Im Oberammergauer Passionstheater inszeniert Christian Stückl „Tyll“ nach dem Roman von Daniel Kehlmann.
Hier hat der Krieg gewütet. Das Haus auf der Drehbühne von Stefan Hageneier (auch Kostüme) inmitten von aschebestäubten Fichten ist eine Ruine, zerschossene Wände ohne Dach. Kein Heim mehr für die Müllerfamilie des esoterisch orientierten Vaters Claus Ulenspiegel (Andreas Richter), der hochschwangeren Mutter Agneta (Franziska Burger) und des halbwüchsigen Sohnes Tyll (Maximilian Bender). Der wird später als Gaukler und Hofnarr zur Legende. Falls es ihn je gegeben hat, hat er zwischen 1300 und 1350 gelebt, eine Sammlung seiner bösen Streiche wurde erstmals 1515 gedruckt. Aber diese Schwänke haben den Romancier Daniel Kehlmann nicht interessiert. In seinem Roman „Tyll“ verlegt er dessen Lebensgeschichte in den Dreißigjährigen Krieg, zeigt, wie ein fantasiebegabter, wissensdurstiger Junge durch den Krieg zum Zyniker und Sarkasten wird. In Oberammergau hat der Passionsspielleiter Christian Stückl seine dreistündige Bühnenadaption mit den örtlichen Laiendarstellern inszeniert, die er mit den jährlichen Sommeraufführungen für die nächste Passion trainiert. Bereits mit dem Kehlmann-Roman „Lichtspiel“ über den Filmregisseur G. W. Pabst hat Stückl dem Münchner Volkstheater einen großen Erfolg erspielt.

Tyll und Anna (Maximilian Bender, Anna Norz v.l.) suchen ihr Glück am Hof des Winterkönigs Friedrich von der Pfalz und seiner Frau Liz (Eva Norz, Yannick Schaap v.r.), in der Mitte Graf Hudenitz, des Königs Kanzler (Walter Rutz) © Arno Declair
Fliegen möchte Tyll gern oder wenigstens in der Luft tanzen. Schon als Junge spannt er Seile im Wald und übt darauf. Als der fanatische Jesuit Athanasius Kirchner (gnadenlos inquisitorisch: Rochus Rückel) seinen Vater als Ketzer an den Galgen bringt, entflieht Tyll dem Dorf. Zusammen mit der freiheitsdurstigen Bäckerstocher Nele (Anna Norz) schließt er sich einem versoffenen Gaukler (Benedikt Fischer) an und lernt das Trick-Handwerk. Plötzlich balanciert er (Seiltänzer Sascha Grill) meterhoch über der Bühne, lässt sich von der Menge Schuhe zuwerfen und verhöhnt sie dann beim anschließenden Suchchaos. Das ist der einzige bekannte Schwank, den Kehlmann und Stückl zeigen. Vielmehr geht es um Tylls Verhältnis zur Macht: Er landet als Hofnarr beim glücklosen „Winterkönig“ Friedrich von der Pfalz (herrlich selbstmitleidig: Yannick Schaap) und dessen gschnappiger englischer Frau Liz (Eva Norz). Friedrich, aus Böhmen vertrieben, bittet vergeblich um Hilfe beim schwedischen König Gustav Adolf, den Anton Preisinger genüsslich als prollig-vulgären Teufels-General spielt. Der Machtmensch würde sich gern Tyll kaufen. Obwohl es verlockend ist, als Narr ungestraft die Wahrheit zu sagen, treibt ihn doch die Rache weiter auf die Suche nach Athanasius Kirchner. Nicht nur den hat er am Schluss auf dem Gewissen, er ist wie alle ein schuldbeladenes Kind des Krieges. Aber auch ein Zweifler, Skeptiker, Aufklärer und Spötter.

Anna, Olearius, Tyll und ein Soldat (v.l. Anna Norz, Ferdinand Dörfler, Maximilian Bender, Emil Twitschel) © Arno Declair
Stückl erzählt die Geschichte in drei Stunden schlüssig und stringent bis auf einige Längen im zweiten Teil. Er bringt sein zum Teil schon erprobtes großes Ensemble zu erstaunlichen schauspielerischen Leistungen, auch ein leibhaftiger Esel folgt brav den Regieanweisungen. Markus Zwink hat wie immer eine außergewöhnliche Musik mit sakralen Anklängen dazu komponiert und dirigiert souverän das professionelle Orchester und den Chor. Tyll verweigert sich nicht nur der Macht, sondern auch dem Tod: Am Ende schwingt er sich vom Seil in die Unsterblichkeit der Legende. ||
TYLL
Oberammergau Passionstheater | 10., 11., 17., 18., 24., 25 Juli | 20 Uhr | Tickets: 08822 32488 | www.passionstheater.de | Shuttle-Bus hin und zurück ab München ZOB Hackerbrücke, 16.30 Uhr, 25 Euro
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