da kann man keinen großen Deutungsbogen anlegen, da geht es mehr um Momente. Ich musste keine Überfigur nachbilden, sondern die Frage war: Wie bewege ich mich in einem Konflikt? In einer extremen Krise? Zum einen in der Familie, weil der Sohn, Klaus Mann, gerade Selbstmord begangen hat. Zum anderen in der politischen Krise zwischen Ost und West. Thomas Mann hat ja zuerst den Goethepreis in Frankfurt am Main entgegengenommen, und ein paar Tage später das ostdeutsche Pendant in Weimar, in der sowjetischen Besatzungszone. Bizarr. Er, der Exilant, kommt überhaupt erstmals wieder in sein Vaterland zurück. Die Nazis sind besiegt, aber noch da.

Hanns Zischler in »Vaterland« | © Agata Grzybowska
Mein Eindruck ist, dass Sie Mann eher umreißen als ihn zu spielen. So wird er zu einem Medium für die Zuschauer:innen, die einen exilierten Intellektuellen beobachten, der in seine barbarische Heimat zurückkehrt.
Ja, und da habe ich mich gefragt: Wie gebe ich dem körperlich einen Ausdruck? Thomas Mann wirkt relativ gepanzert, er macht, auch durch die Kleidung, einen gefassten Eindruck, und versucht, alles nicht nah an sich herankommen zu lassen. Aber es gibt auch Konfrontationen, wie etwa mit den Wagner-Brüdern aus Bayreuth, dann teilt er aus. Das hat auch sarkastische Momente.
Das ist auch abgrundtief witzig. Andererseits hat die strenge Gefasstheit etwas Fatalistisches …
Ja, das liegt mir.
Das ist der wesentliche Kontrapunkt zu Sandra Hüller, die als Erika Mann emotionaler reagiert, impulsiver, die zugleich versucht, alles zu hinterfragen und richtig zu reagieren, oder?
Sie warnt ihren Vater, etwa in Bezug auf die Verhältnisse in Ostdeutschland, kurz vor der Gründung der DDR. Sie sagt, Du blickst nicht durch, weißt gar nicht, was hier los ist. Und in seiner Rede erwähnt er ja dann auch nichts, schweigt zur staatlichen Instrumentalisierung des Antifaschismus, zu Diskriminierung und etwa den ehemaligen Gefangenen des KZs Buchenwald.
„Vaterland“ ist als Historienfilm in diesem Punkt überraschend aktuell, im besten Sinne der Zeitlosigkeit.
Das hat auch viel mit Paweł Pawlikowkis einzigartiger Bildgestaltung zu tun. Als Regisseur inszeniert er in langen Einstellungen und hat eine deutliche Vision, was diese, miteinander verbunden, ausdrücken sollen, Szene für Szene. Da wird später nicht viel montiert und dramatisiert, durch Nah- und Halbnah- und Detailaufnahmen und Gegenschnitte. Es sind im Grunde genommen Tafelbilder, wie man sie aus dem Stummfilm kennt, die für sich stehen und in denen das Entscheidende passiert, durch Körperhaltung, Gesten, Blicke, Licht und den Auftritt der Personen im Raum. Das habe ich als Schauspieler und Kinogänger so noch nie erlebt. ||
VATERLAND
Polen, Deutschland, Italien, Frankreich 2026 | Regie: Paweł Pawlikowski |Buch: Paweł Pawlikowski, Henk Handloegten | Mit: Hanns Zischler, Sandra Hüller, August Diehl, Devid Striesow, Joachim Meyerhoff | 82 Minuten |
Kinostart: 3. September
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