Hannah Schillinger entwirft eine neues Bild der Jeanne d’Arc.
Sie muss schon verrückt gewesen sein, im Mittelalter als Drag King in den Krieg zu ziehen, todesmutig, furchtlos. Ihr von Gott gesandtes »crossdressing« auf dem Schlachtfeld hätte doch jederzeit auffallen können. Mit diesem Gedanken kommentierte die Drag-Queen und Autorin Olympia Bukkakis kürzlich die historische Figur Jeanne d’Arc anlässlich eines unserer Gespräche über Queerness und Hybridwesen. Der Satz blieb mir hängen. Vielleicht, weil er eine Figur beschreibt, die sich bis heute schnellen Zuschreibungen und Normkategorien entzieht. Jeanne d’Arc: Heilige und Kriegerin, Außenseiterin und Nationalheldin, Projektionsfläche und damit politischer Körper zugleich. Sie trug männlich konnotierte Kleidung, führte als junge Frau ein Heer an und wurde später als Ketzerin verurteilt und auf dem Scheiterhaufen hingerichtet. Zugleich wurde sie zur Galionsfigur unterschiedlichster politischer und kultureller Bewegungen. Aber wer kämpft heute? Wie, womit und vor allem wofür? Auf welchen Bühnen werden solche Kämpfe sichtbar?
Mit »JOAN« nähert sich die Choreografin Hannah Schillinger dieser historischen Gestalt und ihrem mythischem Flair aus einer zeitgenössisch queerfeministischen Perspektive. Ausgehend von Friedrich Schillers Drama »Die Jungfrau von Orléans«, zahlreichen weiteren Ausdeutungen wie Umschreibungen in Hoch- und Popkultur sowie schwarz-queerfeministischer Literatur ist mit dem Stück »JOAN« eine genreübergreifende Arbeit entstanden, die sich zwischen Tanz, Gesang und Performance bewegt. Dabei soll Jeanne d’Arc nicht als historische Heldin nacherzählt, sondern als Figur vorgestellt werden, an der sich Fragen zu Normgrenzen von Geschlecht, Macht, Glauben und gesellschaftlicher Zugehörigkeit bündeln.

Das Ensemble von »JOAN«: Julie Carrere, Eléonore Bovet und Musiker s.t3v aka Stevie
Gunter (v. r.)| © Hanna Kaunicnik
Dass »JOAN« nun im Schwere Reiter in München uraufgeführt wird, wirkt fast wie ein historischer Kommentar zum Raum. Der Name der Spielstätte erinnert noch an die frühere Nutzung als Kaserne für die Kavallerie – jene schwer gerüsteten Reiter, die einst heldenhaft männlich in den Krieg zogen. Heute ist das Schwere Reiter ein Ort für zeitgenössischen Tanz und Performance, an dem immer wieder Arbeiten gezeigt werden, die sich mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen, Widerstand und queeren Perspektiven auseinandersetzen und choreografisch das Bild des alten Helden auflösen. Zwischen diesen beiden historischen Bildern – dem gepanzerten Körper des Soldaten und dem Körper als Ort künstlerischer und politischer Aushandlung – bewegt sich auch die Figur der Jeanne d’Arc.
Auf der Bühne stehen in »JOAN« mit Julie Carrere und Eléonore Bovet zwei Performende, deren künstlerische Praxis an den Schnittstellen von Tanz, Performance und bildender Kunst angesiedelt ist. Gemeinsam mit Sounddesigner s.t3v aka Stevie Gunter, Lichtdesigner Vito Walter sowie Lucy/Louis Caspar Schmitt für Bühne und Kostüm und tanzwissenschaftlich informierter Dramaturgie von Jenny Mahla entsteht eine vielstimmige Annäherung an eine Figur, die sich einfachen Zuschreibungen seit jeher entzieht. Hannah Schillinger gestaltet ihre Arbeiten zwischen Tanz, Theater und bildender Kunst. Sie startete mit der Ausbildung bei Iwanson, studierte an der Amsterdamer Universität der Künste und machte als Stipendiatin den Master für Choreografie am HZT Berlin. Ihr choreografischer Ansatz zeichnet sich aus durch komplexe Raumkonzepte, »virtuelle Skulpturen« wie sie es nennt, und gesellschaftspolitische Fragestellungen. So untersuchte sie in »Field Work« – 2022 uraufgeführt bei der Tanzwerkstatt Europa – körperliche Arbeit und Rituale des Landwirtschaftlichen. In »JOAN« dürfen wir ihren Stil erstmals anhand eines Stoffs des klassischen Kanons kennenlernen und erleben, wie heroische und religiöse Gesten heute umgedeutet und neu kontextualisiert werden können. ||
HANNAH SCHILLINGER: JOAN
Schwere Reiter | 31.7. und 1.8., 20.30 Uhr
2.8., 18 Uhr | Dachauer Str. 114 a | Tickets:
rausgegangen.de
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