Seit 100 Jahren sind die Kammerspiele in der Maximilianstraße zu Hause und wurden zu einem der bedeutendsten deutschen Theater. Was im Schauspielhaus alles geschah.

Guten Mutes verkündete Intendantin Barbara Mundel am 11. Juni den Spielplan der nächsten Saison. Sie steht im Zeichen eines Jubiläums: Seit 100 Jahren residieren die 1911 gegründeten Münchner Kammerspiele im Schauspielhaus an der Maximilianstraße, das Max Littmann und Richard Riemerschmid 1901 erbaut und ausgestattet hatten. Kurz zuvor war publik geworden, dass die Stadt Mundels Vertrag nicht über 2028 hinaus verlängern will. Auf Nachfrage sagte Mundel, sie mache gern zwei Jahre weiter, falls man sie frage. Weil das nicht geschah, zog sie ihr Angebot zurück. So hängt ein Schatten über der Jubel-Spielzeit mit vielen Referenzen an die Kammerspiele-Historie.

Von der Avantgarde zum angepassten Schauspiel
Die Kammerspiele standen jahrzehntelang für hochkarätiges Theater und ein exzellentes Ensemble. Ab 1912 spielte man im früheren Lustspielhaus in der Augustenstraße 89 Strindberg, Wedekind und die Expressionisten. 1914 stieß Otto Falckenberg dazu, der von 1917 bis 1944 das Haus leitete. 1926 zogen die Kammerspiele in das Neue Schauspielhaus in der Maximilianstraße: ein Jugendstiljuwel mit 727 Plätzen. Am 19. September 1926 eröffnete Falckenberg mit »Dantons Tod«. Für die Ehre, an den Kammerspielen zu sein, nahmen die Schauspieler*innen geringere Gagen in Kauf. So entstand, was Wolfgang Petzet, Falckenbergs langjähriger Dramaturg, den »Geist der Kammerspiele« nannte: eine übergeordnete künstlerische Idee. Falckenberg entdeckte und förderte junge Talente, den Spielplan prägte die Avantgarde wie Wedekinds »Lulu« und die »Dreigroschenoper«. Nach der Machtübernahme der Nazis flüchteten viele jüdische Künstler*innen ins Ausland, Therese Giehse und Kurt Horwitz ans Schauspiel Zürich. Alle sogenannten Nichtarier mussten entlassen werden. Seit 2018 recherchiert das Projekt »Schicksale« die Spuren der Betroffenen. Falckenberg blieb Direktor und lavierte mit einem harmlosen Spielplan durch alle Schikanen bis zur Schließung 1944. 1939 wurden die Kammerspiele ein kommunaler Eigenbetrieb. Hitlers geplanten Umbau zum Nazi Kunsttempel verhinderte der Krieg.

Rückkehr zur Moderne
Nach Kriegsende wurde Falckenberg zwar entnazifiziert, erhielt aber Hausverbot. Er starb 1947, die 1946 gegründete hauseigene Schauspielschule wurde nach ihm benannt. Der erste Intendant Erich Engel holte die Moderne mit Thornton Wilder, Anouilh und Giraudoux. Im Ensemble waren Friedrich Domin, Maria Nick
lisch, Inge Birkmann, Carl Wery und Gerd Brüdern. 1947 übernahm Hans Schweikart, spielte Claudel, Zuckmayer, Dürrenmatt, Peter Hacks, Erich Kästner und Arthur Miller. Ab 1949 spielte auch Therese Giehse immer wieder am Haus. Der aus dem Exil zurückgekehrte Fritz Kortner begann eine Regiekarriere. 17
Inszenierungen verdankten ihm die Kammerspiele, darunter »Kabale und Liebe«, »Warten auf Godot« und »Othello«. 1961 eröffnete das Werkraum-Theater als Studiobühne, Qualtinger spielte »Der Herr Karl«.

Schweikarts Assistent August Everding folgte ihm 1963. Auf sehen erregte »Die Ermittlung« von Peter Weiss, Protokolle der Nürnberger Prozesse. Regisseur Rudolf Noelte kam ans Haus. Der Kortner-Assistent Peter Stein inszenierte Edward Bonds »Gerettet« und den »Viet Nam-Diskurs«. Da kam es wegen einer
Geldsammlung für die Vietcong zum Bruch. Es waren die Nachwehen der 68er-Jahre. Der Dramaturg Heinar Kipphardt wollte im Programm zu Biermanns »Dra-Dra« 24 Köpfe aus Politik und Wirtschaft drucken als Kapitalismusvertreter. Die Seiten blieben weiß, doch Kipphardt musste gehen. Hans Hollmann machte
Brechts »Leben Eduard des Zweiten« zum Triumph. Im Werkraum gab es »Heimarbeit« und »Hartnäckig« von Kroetz. In Hans-Reinhard Müllers Amtszeit ab 1973 lieferten Oberspielleiter Dieter Dorn und Chefdramaturg Ernst Wendt ab 1976 Regie-Highlights: Dorn brillierte mit »Minna von Barnhelm«, Wendt mit Pirandellos »Riesen vom Berge« und »Käthchen von Heilbronn«. Die heftige Rivalität der beiden spaltete die Belegschaft. 1982 verzauberte Robert Wilson die Münchner mit »Die goldenen Fenster«.

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