Unsere Literaturempfehlungen für den Sommer.
Familien-Trilogie
Was bei Serien funktioniert, geht manchmal auch in der Literatur: sich richtig in die Welt der Protagonist*innen eingrooven, mit ihnen leiden, lieben und wachsen. Die Autorin Alena Schröder hat in ihren Romanen »Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid« und »Bei euch ist es immer so unheimlich still« bewiesen, dass sie nicht nur auf lange Titel steht, sondern auch auf Erzählungen, die sich über Generationen weiterentwickeln. Nun hat sie mit »Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel« die Trilogie vollgemacht, auch wenn
nicht auszuschließen ist, dass es noch weiter geht. Jeder Teil funktioniert auch allein, aber in ihrer Gesamtheit entfalten sich immer neue Aspekte dieser Familiengeschichte, die Schröder aus der Perspektive der Frauen erzählt. Diesmal kontrastiert sie einen gegenwärtigen Erzählstrang mit der Geschichte der frühen DDR, deckt Kontinuitäten auf und bettet ihre Figuren ein in größere Zusammenhänge. Und auch wie bei einer guten Serie kommt einem am Ende der Gedanke, vielleicht noch einmal ganz von vorne anzufangen, um alles im großen
Zusammenhang und Fluss zu erleben. Wer sich im Urlaub also so richtig fallen lassen will in die Welt dieser Familie, packt sich am besten gleich die ganze Trilogie ein. || af

ALENA SCHRÖDER: MEIN GANZES LEBEN, ÖL
AUF LEINWAND, OHNE TITEL
dtv, 2026 | 352 Seiten | 23 Euro
Odyssee
Gleich zu Beginn stirbt die Mutter. Zurück bleiben Vater und Sohn, christliche, türkisch-arme nische Asylbewerber in Bielefeld. Ufuk wird erwachsen, studiert Regie, sucht Halt im Leben, seine Identität im Patchwork aus Erinnerungen
und Erfahrungen in den 90er Jahren: das endlose Warten auf Anerkennung des Asyls, die Liebe zur Arzttochter Johanna, die Hilfsjobs, viele Sackgassen. Nur einmal fühlt Ufuk etwas wie »Heimat« als Asylbewerberkind unter lauter
blonden Demonstranten gegen rechts. Mit einem Odysseus-Projekt will er, der Regiestudent in München, migrantische Erfahrungen auf die Bühne bringen, als Antwort auf alte Nazis, neue Rechte und auf Botho Strauß, der im Essay »Anschwellender Bocksgesang« von den »Sittengesetzen eines Volkes« schrieb. In fünf Akten erzählt Nuran David Calis, der Theatermann, Filmemacher, Prosaautor von Zugehörigkeit und strukturellem Rassismus, Mölln und Rostock, Gewalt und Widerstand, Lebenslügen und Zweifeln. Ein autobiografisch-rauschhaftes, auch verwirrendes Zickzack von Zeiten, Orten, Dokumenten, Interviews und Erzählung, aber ein höchst eindrucksvoller, intensiver Roman,
eine Odyssee, die – selten genug – das Leben in Deutschland von der »anderen« Seite zeigt. || cz

NURAN DAVID CALIS: RAUSCH
S. Fischer, 2026 | 288 Seiten | 25 Euro
Wurzeln
Wo ist der Anfang einer Familiengeschichte? Speziell der einer überglücklichen, wie es der deutsche Romantitel verheißt? Anna Brynhildsen löst dies raffiniert – sie beginnt zweimal: im Hier und Jetzt aus der Sicht von Sara, die mit ihrem Onkel Mats und ihrer Kusine Evi übers Wochenende von Malmö nach Berlin reist. Und dann, nach 65 Seiten, geht es vom Städtchen Pyritz um 1900 nach Berlin bis in die 1930er Jahre. Hier wächst das Mädchen Irma in einer jüdischen Arztfamilie auf und wird später ins (noch) sichere Stockholm geschickt. Die Briefe, die sie einst schrieb, möchte ihr Sohn Mats dem Jüdischen Museum Berlin übergeben, ein Grab sowie den Stolperstein besuchen, den er für seine Familie verlegen ließ. Bei alldem sind Sara, Mats und Evi mit höchst Gegenwärtigem beschäftigt: Sara ist schwanger, steckt in ihrer Beziehung fest und nutzt die Reise für eine Affäre. Mats möchte der labilen Evi schonend seine Trennung von ihrer Mutter beibringen. Die schwedische Autorin erzählt den von der eigenen Biografie inspirierten Stoff locker, kühn und unerbittlich. So ist Sara jegliche Schwärmerei für Berlin ebenso fremd wie eine innere Verbindung zur Stadt: »Wurzeln haben nichts mit Geografie zu tun, jedenfalls nicht, wenn man Jude ist«. || tr

ANNA BRYNHILDSEN: DIE GLÜCKLICHSTE
FAMILIE DER WELT
Aus dem Schwedischen von Franziska Hüther
S. Fischer, 2026 | 336 Seiten | 23 Euro
Wendezeit
Zur Literatur habe er dank »Anna Karenina« gefunden, erzählte Lukas Rietzschel, als er 2018 mit 24 Jahren sein viel beachtetes Debüt veröffentlichte: »Mit der Faust in die Welt schlagen« handelt vom Aufwachsen zweier Brüder im
Osten der Nachwendezeit. Acht Jahre, zwei Romane und mehrere Theaterstücke später legt er einen bravourös komponierten Gesellschaftsroman vor, der keinen Vergleich mit großen Vorbildern zu scheuen braucht: »Sanditz« spielt größtenteils in der gleichnamigen fiktiven ostdeutschen Kleinstadt. Rietzschel entfaltet – mit der Familie Wenzel im Zentrum – das Leben, den Widerstand und das Straucheln verschiedener Menschen in der DDR, während der Wende und Nachwendezeit bis hin zur Coronapandemie und zum russischen Angriffskrieg in der Ukraine. Er navigiert auf zwei Zeitebenen versiert durch 44 Jahre und hat sein beachtliches
Personal stets im Griff – wobei er den Schicksalen einiger weniger Figuren ähnlich einer Kurzgeschichte eigene abgeschlossene Kapitel widmet. Vor allem aber überzeugt Rietzschel mit einem neuen poetischen Ton. Das löst die
Geschehnisse im Roman von ihrem konkreten Ort und einer bestimmten Zeit und verleiht »Sanditz« einen Hauch von Universalität || tr

LUKAS RIETZSCHEL: SANDITZ
dtv, 2026 | 480 Seiten | 26 Euro
Schicksalsschläge
Der Hamburger mareverlag hat mit »Liebe und Salzwasser« einen Coup gelandet. Zu entdecken gibt es mit dem letzten von Ethel Wilsons insgesamt fünf schmalen Romanen eine durch und durch lebenskluge Autorin, deren Werke selbst in ihrer Heimat Kanada heute nur mehr antiquarisch erhältlich sind. Mehr noch: Die Übersetzung von Klaus Bonn, so deutet es Katharina Hagena in ihrem Nachwort an, scheint überhaupt die einzige zu sein, die es bislang von der 1888 in Südafrika geborenen und 1980 in Kanada gestorbenen Schriftstellerin in einer
fremden Sprache gibt. Ethel Wilson, die bereits mit elf Jahren Waise geworden ist und bei einer Tante in Vancouver aufwuchs, arbeitete lange als Lehrerin. Erst mit 59 Jahren begann sie zu schreiben. In »Liebe und Salzwasser« von 1956 erzählt
Wilson die Geschichte der vollkommen gegensätzlichen Geschwister Ellen und Nora Cuppy in ihrer ersten Lebenshälfte. Man lernt die bei den kennen, da ist die wilde, dunkelhaarige Ellen, Spitzname Gypsy, gerade einmal elf Jahre alt, und ihre ebenso bildschöne wie praktisch veranlagte Schwester Nora um die 20 und im Begriff einen wesentlich älteren Mann zu heiraten. 44 ungemein dichte Kapitel später – viele von ihnen könnten fast als eigenständige Kurzgeschichten durchgehen – heiratet schließlich auch die von Kindesbeinen an auf ihre Freiheit
bedachte Ellen. Dazwischen Szenen von »schrecklicher Schwere«, also das gesamte Auf und Ab des Lebens und Erwachsenwerdens: Fehlentscheidungen, Schicksalsschläge, Liebe, Verlust und Trauer. Ellen weiß um die Launen
des Schicksals: »Du schlenderst durchs Gras auf der Felskuppe und bewunderst die schöne Aussicht, wenn plötzlich – krach!« || fw

ETHEL WILSON: LIEBE UND SALZWASSER
Aus dem kanadischen Englisch von Klaus Bonn
Mit einem Nachwort von Katharina Hagena
mareverlag, 2026 | 224 Seiten | 28 Euro
Ignoranz zerstört
Noch immer steht Venedig nicht auf der UNESCO-Liste des gefährdeten Welterbes. Dabei zerstört jedes Kreuzfahrtschiff (ein winziger Umweg ändert daran nichts) mit seinem Wasserdruck die Lagune und die Fundamente
der einzigartigen Stadt im Wasser. Jedes Ausbaggern der Fahrrinnen macht Venedig ein Stück mehr kaputt. Und die Politik tut nichts. Der Bürgermeister, dem 63 Prozent der Venezianer bei der letzten Wahl ihre Stimme nicht gaben, würde die Stadt am liebsten in ein Disneyland ohne störende Einheimische verwandeln. Die sind machtlos, weil der faschistische italienische Staat unter Mussolini Venedig die Selbstständigkeit nahm und die Serenissima ins Festland eingemeindete, wo mehr Menschen leben. »Gotteskrieger des touristischen Fundamentalismus«, die es sogar unter Venezianern gibt, bieten die bröckelnde Stadt auf dem Weltmarkt feil. Wenn man durch Gassen mit verrammelten
Fenstern geht, weil gerade keine Hochsaison für Airbnb ist, dann stimmt einen das traurig. Die deutsche Journalistin Petra Reski, die seit über 30 Jahren in Venedig lebt, macht das auch zornig. Deshalb hat sie mit »Als ich einmal in den
Canal Grande fiel« einen aufschlussreichen Bericht »Vom Leben in Venedig« geschrieben und einen Appell für nachhaltigen Tourismus, den alle Besucher*innen lesen sollten. Wenn sie vom Glück der Coronazeit, als Venedig den Einheimischen gehörte, berichtet, ist das fast zum Weinen. || cw

PETRA RESKI: ALS ICH EINMAL IN DEN CANAL
GRANDE FIEL. VOM LEBEN IN VENEDIG
Droemer Verlag, 2021 (erw. Taschenbuchaus
gabe 2023) | 288 Seiten | 12,99 Euro
Bukarest
Endlich: Der Reiseführer, von dem ich immer geträumt habe! Ohne Routen-Vorschläge, ohne »das-müssen-Sie-gesehen-haben«, ohne Restaurant-Tipps, ohne Preisangaben, ohne Fotos. Stattdessen? Zeichnungen! In dem gekritzelt rohen, aber poppigen Stil, der ihr schon Preise eingebracht hat, hält die Illustratorin Arinda Crăciun ihre Lieblingsorte in Bukarest fest, wo sie fünf Jahre gelebt hat. Von Viertel zu Viertel spazierend – hinten im Buchdeckel bietet ein »Stadtplan« einen ungefähren Überblick über ihre Lage – lässt sie den Leser radikal subjektiv an ihren Gedanken teilhaben, ihr Wissen zu Architektur, Literatur, Kunst und Kultur fließt wie nebenbei ein. Sie erwähnt Vergessene(s) wie die verfemte Chansonniere Maria Tănase, die ungesühnte Versklavung der Roma, den Brand im Club Colectiv, die Megalomanie des N. Ceaușescu, kritisiert die andauernde Korruption: »Der IOR-Park […] stand früher voller alter Bäume. Sie wurden in den letzten Jahren immer wieder vorsätzlich vergiftet, angezündet und abgeholzt, um das Gebiet für Investoren attraktiv zu machen.« Es ist Crăciuns Bekenntnis zum Persönlichen, ja Intimen, das dieses »Stadttagebuch« auf die Longlist der schönsten deutschen Bücher 2026 gebracht hat und Bukarest auf die Liste meiner Reiseziele. || lh

ARINDA CRĂCIUN: EIN STADTTAGEBUCH –
ORTSWECHSEL BUKAREST
Übersetzt von Eva Ruth Wemme | Susanna
Rieder Verlag, 2026 | 128 Seiten | 24 Euro
Weitere Literaturtipps finden Sie in unserer Print- und Digitalausgabe Nr. 164. Link zum Kiosk hier
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