In „Creep“ überzeugt das Young Pathos Kollektiv mit Ehrlichkeit, Charme und seinem großen musikalischen Können. Dabei geht es an dem Abend um Minderwertigkeitsgefühle.

17 Uhr 38: Kein Event und kaum eine Verabredung wird auf diesen Zeitpunkt fallen. Er ist weder Fisch noch Fleisch, nicht mehr Nachmittag und noch nicht richtig Abend, irgendwas zwischen Abflug und Landung. Eine Uhrzeit zum Vergessen! Kurz: Creep-Time. Und so versammeln sich im Pathos ein paar von denen genau um 17 Uhr 38 vor dem Mikro, die sich irgendwie creepy und socially awkward fühlen. Zu hässlich, zu tollpatschig, mit zu viel Panik vor der Schwimmbad-Umkleide oder so. Jedenfalls nicht passend.

Es ist schon verrückt, wie lange im Leben man denkt, nur einem selbst gehe es so – und deshalb umso schöner, dass sich das Young Pathos Kollektiv gleich im Team dieser Angst vor dem Falsch-Sein widmet. In der musikalischen Performance „Creep“ singen, tanzen und spielen sie sich sieben junge Künstler*innen von der Seele, bringen bekloppte Wünsche und krude Bekenntnisse live „on air“ – so steht es in leuchtenden Lettern auf der kleinen Stufenbühne aus Holz, die Joe Bogner Carbó für die Show gebaut hat. Antonia Lorrigs Kostüme unterstreichen mit viel Rot und extravaganten Schnitten die Individualität der Performenden, deren Gesichter am Ende hinter phantasievollen Tiermasken verschwinden. Aber auch da erkennt man sie noch, hat man sie doch längst ins Herz geschlossen mit ihrer Ehrlichkeit, ihrer Selbstironie, ihrem Charme und ihrem Können.

Szene aus „Creep“ vom Young Pathos Kollektiv | Foto: Lila Piperova

Richard Eckert und Zhechang Yuan sind als erste auf der Bühne und fragen Emma Delfs, Emil Schnabbe, Margarete Wohlgemut, Victoria Stellpflug und Sophia Fanelli, warum sie persönlich den Titel „the greatest creep of 2026“ verdienen. Und die preisen ihre Defizite wie Juwelen an, denn selbst wenn es ums Unglücklich- und Ungeliebt-Sein geht, lautet die Devise: „Du bist nie genug!“
Bald aber ist der Wettbewerb Geschichte und der Radio-Jingle „baby, it´s 17 Uhr 38“ wird zum losen roten Faden. Jede*r trällert die Worte mal ins Mikro und lockt damit sirenenhaft Leidensgenoss*innen an, die gestehen, wie sie Nachbarn stalken und auf Klassenfahrten zu noch weniger angesagten Schülern richtig biestig waren. Creeps sind nicht nur Opfer, und prompt schließen sie eine*n aus der eigenen Runde aus: Erst die hübsche Sophia, dann Emil, der es ihnen mit einem wunderschönen und traurigen Song über Rachegedanken und Männlichkeit heimzahlt.

Das absolut Umwerfende an dem von den jungen Performer*innen gemeinsam mit Regisseurin Chris Hohenester entwickelten Stück ist sowieso nicht der Plot oder die eher platten Creep-Namen wie Slightly Dumm oder Frau Scheisse, es sind nicht die kurzen Geschichten vom Hass auf den eigenen Körper oder diversen Formen der Soziophobie, und noch nicht mal die ausgefallenen Träumen davon, Schriftstellerin zu werden „mit einer ungeplant tollen Frisur“ oder „Spaß zu haben an Dingen, die Spaß machen“ . Es ist die Art, wie die sieben all dem musikalisch und energetisch beikommen, ganz ohne Selbstmitleid, dafür mit Schmackes. Und gemeinsam! Anfangs sitzt Victoria Stellpflug noch alleine am Klavier und singt mit schön gebrochener Stimme Radioheads „Creep“. Später geht es von Nina Hagens ebenso wundervoller „Naturträne“ zu selbst Komponiertem und Gedichtetem. Mitsing-Hymnen und Mutmach-Punk sind dabei und einiges, was man sich merken möchte. Und die Creeps begleiten einander dabei, mit der Geige, der E-Gitarre, stimmlich oder mit pantomimisch unterfütterten Gruppenchoreografien. Und wenn einer wie Yuan nach eigenen Aussagen nicht singen kann, tanzt er eben ein Solo.

„Der Teufel wartet auf mich am Bahnhof, und er sagt mir, ich bin schwer zu lieben“, heißt es einmal in einem Song. Dieser Abend leuchtet den Teufeln und Monstern in den Köpfen, die unsere Selbstzweifel säen und sich im Zweifel von ihnen ernähren, derart schwungvoll heim, dass sie entweder die Flucht ergreifen oder selbst gute Laune bekommen. ||

„Creep“, noch zu sehen am 12., 15., 16., 17. und 19 Juli, jeweils 21 Uhr
im Pathos

 

 


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