Bald im Kino – der Münchner HFF-Student Mykyta Gibalenko zeigt sein Langfilmdebüt „Camouflage“ bei den Filmfestspielen von Venedig.

Der Philosoph Theodor W. Adorno formulierte den wohl bekanntesten Satz seiner Aphorismen- und Essaysammlung „Minima Moralia“ Mitte der 1940er Jahre in Los Angeles: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Geflüchtet vor dem Holocaust und emigriert in die USA war er sich sicher: Das Leben jedes Individuums wird immer durchwirkt sein von all den Missentwicklungen der menschlichen Welt, immer abhängig von der zerstörerischen Kraft der Systeme, dem Kapitalismus oder dem Totalitarismus. Die Situation eines im Exil lebenden Menschen beschreiben die Worte treffend: In der neuen Heimat kann man nur alles falsch machen – entweder man passt sich zu sehr an oder man bleibt ein Außenseiter. Fremd fühlt man sich immer. So geht es in dem Spielfilm „Camouflage“ auch Vitaly, einem jungen Mann, 22 Jahre alt, der sich 2021 aus der Ukraine nach München aufmacht, um dort ein neues Leben zu beginnen. Deutsch spricht er kaum, und der Job in der Mensa der Universität überfordert ihn. Mykyta Gibalenkos Kinodebüt zeigt das Verhängnis, wenn man in das Spannungsfeld unterschiedlicher Identitäten gerät. Hatte er Adorno und dessen berühmten Satz im Sinn? „Ja, aber Adorno ist nicht unbedingt für seinen Optimismus bekannt – deswegen möchte ich hinzufügen, dass mein Film doch auch nach Lösungen sucht. Wenn ich zwischen den Welten gelandet bin, stellt sich die Frage: Was kann ich unter den gegebenen Umständen tun? Mir war das sehr wichtig, dass die Hauptfigur im letzten Drittel von Camouflage aktiv wird, sich selbst hinterfragt und etwas unternimmt. Vitaly findet eine Antwort in der Kunst, und bringt Menschen zusammen. Man soll aus dem Film auch mit Hoffnung rauskommen.“

Regisseur Mykyta Gibalenko mit seiner Produzentin Katharina Kolleczek auf dem Lido von Venedig im Haus der „Giorgnate degli Autori“ © Moritz Holfelder

Berührend und sich dabei nie allein auf seine Hauptfigur konzentrierend, erzählt Gibalenko ein vielschichtiges Drama über Selbstfindung in schwierigen Zeiten. Vitaly schließt sich in München einer studentischen Theatergruppe an, und mietet ein Zimmer bei Fiona, einer jungen Frau, die gerne hilft und vermittelt. So nimmt sie auch Vitalys Mutter und dessen Schwester auf, wenn die wegen Russlands Vollinvasion in der Ukraine aus ihrer Heimat flüchten müssen: „Es wird immer vergessen – der Krieg Putins und Russlands gegen die Ukraine begann bereits 2014 mit der Besetzung der Krim“, sagt Gibalenko, „erst Jahre danach folgte am 24. Februar 2022 der groß angelegte Angriff durch die russische Armee auf Kiew und den Rest der Ukraine. Es ist also richtig, vom Krieg und folgend der Großen Invasion zu sprechen. Auch in der Ukraine haben sich viele Menschen bis zum allerletzten Moment geweigert, zu akzeptieren, dass der Krieg schon 2014 begann.“

Gibalenko hat die Geschichte gemeinsam mit seiner Co-Drehbuchautorin Sharyhan Osman aus eigenen Erfahrungen heraus entwickelt. Er kam 2013 nach Deutschland, ebenfalls auf der Suche nach einer neuen Heimat. Wie die Hauptfigur Vitaly setzte er sich in der Folge der Großen Invasion auch wieder mit seinen ukrainischen Wurzeln auseinander.

Am Tag vor der ersten Vorführung sitzt der Regisseur gemeinsam mit seiner Produzentin Katharina Kolleczek im Haus der „Giorgnate degli Autori“, der unabhängigen Nebenreihe der Filmfestspiele von Venedig: „Es ist Wahnsinn“, erklärt sie, „dass der erste Langfilm von Mykyta hier angenommen wurde. Die Dreharbeiten waren voll ein studentisches familiäres Projekt, also – von der Praktikantin über die HauptdarstellerInnen bis zur ZDF-Redakteurin sind jetzt alle hier. Das ist toll! Wir freuen uns wahnsinnig.“ Zur Welturaufführung von „Camouflage“ reiste fast das ganze Team an, über 30 Leute, darunter viele Ukrainer:innen, die an dem Film mitarbeiteten, dazu noch Freund:innen und Bekannte, die die Premiere in Venedig zur großen Feier machten.

In „Camouflage“ geht es um Migration und Krieg als kollektive Erfahrungen. Ohne zu sehr zu psychologisieren oder zu dramatisieren, bringt Gibalenko uns die Atmosphäre nahe, die entstand, als Ende Februar 2022 viele Ukrainer:innen nach Deutschland kamen, als sie warm empfangen wurden und die Hilfsbereitschaft groß war. Klug verwebt der Film nebeneinander existierende, existentielle Perspektiven – und findet passende Bilder dafür: „Wir haben das Thema der Camouflage, des sich Tarnens und Versteckens, in den visuellen Stil des Films einfließen lassen. Vitaly sieht man oft in einer Menge von Menschen, man erkennt ihn nicht sofort“, sagt Gibalenko, „ob das nun bei seiner Ankunft in München rund um den Hauptbahnhof ist oder im Ensemble der Theatergruppe. Das betrifft uns ja alle, dass wir uns immer wieder wie in einem falschen Leben fühlen und das richtige suchen.“

Am Ende arbeitet Vitaly mit seiner Schwester und Teilen der Theatergruppe an einer Audio-Installation. Darin heißt es: „Wenn Deine Landsleute und Deine Sprache beginnen, langsam zu verschwinden, dann ist da kein Frieden, keine Freiheit mehr … . Es bleibt nur eine ohrenbetäubende Stille, die die Fenster bersten lässt.“ ||

In Deutschland ist „Camouflage“ ab dem 8. Oktober im Kino zu sehen – in München gibt es eine große öffentliche Premiere mit Regisseur, Darsteller:innen und Team, außerdem eine Deutschlandtour in zehn Städte. Alle Termine werden unter www.wonderl.ink/@camouflage.film bekannt gegeben.

 

 

 


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