„Vaterland“ von Paweł Pawlikowski gewann auf dem Festival von Cannes den Preis für die Beste Regie. Im Juni eröffnete der oscarprämierte Regisseur zusammen mit seinem Cast das Filmfest München. Ein Gespräch über das 20. Jahrhundert, Thomas Mann und worauf es ihm beim Filmdreh ankommt.
Münchner Feuilleton: Paweł Pawlikowski, wie kommt man auf die Idee, Thomas Manns Reise 1949 durch das Nachkriegsdeutschland, BRD wie DDR, zu einem Film zu machen?
Pawlikowski: Ich bin mit Geschichte verwoben. 1957 geboren in Warschau. Später habe ich als Jugendlicher in Deutschland gelebt, seit 1977 lange Zeit in Großbritannien, und von 2010 bis 2011 in Paris. Meine Eltern entschieden sich in den letzten fünf Jahren ihres Lebens für München. Ich besuchte sie oft. Ihre Generation und meine sind noch ganz wesentlich von der Geschichte des 20. Jahrhunderts bestimmt. So ist mir eine solche Sphäre in meinen Filmen wichtig, dazu eine gewisse Transzendenz, ein Raum, der sich öffnet, wenn man im Zentrum von Europa Geschichten erzählt.
Wo leben Sie als Mensch der vielen Orte heute?
Ich lebe wieder in Warschau, ganz in der Nähe des Ortes, wo ich aufgewachsen bin, nur 50 Meter entfernt. Ich bin zurückgekommen. In ein Viertel namens Mokotów. Es hat sich natürlich verändert. Obwohl es mitten in der Stadt liegt, fühlt es sich immer noch an wie ein Dorf. Ich kenne jede Ecke.
Das ist aufschlussreich – die große Geschichte im Kleinen. So ist „Vaterland“ ein sehr privater Film, in dem intimen Raum, den Sie zwischen Tochter und Vater kreieren, etwa in der Szene, in der Erika ihn rasiert. Aber das geschieht eben vor dem Hintergrund der großen Geschichte, des Zweiten Weltkrieges, des Holocausts, der Teilung Deutschlands, der Entstehung des Ostblocks.
Ja, die Herausforderung bestand darin, einen visuellen Stil zu finden, der das Intime mit dem Historischen verbindet – die Beziehung zwischen Thomas und Erika mit weiten Ausblicken, den Menschenmassen und den verwüsteten Landschaften.

Szene aus »Vaterland« | Foto: Agata Grzybowska
Wie haben Sie mit Ihren beiden Hauptdarstellern gearbeitet – Sandra Hüller und Hanns Zischler?
Jeder Schauspieler verlangt einen eigenen Umgang mit ihm. Die Anforderungen sind unterschiedlich. Prinzipiell versuche ich in meinen Filmen, eine gewisse Natürlichkeit zu bewahren, das heißt, die Figuren sollen sich nicht durch Dialoge und übliche schauspielerische Gestik erklären. Man soll den Eindruck haben, dass etwas zwangsläufig passiert.
Ja, vieles besitzt keine Eindeutigkeit, wird aber klar genug, damit man die Situation versteht, den Gesamtzusammenhang. Wie inszenieren Sie das?
Das geschieht oft mehr durch Körpersprache als durch Worte. Ich versuche, vom Literarischen im Kino wegzukommen. Oft sieht man dort nachgespielte Drehbücher. Die Filme wirken geschrieben. Ich möchte, dass das Drehbuch, das es natürlich gibt, auf der Leinwand verschwindet. Dass man eine Szene beobachtet, als würde sie sich neben oder vor einem abspielen. Hanns hat dafür seinen Ton schnell gefunden – dann ging es um Nuancierungen, da ein bisschen Ironie, dort ein bisschen Bitterkeit oder unterdrückter Ärger.
Und bei Sandra Hüller?
Sandra ist ein Phänomen – sie arbeitet immer von innen heraus, und das, was man nach außen hin sieht, ist stets brillant nuanciert und wahrhaftig. Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich mir einige dieser Szenen ansehe. Zum Beispiel wenn sie von ihrem Vater von Klaus’ Selbstmord erfährt. Oder wenn sie mit ihrer Mutter am Telefon die Beerdigungsvorbereitungen bespricht. Oder die Szene mit Gründgens, in der sich die Wut in ihrem Gesicht stetig aufbaut und schließlich in einer Ohrfeige entlädt.
Wie erschaffen Sie solche Momente?
Zuerst geht es beim Drehen darum, Leben zu erzeugen, und die Dinge ein wenig offen und locker zu halten, den Moment zu gestalten. Das bedarf langer Vorbereitung – Zeit zu verbringen mit den Schauspielern, sie kennenzulernen und sie in die Welt des Films eintauchen zu lassen. Ich versuche ein Umfeld zu schaffen, in dem das möglich ist, in dem wir alle die Freiheit nutzen, damit sich etwas entfaltet. Mir ist das Bild nicht weniger wichtig als die Schauspieler. Tatsächlich sollten Schauspiel und Bild eine Einheit bilden und sich gegenseitig ergänzen.

Pawel Pawlikowski | Foto: Aleksandra Modrzejewska-Mitan
Und was ist Ihnen wichtig am Jahr 1949? Ihr letzter Film „Cold War – Der Breitengrad der Liebe“ (2018) spielt 1949, und jetzt auch „Vaterland“.
1949 war ein historischer Moment, eine Zeit, in der Neues entstand, neue Staaten, neue Grenzen, neue Ideologien. In den Besatzungszonen in Deutschland formen sich zwei neue Gesellschaften. Alles ist zerstört, das Alte wird überlagert. Thomas Mann wird da interessant, denn er verkörpert diese liberale, humanistische Kultur des 19. Jahrhunderts, mit der er versucht, den Bruch zu heilen und die Spaltung zu überwinden. Was sich jedoch als hoffnungsloses, edles, aber unrealistisches Unterfangen herausstellt, da diese Welt für immer vergangen ist. Er spricht in diesem reichhaltigen, kunstvollen Deutsch mit den langen verschachtelten Sätzen und dem Verb erst ganz am Ende. Die meisten seiner Zuhörer sind verloren. Auf beiden Seiten der Grenze. Der ganze Film ist also die Geschichte von Missverständnissen, gesellschaftlich wie familiär. Ein Desaster. Erst die Musik von Johann Sebastian Bach am Ende schafft eine Art Erlösung. ||
VATERLAND
Polen, Deutschland, Italien, Frankreich 2026 | Regie: Paweł Pawlikowski |
Buch: Paweł Pawlikowski, Henk Handloegten | Mit: Hanns Zischler, Sandra Hüller, August Diehl, Devid Striesow, Joachim Meyerhoff | 82 Minuten | Kinostart: 3. September
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