Eva Müller und Isabel Schneider haben einen Dokumentarfilm über fünf sehr witzige Comediennes gemacht, die das Unterhaltungsfernsehen der letzten Jahrzehnte revolutioniert haben und damit Frauen bis heute prägen. Das sollte nicht aufs Spiel gesetzt werden.
Frauen sind nicht komisch. Das war ein Credo über Jahrzehnte, und nicht nur Männer pflegten diese Überzeugung, sondern auch die Frauen selbst. „Du bist komisch“ war gleichbedeutend mit unverständlich, seltsam, unberechenbar, beunruhigend, hormonell verstört. Eine Frau, die schallend lachte und dabei den Mund aufriss, galt als ordinär. Sie überschritt lachend gesellschaftliche Grenzen, die von Männern in einer patriarchalen Gesellschaft gezogen und von Frauen willfährig vollzogen wurden. „Das tut man nicht!“ war ein Totschlagargument und reichte weit: Kinder hatten die Klappe zu halten, wenn sie nicht gefragt wurden. Röcke mussten eine anständige Länge haben. Frauen hatten zu lächeln, wenn Zoten in ihrem Beisein erzählt wurden. Die Hand auf dem Oberschenkel war ein Kompliment, das es zu würdigen galt. Frauen, die laut lachten oder gar selbst komisch waren, hebelten die eingespielten Verhältnisse aus, setzten Regeln außer Kraft, demonstrierten Respektlosigkeit, Selbstermächtigung und entlarvten die Absurdität gesellschaftlicher Konventionen.
Wie Pippi Langstrumpf, die bekanntlich so laut lachte, dass die Wände wackelten, und die dabei so stark war, dass sie nicht nur Männer, sondern sogar ein Pferd auf den Arm nehmen konnte. Frauen, die lachen, sind unberechenbar und gefährden Machtsysteme. Frauen, die nicht über Männerwitze lachen, sind Spielverderberinnen. Das will erstmal keine sein, also wird gute Miene zum blöden Spiel gemacht. Bis jemand kommt wie Hella von Sinnen und kein Blatt vor den Mund nimmt, um selbstverliebte, selbstgewisse und unlustige Männer direkt zu konfrontieren – wie beispielweise Hugo Egon Balder, dem sie nicht nur verbal, sondern auch optisch höchst exzentrisch Kontra gab. Das gab es bis weit in die 1980er öffentlich nicht. Umso absurder ist es, wenn Maren Kroymann rückblickend über humoristische Entertainerinnen sagt: Frauen wurden nicht ernstgenommen. Aber lustig fand man sie auch nicht.
Eva Müller, geboren 1979, und Isabel Schneider, Jahrgang 1995, haben die 80er Jahre nicht als Fernsehzuschauerinnen erlebt. Für ihren Dokumentarfilm „Was haben wir gelacht“ recherchierten zusammen mit Mona El-Bira und Monika Preischl über zwei Jahre lang in Archiven und sichteten Sendungen wie „RTL Samstag Nacht“, „7 Tage, 7 Köpfe“, „Nachtschwester Kroymann“, „Wetten, dass…?“, „Schmidteinander“ und „Herzblatt“, Fernsehberichte und Talkshows. Da wird einem schwindlig vor lauter Misogynie, man kommt aus dem Fremdschämen kaum heraus – und lacht trotzdem. Über die depperten Männer, als #MeToo noch in weiter Ferne lag und Harald Schmidt, Rudi Carrell, Thomas Gottschalk, Stefan Raab, Harald Juhnke, Hans-Joachim Kulenkampff oder Joachim Fuchsberger gönnerhaftes bis schwer sexistisches Zeugs von sich geben konnten, das heute absolut unmöglich wäre.

Gab ihren männlichen Kollegen Kontra: Hella von Sinnen | © BASIS BERLIN Filmproduktion / ZDF / Thomas Lütz, Archiv: Radio Bremen, Nachtschwester Kroymann, 04.11.1994
Maren Kroymann, Hella von Sinnen, Bettina Böttinger, Gaby Köster und Esther Schweins erzählen von ihren Erfahrungen in einer Zeit, in der auch sie als Frauen im Fernsehen vor allem Beiwerk waren, als Pointen dienten und weiblicher Humor als Quotenkiller galt. Sequenzen aus ihren Sendungen und den Formaten der Kollegen machen deutlich, in welchem Klima Humor stattfand. Der Witz um 20.15 Uhr, zur besten Fernsehzeit, war den Männern vorbehalten, und es waren Männerwitze, über die die Nation – tatsächlich auch die Frauen – lachten, auch wenn diese Witze in den Shows der 90er und Nullerjahre oft auf Kosten der Frauen gingen.
Was lief da schief? Über Dieter Bohlen, der seine damalige Frau Verona Feldbusch schlug, witzelte Rudi Carrell 1996 in „7 Tage, 7 Köpfe“, „sein Schlagzeug liege nun im Krankenhaus“, und Karl Dall ergänzte: „Das war ja noch sehr harmlos, was der Dieter gemacht hat, der wohnt ja in Tötensen.“ Wer witzig ist, verschafft sich Deutungshoheit über politische, gesellschaftliche, kulturelle Fragen und stellt Wertevorstellungen zur Disposition. Diese Haltung musste erobert werden. Was Frauen wie Hella von Sinnen damals öffentlich für sich beanspruchten, war mindestens so relevant wie Alice Schwarzers Schrift „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“, die ab 1975 für gewaltige Aufregung in der westdeutschen Gesellschaft sorgte.
Aktuell zeichnet sich zwischen Tradwives und falsch verstandenem Beliebigkeitsfeminismus eine besorgniserregende gesellschaftliche Tendenz ab: „Wir leben in einer Zeit des massiven Backlashs“, sagt Hella von Sinnen im Film. Die Filmemacherinnen Eva Müller und Isabel Schneider sagen: „Wir machen diesen Film in einem Moment, in dem die Errungenschaften, die wir für selbstverständlich hielten, wieder zur Disposition stehen. Wir erleben, wie sich eine aggressive, rückwärtsgewandte Männlichkeit neuen Raum nimmt, wie Gleichberechtigung als Zumutung verhandelt wird und wie Sichtbarkeit von Frauen erneut zum Streitfall geworden ist. Wer verstehen will, warum wir an diesem Punkt stehen, muss zurückschauen auf das Medium, das uns über Jahrzehnte am stärksten geprägt hat: das Unterhaltungsfernsehen. Denn dort wurde entschieden, worüber gelacht wird und wer das Lachen bestimmt, bestimmt, worüber gesprochen wird.“ Heute sind es die (a)sozialen Medien, in denen entschieden wird, wer steht oder fällt. Heute wissen wir, dass nichts unwiderstehlicher ist als Humor und Schlagfertigkeit. Dafür ist Intelligenz nötig, und komische Frauen sind intelligente Frauen. Diese Kombination ist für viele Männer schwer auszuhalten, weil auffliegen könnte, dass ihre Macht nicht auf Kompetenz, sondern auf Seilschaften und Größenwahn beruht. Bis heute. ||
WAS HABEN WIR GELACHT
Deutschland 2026 | Buch und Regie: Eva Müller, Isabel Schneider | Mit: Maren Kroymann, Hella von Sinnen, Esther Schweins, Bettina Böttinger und Gaby Köster | 98 Min. | Kinostart: 16. Juli
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