Sie hat an der Kinokasse angefangen, 2008 war das. Adele Kohout hatte gerade ihr Studium abgeschlossen, und das DOK.fest München suchte noch jemanden für die Festivalausgabe. Heute, 17 Jahre später, steht sie als Festivalleiterin vor der 41. Ausgabe des größten Dokumentarfilmfestivals Deutschlands. „Ich habe mich dann ins Herz vorgearbeitet“, sagt sie und lacht. Ihr Vorgänger Daniel Sponsel, der das Festival seit 2009 geprägt und zur heutigen Größe geführt hat, wechselte im Herbst als Präsident an die Hochschule für Fernsehen und Film München. Seine langjährige Stellvertreterin übernahm.  

„Ich komme aus einer sehr komfortablen Position heraus, ich bin ja seit 18 Jahren dabei“, erklärt Kohout. „Viele der Neuerungen, die wir in den letzten Jahren umgesetzt haben, habe ich begleitet. Und die darf ich jetzt weiterführen.“ Dazu gehören vor allem die thematischen Reihen, die das Festival seit dem vergangenen Jahr strukturieren. 

Wie offen das Festival gegenüber unbequemen Themen und Perspektiven ist, macht Kohout deutlich, wenn sie über den wachsenden Druck auf Kulturfestivals spricht – die Debatte um die Berlinale-Leitung hat das zuletzt eindrücklich gezeigt. Das DOK.fest verstehe sich als Raum, in dem verschiedene Perspektiven besprochen und ausgetauscht werden können, sagt sie. Vereinnahmen lassen – weder politisch noch medial – werde und wolle man sich nicht. Diesen Druck kenne sie, aber dem müsse man sich verwehren. „Ich möchte nicht, dass das Festival in irgendeiner Form instrumentalisiert wird. Wir sind ein Ort, an dem Austausch und Dialog stattfindet.“ 

Sandra Hüller im Eröffnungsfilm »Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war« | © Elliott Kreyenberg

Diese Offenheit spiegelt sich direkt im Programm wider, das sich wie ein Best-of der großen Herausforderungen unserer Zeit liest – Festivalleiterin Kohout nennt es „Empowerment für den kritischen Blick“. 106 Filme aus 49 Ländern sind in diesem Jahr zu sehen, gegliedert in 15 thematische Reihen. „Visions of the Future“ fragt etwa, wie Technologie unsere Gesellschaft verändert. Filme in der Reihe „HerStory“ rücken furchtlose Frauen ins Licht, deren Lebensgeschichten viel zu wenig Menschen kennen: Helene Weigel, Barbara Hammer oder Ingeborg Bachmann. „EcoCinema“ wiederum zeigt den Kampf gegen den Klimawandel. „Politics“ verhandelt Macht, Freiheit und Menschenrechte. Weitere Reihen widmen sich Migration, Musik, Gemeinschaft, Rechtspopulismus und zwischenmenschlichen Beziehungen. 

„Inhaltlich verstehen wir die Dokumentarfilme des Festivals schon ein Stück weit auch als Seismograph der Gesellschaft“, sagt Kohout. „Wir lassen erstmal die Einreichungen zu und schauen, was sich daraus thematisch ergibt.” 1440 Filme haben das Festival in diesem Jahr erreicht – ein neuer Rekord. 

Die ausgewählten Filme klingen inhaltlich allesamt relevant und versprechen ungewöhnliche Perspektiven. Da ist zum Beispiel „Hex“: Drei junge Norwegerinnen, die keine einzige Note spielen können, gründen die Black-Metal-Band Witch Club Satan – und nutzen das testosterongesättigte Genre als feministisches Kampfmittel. Oder „Out at Six“: Die in Haifa lebende Dokumentarfilmerin Livi Kessel hat einen Femizid-Versuch überlebt und verarbeitet diese traumatische Erfahrung in einem schonungslosen Selbstporträt – strukturiert nach acht Eskalationsstufen, die Forschende in tausenden Fällen identifiziert haben. „80 Angry Journalists“ blickt nach Ungarn, als Index.hu, das größte unabhängige Nachrichtenportal des Landes, unter politischem Druck zusammenbricht, und 90 Journalist:innen kündigen – einer von ihnen filmt alles.  

Doch wie genau verändert sich das DOK.fest unter einer neuen Leitung? „Es gibt mehr Inhalt, mehr Gespräche und mehr Events“ – das seien die drei zentralen Neuerungen, die Kohout und ihr Team auf den Weg gebracht haben. Die neuen FokusTalks sind dabei das sichtbarste Zeichen: Zu jeder der 15 Reihen wird ein sogenannter Signature-Film ausgewählt, nach dessen Vorführung nicht nur Filmemacher:innen und Protagonist:innen, sondern auch Fachexpert:innen aus Wissenschaft oder Wirtschaft miteinander diskutieren. „Es sollen tiefgreifende Diskussionen entstehen, ein richtiger Austausch“, so Kohout. Beim Signature-Film „Finding Connection“, ein Film über Menschen, die Liebesbeziehungen zu KI-Chatbots führen – kommen etwa Experten aus Technologie und Psychologie auf das Podium. 

Den Eröffnungsabend am 6. Mai gestaltet ein Film, der allein schon als Ereignis taugt: „Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal Ich war“ feiert im Deutschen Theater seine Weltpremiere. Regisseurin Regina Schilling hat einen Hybrid-Dokumentarfilm geschaffen, in dem Sandra Hüller – derzeit Deutschlands gefragteste Schauspielerin – die große Nachkriegsliteratin verkörpert. Bachmann wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. 

Einen weiteren besonderen Moment hält das Festival für den 10. Mai bereit: Wim Wenders und der ghanaische Regisseur King Ampaw, beide Absolventen des ersten Jahrgangs der Hochschule für Fernsehen und Film München von 1967, treffen sich zum HFF-Alumni-Gespräch. Beide präsentieren einen ihrer Filme und diskutieren anschließend mit der nächsten Generation von Filmstudierenden. ||

DOK.FEST MÜNCHEN
Kino: 6. – 16. Mai
Online: 11. – 25. Mai
Tickets & Programm
unter www.dokfest-muenchen.de

 


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