»Holding Ground« heißt das diesjährige Motto des Münchner Freie-Szene-Festivals Rodeo. Mit Vorschlaghammer und zarter Spitze, bewährtem Team und acht Sprachen stellt es sich dem Kampf mit der »bodenlosen Gegenwart«.

Einen Teppich im Baumscheiben-Look, eine Puppe mit goldener Haut oder eine Schallplatte: Alle Künstler*innen, die zur Rodeo-Pressekonferenz gekommen sind, haben etwas mitgebracht. Statt der typischen Handbewegung, die Ältere noch vom heiteren Beruferaten der TV-Steinzeit kennen, ein typisches Device, das etwas über eine Performance erzählt. Im Oktober findet das Tanz-, Theater- und Performancefestival der Münchner freien Szene zum dritten Mal unter der Leitung des Vereins Theater und Live Art München statt. Das Kuratorinnentrio Antonia Beermann, Ute Gröbel und Anna Donderer präsentiert seine Zehnerauswahl im Hof des HochX als Festival, das angesichts einer »bodenlosen Gegenwart Hoffnung macht und Neuverortung sucht«. Das Motto der neunten Rodeo-Ausgabe: »Holding Ground, Holding Space, Holding Each Other«. Ach, wenn das derzeit so fragile Kunstpflänzchen sie doch hätte, diese Macht!

Kulturreferent Marek Wiechers jedenfalls lobt das Rodeo-Team und das zu zwei Dritteln mit ihm identische HochX für seine »unermüdliche Weiterentwicklung mit überschaubarem Etat« und plädiert für Gespräche und Kontinuität. Beides Dinge, die ihn bei den Münchner Kammerspielen offenbar weniger interessierten. Hier aber scheint er es ernst zu meinen. Für die nächsten beiden Ausgaben der Biennale wird eine neue künstlerische Co-Leitung ausgeschrieben, während das Zepter grundsätzlich beim HochX bleiben soll. Das ist bemerkenswert, weil Rodeo seinem Namen lange dadurch gerecht wurde, dass es permanent seinen Reiter abwarf. Jede Ausgabe war ein Neuanfang. Zum anderen lässt die beiläufig erwähnte Neukooperation mit dem Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft aufhorchen, das auch eine Schlüsselrolle für die künftige Verwaltung der Jutier- und Tonnenhalle spielt. Trabt hier vielleicht schon ein Team auf die Poleposition für die Zeit, wenn dort irgendwann einmal auch Kunst stattfinden soll?

Das Festival steht vorerst auf einem anderen Blatt, auch wenn viele der eingeladenen Stücke vom HochX mit auf den Weg gebracht oder vom Rat und Tat Kulturbüro, in dem Donderer arbeitet, produziert worden sind. Rodeo baut weiter an der Zugänglichkeit für unterschiedliche Publika und bezieht neben blinden erstmals auch taube Zuschauer*innen mit ein. »Mit acht Tagen in acht Sprachen«, sagt Beermann »ist München als multilinguale Stadt endlich auch im Rodeo angekommen.« Und mit zwei Arbeiten, die nur einen losen Lokalbezug, aber ein ausgedehntes Touring vorweisen können, kommt ein Hauch Überregionalität nach München.

Sowohl Julian Warners »Der Soldat« wie Manuel Gersts »Die Verwandlung« sind polarisierende Abende. Wie Warner seine Zeit als Leiter des Augsburger Brechtfestivals zu einer Geschichte über Rassismus im Kulturbetrieb umschreibt und sich mit Frantz Fanons Theorien im Gepäck und dem großartigen Markus Acher als Rhythmusgeber im Rücken zum Freiheitskämpfer stilisiert, kann man offenbar auch nicht eitel finden oder trotzdem mögen. Bei Rodeo kann man die Probe aufs Exempel machen. Ebenso wie bei Gersts Versuchsanordnung zum Thema Aggression, die das Publikum dazu einlädt, einen VW Käfer mit leichtem Schaum und schwerem Werkzeug zu attackieren. Das Auto steht dabei sowohl für das, was es ist – ein Haufen Blech, der stinkt, sobald er in Aktion tritt – als auch für den Käfer, in den sich Kafkas Gregor Samsa eines Morgens verwandelt findet. Haut man also auf ein Industrieprodukt oder auf einen aus der kapitalistischen Verwertungslogik Gefallenen ein? Gewinnt dabei die Lust oder der Zweifel an diesem Unterfangen die Oberhand, das die Regelübertretung zur gruppendynamischen Pflicht macht? Oder ergibt beides eine produktive Mischung?

Christoph Theussl als Firmenangestellte in »Die Fabrik der verlorenen Fäden« | © Franz Kimmel

Neben Warners »Soldat« waren zwei weitere Stücke aus München im Juni zum Impulse Festival nach NRW eingeladen. Es geht voran mit der Sichtbarkeit der hiesigen freien Szene. Das eine ist »Yoldaş« von Nihan Devecioğlu, uraufgeführt bei Spielart 2025, das die erste Generation von Gastarbeiterinnen auf die Bühne holt, die im Münchner BMW-Werk den Standort Deutschland mit nach vorne gebracht haben. Ein wichtiger Beitrag zur deutschen Geschichte und zum Gewicht von Freundschaft, bei dem sich die berührende Musik und die Sängerin selbst bisweilen vor die protokollierten Geschichten stellen. Und auch »Stripping Bolero« war in NRW. Die Produktion von Rykena/Jüngst ist eines von drei Tanzstücken im Programm. Carolin Jüngst spielt bei der Pressekonferenz einen Ausschnitt aus der Audiodeskription ab, die in ihren Arbeiten mehr ist als nur eine praktische Handreichung für blinde Zuschauer*innen. Das klappt hier gut, der Text ist schön. Das Stück selbst macht sich auf dem Rücken von Maurice Ravels Ohrwurm an die »vielsinnliche« Erkundung verschiedener Formen von Verführung und Ekstase. Charakteristisch für das Duo ist ein Abend in Collagetechnik zu erwarten, mit zahlreichen popkulturellen Referenzen und Humor, der laut Gröbel zeigt, »wie sexy Barrierefreiheit sein kann«. Gröbel stellt auch Alina Belyaginas »Giving back the blessings« vor. Die Tänzerin und Choreografin habe sich »mit kompromisslosen Abenden einen Namen gemacht, die nicht so leicht zuzuordnen sind«. Belyagina selbst beschreibt ihre Arbeit als »Choreografie ohne Zentrum«. Vorerst nur so viel: Publikum und Tänzer*innen haben in einem anfangs dunklen Raum die Chance auf eine gemeinsame Erfahrung, wofür zum Festivalauftakt erstmals das Zirka bespielt wird.

Die einzige Uraufführung bei Rodeo ist »Making of an animal«, worin die Tänzerin Quindell Orton an ihr kluges choreografisches Debüt »Making of a man« anknüpft, und wieder wird es um die Konstruktion von Geschlecht, aber auch von »Rasse« gehen. Premiere ist am 10. Oktober im HochX, wo man vier Tage später auch Christiane Hubers »Wood Wood Wood« sehen kann. Huber hat den Baumscheibenteppich mit dabei und erzählt von den Recherchen ihres deutsch polnisch-belarussischen Teams im Białowieża Naturwald, die mit dem Interesse an dessen NS-Geschichte begonnen und sich zu einer umfassenden Waldgeschichte ausgewachsen haben. Ein wenig später hält Pathos-Chefin Judith Huber ein Stück rot gefärbter Spitze in der Hand und zeigt sich so ehrlich verliebt in ihre Arbeit über die einst in München beheimatete Spitzenweberei der jüdischen Unternehmerin Rosa Klauber, dass man »Die Fabrik der verlorenen Fäden« blind empfehlen möchte. Zumal die Arbeit von Traummaschine Inc. das einzige Kindertheaterstück des Festivals ist. Aber auch Dara Lalos »Ya te yan ya min // Bizim olan // Raub und Besitz // Is it really yours«  steht, macht neugierig auf einen wilden Mix aus Heist-Movie, Stand-up-Comedy und Wissenschaft.

Kolja Hunecks und Luuk Brantjes »Symbiosis« ist ebenfalls ein Mix – ein künstlerisch wie gravitativ fein austarierter und unbedingt erlebenswerter aus zwei artistischen Perspektiven und Disziplinen: der kreativen (Schallplatten-) Jonglage und des Schleuderbretts. Performances made in Munich können sich also durchaus sehen lassen, vor allem, wenn sie über ihren eigenen Teller-, Platten- oder Baumscheibenrand hinausschauen. ||

RODEO 2026
Verschiedene Orte | 9.–17. Oktober
Programm: www.rodeofestival.de
Tickets (Vorverkauf ab 7. September):
www.rausgegangen.de, www.rodeofestival.de

 


Das könnte Sie auch interessieren: