Mit der nostalgisch-melancholischen Reihe »Start Small. Change Everything« über ganz besondere Erfolgsgeschichten feiert das Fünf Seen Filmfestival neben viel Altbewährtem sein 20. Jubiläum.
Wenn es um die Frage geht, was das wichtigste Filmfestival im süddeutschen Raum ist, fallen einem spontan der Branchen-Primus, das Filmfest München, ein, und, natürlich der Dinosaurier, die Internationalen Hofer Filmtage. Dann aber folgt auch schon an dritter Stelle das Fünf Seen Filmfestival (FSFF). Zwar kommt es ein bisschen auf die Zählweise an. Wenn man beispielsweise bei diesem Ranking nicht etwa nach der Höhe der Förderung, sondern nach der Anzahl der Vorführungen und dem Filmangebot gehen würde, wäre das FSFF sogar noch vor Hof auf dem Silberrang zu finden. Doch Statistiken sind bekanntermaßen Schall und Rauch, was zählt, sind die besondere Atmosphäre und das feine Ambiente, das Gespür für gute Filmstoffe und das Kuratieren auf höchstem Niveau.
Dafür steht seit nunmehr 20 Festivalausgaben Matthias Helwig, Begründer, Leiter und somit auch „Vater“ des FSFF, dessen Jubiläumsausgabe vom 3. bis 13. September 2026 an den bewährten wie illustren Spielorten Gauting, Starnberg, Weßling und Seefeld stattfindet. Eröffnet wird das Filmfest, und das ist keine große Überraschung, mit einem richtigen Knaller: „Lieblingsmenschen“ mit Katharina Thalbach und Bardo Böhlefeld, die wahre Geschichte einer 101-jährigen Berlinerin und immer noch aktiven Tänzerin, die mit einem schwulen iranischen Flüchtling eine unkonventionelle WG gründet. Der Film, dekoriert mit dem Publikumspreis des Filmfest München, ist laut Helwig „eine sehr liebenswerte, herzerwärmende Komödie der Irrungen und Wirrungen und für mich der ideale Eröffnungsfilm.“
Und das Jubiläums-Fest geht nur einen Tag später gleich mit dem nächsten Highlight weiter. Am Freitag, den 4. September, wird die erst 26-jährige Luna Wedler mit dem Hannelore-Elsner-Preis ausgezeichnet. Die gebürtige Schweizerin hat sich in den vergangenen Jahren mit Hauptrollen in Filmen wie Maariel Meyers „22 Bahnen“, Christian Schwochows „Je suis Karl“ und Ildikó Enyedis „Silent Friend“ (alle drei Filme sind auf dem FSFF zu sehen) einen Namen als Schauspielerin von internationalem Rang gemacht. Oder, wie es Matthias Helwig ausdrückt: „Luna Wedler spielt ihre Figuren mit großer Natürlichkeit und vermittelt deren Emotionen mit beeindruckender Intensität, aber auch Subtilität.“

Ihr schmeckts: Katharina Thalbach als 101-jährige Agnes im Eröffnungsfilm »Lieblingsmenschen« © Nordpolaris, Anne Wilk
Beeindruckend intensiv, das trifft wohl auch auf den Filmemacher Christian Petzold zu. Ihm ist die diesjährige Werkschau gewidmet, in der unter anderem „Die innere Sicherheit“, „Gespenster“ und „Barbara“ zu sehen sind. Petzold kann auch viel über den Raum erzählen, und wie die Schauspieler diesen bestimmten Raum vor der Kamera erfassen müssen. Dadurch wird der Regisseur auch zum perfekten Gesprächspartner für die traditionelle Architektur-Reihe des Festivals namens „Odeon“, die 2026 um die Sparte „Fragile Spaces“ erweitert wird. Darin zu sehen: Petzolds eigenes Werk „Transit“ sowie „The Great Arch“, der von einem der größten Architekturwettbewerbe der Weltgeschichte handelt. Ebenfalls bemerkenswert: Der Dokumentarfilm „Construction Site“ über die Renovierung des legendären Kinos Gaumont Opéra in Paris und „Pompeji: Unter den Wolken“, für den Regisseur Gianfranco Rosi drei Jahre lang das „zerbrechliche“ Leben der Menschen zwischen Neapel und dem einer tickenden Zeitbombe gleichenden Vesuv mit der Kamera begleitet hat.
Ansonsten ist alles beim Alten, könnte man sagen. Denn natürlich gibt es wieder alle wichtigen Preisverleihungen, mit Japan ein Gastland, das besonders im Fokus steht, sowie die legendäre Dampferfahrt auf dem Starnberger See. Und doch ist etwas anders bei der 20. Edition des Fünf Seen Filmfestivals, und das ist die nostalgisch-melancholisch angehauchte Reihe „Start Small. Change Everything“. So wie das Filmfest einmal klein angefangen hat und dann ganz groß rauskam, laufen hier Filme, die kleine, aber feine Erfolgsgeschichten erzählen. Zum Beispiel „Ghost School“ über ein zehnjähriges Mädchen, das mit unorthodoxen Mitteln gegen die Schließung seiner Schule vorgeht. Oder „To Hold a Mountain“, eine David-gegen-Goliath-Geschichte um eine Bäuerin und deren Tochter, die sich in Montenegro mit übermächtigen NATO-Militärs anlegen. Und schließlich „Trop Chaud. Klimaseniorinnen vs. Schweiz“, ein Justiz-Drama über Menschen, die im hohen Alter für Gerechtigkeit kämpfen. Damit will Matthias Helwig den Menschen Mut machen: „Probiert es einfach mal, auch wenn ihr erst klein anfangt. Wenn man an sich glaubt, kann wirklich etwas ganz Tolles daraus werden.“ ||
20. FÜNF SEEN FILM FESTIVAL
Starnberg, Gauting, Schloss Seefeld und
Weßling | 3. bis 13. September | www.fsff.de
Das könnte Sie auch interessieren:
Wer zuletzt lacht: Dokumentarfilm »Was haben wir gelacht«
Melancholie des Ungesagten: "Etwas ganz Besonderes" von Eva Trobisch
Ein kleiner Think Tank im Großen: Filmfest München 2026
Liebe Leserinnen und Leser,
wir freuen uns, dass Sie diesen Text interessant finden!
Wir haben uns entschieden, unsere Texte frei zugänglich zu veröffentlichen. Wir glauben daran, dass alle interessierten LeserInnen Zugang zu gut recherchierten Texten von FachjournalistInnen haben sollten, auch im Kulturbereich. Gleichzeitig wollen wir unsere AutorInnen angemessen bezahlen.
Das geht, wenn Sie mitmachen. Wenn Sie das Münchner Feuilleton mit einem selbst gewählten Betrag unterstützen, fördern Sie den unabhängigen Kulturjournalismus.
JA, ich will, dass der unabhängige Kulturjournalismus weiterhin eine Plattform hat und möchte das Münchner Feuilleton



