Claudia Bossard macht in ihrer »Zauberberg«- Inszenierung das Vergehen von Zeit fühlbar.

Der Zauberberg

Gestrandet in Davos

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Das »Zauberberg«-Ensemble im Schnee | © Gabriela Neeb

Er ist ein Gestrandeter, der sich in Zeit und Raum verliert. Genauer gesagt in einer Lungenheilanstalt mit viel Aussicht auf die Schweizer Berge und wenig Aussicht auf Heilung. So könnte man die Geschichte des jungen Hans Castorp erzählen, der in Thomas Manns Roman »Der Zauberberg« seinen Cousin Joachim Ziemßen im Sanatorium besucht – und statt der geplanten drei Wochen sieben Jahre bleibt. Diese Jahre, in denen viel geredet und wenig gehandelt wird, erzählt Mann auf gut 1000 Seiten.

Claudia Bossard hat den Roman nun für die Bühne adaptiert und ihre Fassung im Volkstheater inszeniert. Anders als bei ihrer Vorgängerarbeit »Feeling Faust« sucht sie weniger den Kommentar zum Ausgangswerk, hält sich an dessen Erzähl- und Handlungslinien. In einem Vorspiel im Ärztezimmer liefern Luise Deborah Daberkow als Hofrath Behrens und Nina Steils als Dr. Krokowksi einen theoretischen Unterbau, warum »Mann« diese Geschichte erzählt à la »eine gute Geschichte ist nicht passé, weil sie in der Vergangenheit spielt« und »sie spielt immer vor einer zerklüftenden Wende«: »Wann wäre je die Kurz- oder Langweiligkeit einer Geschichte abhängig von der Zeit, die sie in Anspruch nimmt?«, fragen sie. (Vier Stunden später mag frau in diesem Punkt leise Zweifel anbringen: denn dieser Geschichte hätte es durchaus gutgetan, wenn sie etwas weniger Zeit in Anspruch genommen hätte.)

Bühnen- und Kostümbildnerin Romy Springsguth lässt die riesige Bühne des Volkstheaters in all ihrer Weite wirken. Ein gigantischer Raum, in dem sich die wenigen Ausstattungselemente verlieren wie die Mann’schen Figuren in ihrer Zeit. Kein kitschiges Alpenpanorama, keinerlei von der Tristesse ablenkender Schnickschnack. Nur der weite schwarze Raum, über dem ein riesiger Ring schwebt, aus dem es immer wieder unheilverheißend raucht. Hier also kommt Jan Meeno Jürgens als Hans Castorp an, trifft schnell auf die anderen Bewohner*innen: auf seinen Cousin (Steffen Link), die faszinierende türenschlagende Clawdia Chauchat (Liv Stapelfeldt) sowie die beiden philosophierenden und debattierenden Denker Ludovico Settembrini (Jakob Immervoll) und Leo Naphta (Alexandros Koutsoulis).

Der »Hospitant im Schattenreich« wird schnell eingesogen von diesem speziellen Kosmos, in dem zwar zuweilen viel gleichzeitig geschieht, in dem aber jeder Tag dem anderen gleicht. Die hier gestrandet sind, philosophieren sich zu Tode. Alexander Yannilos, der im Hintergrund am Schlagzeug sitzt, schafft einen gewitzten Soundtrack, verstärkt die Geräusche der aufprallenden Basketbälle oder begleitet die Auftritte des Hofrats mit prägnanten Tuschs. Wenn Chauchat den Raum durchschreitet, steigt der kollektive Herzschlag an zu einem laut vernehmbaren Puls. Bossard fasst die Gleichförmigkeit der Tage in chronischer Krankheit, die Rituale und Selbstreferentialität des Klinikdaseins in prägnante Bilder. Alles ist relativ hier, die Genesung wie die Zeit. Der Bezug zur Realität, er geht hier allen früher oder später verloren.

Thomas Mann schrieb seinen Roman Anfang der 1920er Jahre. Man kann ihn lesen als Spiegelung der Weimarer Republik, in der die Demokratie am Bröckeln war und die Nationalsozialisten stark werden konnten. Dass am Premierenwochenende deutschlandweit eine Million Menschen gegen rechte Ideologien demonstrierten, lässt ein wenig Raum für die Hoffnung, dass der Ausgang heute ein anderer sein wird als damals. Wie Settembrini einmal sagt: »Die Demokratie muss immer wieder gewollt sein, von jeder Generation.« ||

DER ZAUBERBERG
Volkstheater | Tumblingerstr. 29 | 11., 12. Feb., 2., 3. März | 19.30 Uhr | Tickets: 089 5234655

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