Im April war Europa-Politiker Manfred Weber in Delhi und bekannte: »Ich war noch nie in Indien. Warum eigentlich nicht?« Die Schriftstellerin Devika Rege aus Pune hätte eine Antwort: »Wenn in Amerika eine verrückte Regierung an die Macht kommt, denkt man sofort an die weltweiten Folgen. Wenn das in Indien passiert, denkt man das nicht, aber auch hier sind die Folgen global.« In ihrem preisgekrönten Debütroman zeigt sie die Bruchlinien des heutigen Indien, erforscht den Rechtsruck ihres Landes und das Wesen des Menschen. Unbedingt eine Leseempfehlung.
Amanda, 27, aus behütetem US-amerikanischem Elternhaus, kommt als Stipendiatin mitten in einen Slum Mumbais, »auf der Suche nach sich selbst«. Naren, ein Inder mit Greencard, smarter Finanzberater der Wallstreet, aber gedemütigt vom Rassismus und enttäuscht vom American Dream, kehrt zurück und will vorwärts in ein »Neues Indien«, als Vertreter einer »Goldenen Generation«. Sein Bruder Rohit, Amandas Lover, leitet ein Filmstudio, ein Netzwerker und Charmeur mit Maisonette-Wohnung im »Imperial Heights« dem privaten Hochhaus seiner neureichen Familie, und zugleich »auf der Suche nach einer Identität«. Omkar, der Kameramann aus niederer Kaste, erhofft mit der rechtsextremen »Brotherhood« den Aufstieg.
Sie alle sind Vertreter diverser Schichten Indiens, aber weit mehr als Typen, vielmehr psychologisch fein gezeichnete, berührende Gestalten. Auch Ifra, die Muslimin, die das hindufaschistische Indien fürchtet; oder Kedar, der Journalist und Aktivist, der getötet wird. In ihrem früheren Job traf Devika Rege über Jahre Menschen verschiedenster Milieus, hörte zu und gewann ihr Vertrauen, auch das der Rechten: »Ich unterhielt mich mit jemandem und spürte, wie sich die Muskeln in meinem Gesicht verhärteten, weil etwas, was er sagte, so sehr gegen meine persönlichen Werte verstieß oder Grenzen meiner eigenen Position aufzeigte.«
Aus diesen Begegnungen komponierte Devika ihre meist jungen. »Und so hat sich das Buch immer weiter ausgedehnt. Als ich mit Leuten sprach, fragte ich: Warum kommt diese Person nicht im Roman vor? Warum kommt jene Person nicht zu Wort? Das ist eine Stimme, die man nicht ignorieren kann.« Die Figuren sind Suchende. Sie suchen ihre Wurzeln, Identität, ihre Position in der Gesellschaft. Und ihre Autorin porträtiert sie unparteiisch und unvoreingenommen.
Wir befinden uns im Jahr 2014, einer Zeit des Umbruchs. Narendra Modi wird erstmals zum Premier Indiens gewählt, trotz seiner restriktiven Politik als Hindunationalist und Ministerpräsident von Gujarat und seiner Verantwortung an einem Massaker, vor allem an Muslimen. Der Sozialismus ist passé, der Individualismus eines zügellosen Neoliberalismus zeigt Risse des Subkontinents mit 1,8 Milliarden Menschen, 22 Sprachen, vier Weltreligionen, zahllosen Göttern, Kulturen und Traditionen.
Modi bietet den Hindunationalismus als Basis einer kollektiven Identität. Er inszeniert sich als Vertreter benachteiligter Kasten, als starker Mann gegen Korruption und die politische Lähmung des Establishments. Noch trägt er westliche Kleidung, noch wirbt der RSS, das paramilitärische Freiwilligenkorps seiner Partei BJP, mit Graswurzel-Arbeit um Unterstützer. Die Rechten geben sich einen bürgerlichen Anstrich. »Modi trug Anzüge. Er sprach über Stadtentwicklung. Naren etwa stimmte für diesen Teil seiner Agenda. Heute vergisst man leicht, wie wir uns auf so subtile Weise mitreißen ließen«, sagt Devika Rege.
Sie war erst Ende Zwanzig, als sie diesen Debütroman schrieb. Umso bemerkenswerter, wie menschenklug Devika Rege ihren Akteuren folgt, wie sie, federleicht beobachtet, ohne zu werten, wie sie die Fülle an Stimmen, Perspektiven, Plots, Lebensentwürfen und Begehren elegant in eine diskursive Form bringt. Fesselnd wird diskutiert, über Rassismus und Gender, über Armut und die Selbstmorde von Bauern und den Aufstieg der Rechten. »Der Roman war… ein Nadelöhr, durch das zahllose Fäden hindurchgeschossen waren, um dann weiterzulaufen und sich immer stärker aufzufächern«, schreibt sie am Ende, wechselt von der dritten Person und zeigt: dieser Roman ist subjektiv und nicht zu Ende erzählt. Ihre Dringlichkeit kommt aus dem Verstehen-Wollen: »Man nimmt das Rohmaterial aus der Welt, aus der Realität, und formt es durch die eigene Vorstellungskraft neu. So kann man Menschen miteinander ins Gespräch bringen, das sonst vielleicht nicht stattgefunden hätte«.
Wie konnte die ultrarechte Politik eines Narendra Modi ausgerechnet in Mumbai so attraktiv sein, dem Tor zum Westen, das für Offenheit und Liberalität steht? Warum wählen Bürger Autokraten und Rechtsradikale? Das sind zentrale Fragen des Romans. Universale Fragen, über Kontinente und Jahrhunderte hinweg. Devika Rege liefert keine Antwort, aber sie lässt uns in die Köpfe der Protagonist*innen blicken. Und die Wahl Modis könnte eine Warnung sein: »Die BJP hat das soziale und gesellschaftliche Gefüge Indiens irreparabel verändert und den demokratischen Institutionen schweren Schaden zugefügt. Vieles davon wird derzeit in Indien nicht wahrgenommen, da die Aufmerksamkeit auf die globalen Ereignisse, besonders den Iran-Krieg, gerichtet ist.«
Nun wird das Buch ins Marathi übersetzt, auch die Sprache Mumbais und Punes, ihrer Heimatstadt. Zweieinhalb Jahre nach Erscheinen der englischsprachigen Originalausgabe. Damals gab es Bedenken, obwohl Modi nicht genannt und andere Namen verfremdet sind: Die BJP heißt Bharat Party, die Congress ist die Conclave Partei, der RSS die Brotherhood, auch um klar zu machen: Dieses Buch ist Fiktion. Aber: »Drei Tage vor Drucklegung schalteten sich die Anwälte des Verlags ein und schlugen 70 Änderungen vor. Eine war, dass man die Partei nicht »Bharat Party« nennen dürfe, da Harper Collins sonst verklagt oder unter Druck der Regierung geraten könnte. Ich hatte das Glück, einen Lektor zu haben, der sich wehrte.«
Die fiktiven Namen blieben, obwohl sie den realen ähneln. Die Geschichte endet in Ekstase und Gewalt beim Fest für den Elefantengott Ganesh. Ganesh ist der Gott, der Glück bringt und Hindernisse beseitigt. Das – und viele Leser*innen – sei diesem fulminanten, vielstimmigen und höchst aktuellen Debüt unbedingt gewünscht. ||
Devika Rege: Die rastlosen Jahre
Aus dem indischen Englisch von Barbara und Stefan Weidle | CulturBooks, 2026 | 432 Seiten | 28 Euro
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