Nachrichten aus dem Sudan sind meist Katastrophen-Meldungen. Die Sudanesin Stella Gaitano erzählt mit ihrem preisgekrönten Roman »Eddos goldenes Lächeln« diese Geschichte von Gewalt, aber auch von Liebe, Loyalität und Magie. Mit ihrer Übersetzerin Larissa Bender stand sie damit auf der Shortlist für den Internationalen Literaturpreis.
Eigentlich ist Eddo nur auf den ersten Seiten präsent: mit ihrem Kummer, ihrem Schweigen, den zehn Fehlgeburten und einem verrückten Mann, mit ihrem Lächeln und dem Goldzahn. Aber ihr Geist, ihre Seele, ihre Spiritualität durchströmen den ganzen Roman; auch ihre Stärke, mit der sie anderen Frauen Mut zuspricht gegen häusliche Gewalt. Ihre Tochter Lucy, das elfte und einzige
überlebende Kind, wird zu einer Hauptfigur dieser Geschichte, die uns mehr über den Sudan und seine blutigen Auseinandersetzungen von Nord und Süd erzählt als viele Nachrichten.
»Eddos goldenes Lächeln« beginnt in den 60er Jahren, in den Dorfhütten des Südsudan und führt in die Hauptstadt Khartum, bis in die 80er Jahre. Krieg, Aufstände, Gewalt, Verfolgung prägen das Land, seit die gut ausgebildeten Araber des Nordens 1956 von den britischen Kolonialherren die Macht übernahmen, die Zentralregierung bildeten, sich als bessere Menschen sahen und den afrikanischen, englischsprachigen, christlichen Süden marginalisierten, sagt Stella Gaitano. Die Sudanesen hätten aus diesen Konflikten nichts gelernt, die Spirale der Gewalt drehe sich weiter. Selbst eine Zeit der Befriedung in den 70er Jahren unter dem Premier und späteren Präsidenten Dschafar an-Numairi, der dem Süden zunächst legitime Rechte gewährte, wurde 1981 von ihm selbst durch eine radikale Zentralisierung und Islamisierung abrupt wieder beendet. Es gab keine Gerechtigkeit, keine soziale Gleichheit, keine Balance in der Entwicklung, bilanziert die Schriftstellerin.
Auch seit der Spaltung von Nord und Süd 2011 kümmerte sich keine Regierung um Probleme wie Armut und Hunger, um die Zivilbevölkerung zwischen den Fronten und die Menschen in Flüchtlingslagern wie in Darfur. Stämme kontrollierten die Lage. Es ging nicht um Religion und Identität, vielmehr um Macht und Sudans Ressourcen: Gold, Gummi, Erdöl, Wasservorräte und Getreide. »Jeder versucht, auf dem Rücken des andern zu reiten«, stellt Peter fest, eine schillernde Romanfigur.
»Kugeln zerteilten die Himmelskuppel in der tiefen Finsternis, sirrten eine Zeit lang in der Luft, bis ihr Licht schließlich erlosch wie verirrte Sterne. Menschen suchten Zuflucht in ihrem Dorf und brachten Nachrichten von Tod und Feuer mit, auf den Kleidern getrocknetes Blut von Opfern, die sie nicht hatten bestatten
können«, heißt es. Lucy und ihr Mann Marco fliehen vor dem Krieg nach Khartum im Norden, bis sich der Aufruhr auch in der Hauptstadt zuspitzt, und die Härte des Militärs auch in Lucys nächster Nähe spürbar wird.
Die Gewalt habe ganze Generationen traumatisiert, und dieses Erbe werde weitergegeben, sagt Stella Gaitano. »Meine Mutter ist im Krieg geboren und aufgewachsen. Wir hatten nie die Chance, in Ruhe nachzudenken, was in uns vorgeht. Wir haben im Krieg sehr schwere Zeiten durchlebt, all unser Denken ist von diesem Trauma geprägt. Wir verstehen die Vorstellungen, die Identität anderer Menschen nicht, weil immer alles durcheinander ist: Wer ist Täter, wer Opfer? Ich bin das Opfer, du bist der Täter, so geht das.« Vorurteile sind hartnäckig. Südsudanesen sehen die Araber im Norden als Erben der Engländer, als Sklavenhändler, Ausbeuter und Mörder.
Mit ihrem Schreiben möchte Stella Gaitano ihre Landsleute zum Denken anregen, Literatur könne die Basis für Gespräche sein, hofft sie. Und so spiegelt ihr vielstimmiger Roman verschiedenste Perspektiven, zeigt Zwischentöne: Lucy, geprägt von dörflichen Mythen und Traditionen im Süden, von Aberglauben und
Mutterschaft, ist unpolitisch, eine Analphabetin, der die Metropole fremd bleibt; ganz anders der gebildete Peter, ein liberaler Offizier in Khartum, der sich gleichwohl der Humanität verpflichtet sieht und mit den Aufständischen kollaboriert; oder seine Stiefschwester Dschallaa, eine feministische Anwältin, ihre große Liebe Hassan, ein Rebell, der Haft und Folter erlebt; und all die anderen Figuren und Erzähler*innen dieses vielschichtigen Romans von
Herrschaft und Widerstand, davon, wie die Politik Schicksale diktiert, aber auch von Liebe, Freundschaft und Solidarität.
Stella Gaitano, Schriftstellerin und Apothekerin, kennt Nord und Süd: In Khartum ist sie 1979 geboren, im Südsudan aufgewachsen, bevor sie wieder nach Khartum ging. Sie spricht und schreibt auf Arabisch, der Sprache ihrer Ausbildung, und musste fliehen, weil sie in Artikeln und Geschichten die düstere Realität und den Kern der Konflikte benannte: Machtansprüche, Korruption, Misswirtschaft, das Elend der Binnenflüchtlinge nach Sudans Teilung, Armut, Menschenrechtsverletzungen und andere ungelöste Probleme. 2022 kam sie von Khartum ins deutsche Kamen, als Stipendiatin des deutschen PEN. Jetzt muss sie selbst mit den Schwierigkeiten des Exils klarkommen, die neue Sprache
lernen in diesem neuen Leben, eine neue Leserschaft finden. Mit diesem erzählerisch starken Roman sollte ihr das gelingen. ||
STELLA GAITANO: EDDOS GOLDENES LÄCHELN
Aus dem Arabischen von Larissa Bender | Kiepenheuer & Witsch,
2026 | 288 Seiten | 23 Euro
Das könnte Sie auch interessieren:

»Eis aus malzigem Bock wäre für München auch interessant«

In den Koffer! Die besten Bücher für Ihren Lektüresommer

»Ich bin ja eine Kämpferin«: Interview mit Rachel Salamander
Liebe Leserinnen und Leser,
wir freuen uns, dass Sie diesen Text interessant finden!
Wir haben uns entschieden, unsere Texte frei zugänglich zu veröffentlichen. Wir glauben daran, dass alle interessierten LeserInnen Zugang zu gut recherchierten Texten von FachjournalistInnen haben sollten, auch im Kulturbereich. Gleichzeitig wollen wir unsere AutorInnen angemessen bezahlen.
Das geht, wenn Sie mitmachen. Wenn Sie das Münchner Feuilleton mit einem selbst gewählten Betrag unterstützen, fördern Sie den unabhängigen Kulturjournalismus.
JA, ich will, dass der unabhängige Kulturjournalismus weiterhin eine Plattform hat und möchte das Münchner Feuilleton



