Die Münchner Regisseurin Anna Roller erzählt in »Allegro Pastell« von einer Fernbeziehung zweier kreativer Mittdreißiger, die sich nicht festlegen wollen. Ein nostalgisches Porträt des Lebensgefühls vor Corona und unserer gegenwärtigen Krisenrealität.
Nur nicht werden wie die, die man niemals sein wollte – das ist das eigentliche Thema von »Allegro Pastell«. Der Roman von Leif Randt mag, wie auch die filmische Adaption durch Anna Roller, vielfach als Liebesgeschichte gelten, und in gewisser Weise stimmt das auch. Mehr noch aber als um die Gefühle, die Tanja (Sylvaine Faligant) und Jerome (Jannis Niewöhner) füreinander hegen, geht es um die latent verzweifelten Abkapselungsversuche zweier Millennials von den allgemeinen Erwartungen an ihre Alterskohorte.
Es ist das Jahr 2018, beide sind Anfang bis Mitte dreißig, und während viele Gleichaltrige längst sesshaft geworden sind, geheiratet haben und Kinder bekommen, vielleicht gar ein Haus bauen, wollen sie es ganz anders machen: ihren eigenen Rhythmus leben, in sich hineinfühlen und sich bloß nicht in falsche Vorstellungen von Familienglück und erstickenden Sicherheitsversprechen von Festanstellung und Eigenheim verfangen lassen. Dazu gehört natürlich auch, sich nicht in einer allzu engen, oder – um Himmels willen – verbindlichen Liebesbeziehung einzurichten.
Da kommt es gewissermaßen gelegen, dass zwischen Tanja, die als aufstrebende Schriftstellerin in Berlin-Kreuzberg lebt, und dem Webdesigner Jerome, der sich in der hessischen Kleinstadt Maintal im Bungalow der Eltern einrichtet, mehrere hundert Kilometer liegen. Was bereits aus der Lebenssituation der beiden sprechen mag, wird sich über die knapp hundertminütige Spielzeit zu einer Art »zentralem Konflikt« entwickeln, auch wenn sich die beiden jungen Protagonisten womöglich selbst an einer solchen Beschreibung dessen, was zwischen ihnen geschieht, stören würden.
Millennials im Pastellmodus
Denn in »Allegro Pastell«, der Titel nimmt es vorweg, soll alles »fröhlich« und »weich« sein. Wenn also Tanja sich zwischenzeitlich doch ein bisschen mehr nach Ungebundenheit und Freiheit sehnt, als es Jerome insgeheim tut, und Sex mit Janis (Nico Ehrenteit) ausprobieren will, dann hat das niemandem wehzutun. Wie viel Selbsttäuschung darin liegt – und damit die eigentlich bürgerlichste aller Verhaltensweisen – arbeitet die in München lebende Regisseurin in ihrem zweiten Spielfilm äußerst subtil heraus und inszeniert ihre Figuren mit spürbarer Sympathie.
So verändern sich etwa schleichend Regelmäßigkeit und Ton der E-Mails, die die Liebenden über die Entfernung miteinander austauschen. Die aus dem Off vorgelesene Konversation ist das erzählerische Geländer des Films, und der digitale Brief das Kommunikationsmittel der Wahl von Tanja und Jerome. Denn, so heißt es an einer Stelle, kaum etwas sei so »manipulativ« und »nervig« wie Sprachnachrichten. Man könnte das Gebaren, das Tanja und Jerome an den Tag legen, »gezwungen« nennen – im Geiste ihrer eigenen Ausdrucksweise läge »edgy« allerdings näher.
Denn darin ersetzen englische Begriffe noch die naheliegendste deutsche Entsprechung. Immer ein bisschen distanziert bleiben – dieses Ziel manifestiert sich auch in der Sprache. Doch was unbedingt als Beiläufigkeit erscheinen will, wirkt zunehmend bemüht. Je länger man »Allegro Pastell« folgt, desto mehr drängt sich ein englischer Terminus auf, der tatsächlich ohne präzise deutsche Übersetzung ist: cringe.
Oder eben: Es ist mitunter durchaus zum Fremdschämen, wie sehr sich hier angestrengt wird, nur nicht so zu sein wie die anderen – und doch erkennt man in Tanja und Jerome eine Myriade an Menschen, die genauso sind wie sie, die sich immerzu abheben wollen und bei aller Selbstbezüglichkeit doch vor allem sich selbst auf Abstand halten, weil sie aufrichtige Gefühle und die Bedeutung einer tatsächlichen Begegnung ängstigen.

Eine aufrichtige Umarmung? Die beiden Millennials Tanja (Sylvaine Faligant) und Jerome
(Jannis Niewöhner) | © Walker+Worm / Felix Pflieger
Mechanisch-einstudierter Ton, sprechende Mimik
Jannis Niewöhner sowie Sylvaine Faligant verkörpern ihre Rollen überaus glaubhaft, insbesondere da Faligant als französische Muttersprachlerin hier einen gewissen mechanischeinstudierten Ton einbringt, der ihre offenere Mimik – Wahrhaftigeres sprechend als ihre Worte – gekonnt kontrastiert. Auch die langen Einstellungen der meist statischen Kamera von Felix Pflieger unterstreichen das Aufgesetzte, indem sie die Figuren in ihrer Unbeweglichkeit länger als nötig ins milde Licht halten.
Fragt sich nur noch, welche Durchschlagskraft ein Film über Menschen besitzen kann, die einander – und sich selbst – so beharrlich ausweichen. Emotional berührend oder gar bewegend ist es nicht, Tanja und Jerome beim »Green-Tea-Schweige-Ceremonial« zu folgen, auf Elektropartys oder beim Trösten darüber, dass sie »Post-Molly« – also nach dem Konsum der Droge MDMA – keinen Sex mehr miteinander wollten. Sonderlich aufregend ist es auch nicht.
Man muss wohl eine gewisse Nostalgie mitbringen, um dieser Erzählung mehr abzugewinnen. Sei es nach einer ähnlich verbrachten Jugend, oder nach dem letzten Sommer vor der Coronapandemie und den politischen wie gesellschaftlichen Verwerfungen, die darauf folgten. Denn das, was »Allegro Pastell« abbildet, gibt es in dieser Form kaum mehr. Aus den Millennials mussten nach einer globalen Pandemie und inmitten einer Wirtschaftskrise und sich ständig wandelnder Kriegsszenarien wohl oder übel Erwachsene werden. Und die auf sie folgende Generation Z, bereits inmitten von Krisen aufgewachsen, kann sich – so hört man – den Luxus des hier zelebrierten leichtfüßigen Lavierens schon nicht mehr leisten. ||
ALLEGRO PASTELL Deutschland 2026 |
Regie: Anna Roller Buch: Leif Randt |
Mit: Sylvaine Faligant, Jannis Niewöhner, Haley Louise Jones | 100 Minuten Kinostart: 16. April
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