»Palästina 36« möchte vom arabischen Aufstand in Palästina erzählen. Herausgekommen ist ein gähnend langweiliger Film voller Pathos und Klischees, der sich für die historische Wahrheit nicht interessiert.

Documenta 15, Berlinale, Biennale Venedig – es gibt kaum ein Thema, das die internationale Kultur-Szene inmitten der vielen Krisen und Kriege so sehr erregt wie der Israel-Palästina-Konflikt. Kein Wunder, dass sich Kulturschaffende in der Auseinandersetzung um das Stück Land zwischen Mittelmeer und Jordan nicht mehr nur mit politischen Bekenntnissen auf Preisverleihungen und anderen öffentlichen Veranstaltungen positionieren möchten, sondern das Thema auch zum Sujet eigener Produktionen machen. 

Die palästinensisch-amerikanische Filmmacherin Annemarie Jacir geht in ihrem Historien-Drama sogar weit zurück in eine Ära, die bis heute nur selten mit dem „Nahostkonflikt“ assoziiert wird: die 1930er Jahre. Jacirs Zugang ist neuartig und interessant, da zu dieser Zeit Grundsteine gelegt wurden und erstmals Dynamiken zur Entfaltung kamen, die heute als charakteristisch für den festgefahrenen Konflikt gelten. Oren Kessler, amerikanisch-israelischer Historiker, hat diese kürzlich in seinem lesenswerten Sachbuch „Palästina 1936“ präzise und nuanciert herausgearbeitet.

Am wirkmächtigsten davon dürfte die Idee der Zwei-Staaten-Lösung sein, die bis heute als die fairste Lösung im Konflikt gilt. Mit dem Peel-Plan – der eine Aufteilung des Gebietes in einen jüdischen und in einen arabischen Teil (sowie einen kleinen britischen) vorsah – wurde die Zwei-Staaten-Lösung zum Referenzpunkt in der internationalen Politik. Sie bildet die Grundlage für den UN-Teilungsbeschluss für Palästina der Generalversammlung der Vereinten Nationen von 1947, der bis heute gültig ist und noch immer auf seine vollständige Umsetzung wartet. 

Doch Jacir wählt mit ihrem Drama einen Weg, der unterschiedlicher zu Kesslers Darstellung nicht sein könnte. „Palästina 36“ ist nicht nur ein enorm langweiliger Film, dessen Protagonistinnen und Protagonisten Abziehbilder klischeehafter Erzähltechniken sind und dessen Plot sich in schalem Pathos erschöpft. Vor allem aber steht das zweistündige Historien-Drama für eine Geschichtsblindheit, die Gift ist für die ohnehin von falschen Eindeutigkeiten, Über-Identifikation und Projektionen geprägten Debatte. Auch Jacir dient das historische Palästina bloß als Folie für ihre eigene politische Haltung.

Ein Kampf zwischen Gut und Böse: Karim Daoud Anaya Yusuf Bassawi © Philistine Films

Im Mittelpunkt von „Palästina 36“ stehen das fiktive Dorf Al-Basma und seine Bewohnerinnen und Bewohner. Hier scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Doch das vermeintlich authentische Leben der Palästinenserinnen und Palästinenser werde von den Briten in Gefahr gebracht. Die regieren das Gebiet seit dem Ersten Weltkrieg als Mandatsmacht der Vereinten Nationen – brutal, ruchlos und angeblich stets zum Vorteil der jüdischen Seite, die darauf drängt, den Palästinensern ihr Land mit Gewalt und anderen moralisch verwerflichen Methoden wegzunehmen. Daher erscheint es als folgerichtig, dass diese sich wehren wollen und sich gegen die „Besatzer“, „Kolonisatoren“, „Eindringlinge“ zusammenschließen – so wie im sogenannten Arabischen Aufstand, der das Land von 1936 bis 1939 erschütterte.  

Durch eine enorme Menge an digital aufgearbeitetem und koloriertem historischem Filmmaterial suggeriert „Palästina 36“ Authentizität. Doch nah dran an die historische Wirklichkeit kommt der Film durch seine binäre Aufteilung des Geschehens und seiner Akteure in „gut“ und „böse“ überhaupt nicht. Jüdinnen und Juden kommen im Film de facto nicht vor und gelten allenfalls als Fremdkörper, die von den Briten aus Polen und anderen Tatorten der Shoah ins Land gelassen werden. Dass es eine jahrhundertalte Verbindung der Juden zu Eretz Israel und zu biblischen Städten wie Jerusalem gab und gibt, leugnet Jacirs Film nicht. Doch er klammert unter anderem aus, dass sich der Zionismus nicht als Reaktion auf den Holocaust reduzieren lässt und bereits zur Erzählzeit schon hunderttausende Juden vor Ort lebten – zum Teil seit Generationen und mit Ursprüngen nicht nur in Europa, sondern auch in verschiedenen Ländern des Nahen Ostens.

Vor allem aber lässt Jacris Film eine historische Figur unerwähnt, die um 1936 in der Realität allerdings die prägendste Person palästinensischer Politik war und den Arabischen Aufstand maßgeblich organisierte: Amin al-Husseini. Als junger Mann war dieser einige Jahre zuvor von der britischen Mandatsmacht als politischer Führer für den arabischen Teil der Bevölkerung Palästinas und als religiöser Führer der Muslime vor Ort eingesetzt worden. Al-Husseini regierte mit Geschick und Gewalt und war in der gesamten Region gut vernetzt. In der palästinensischen Elite, der einfachen Bevölkerung sowie in den arabischen Nachbarstaaten gab es allerdings auch pragmatischen Widerspruch und Opposition gegen al-Husseini und seine Gefolgsleute.

Ab 1937 tauchte al-Husseini unter. Nach Aufenthalten im Libanon, in Ägypten, dem Iran, Irak, der Türkei und in Italien kam er 1941 ins nationalsozialistische Deutschland, von wo er sich unter anderem als antisemitischer Propagandist betätigte und eine muslimische SS-Division aufbaute. Diesen späteren Teil von al-Husseinis Biografie müsste ein Film wie „Palästina 36“ nicht im Detail erzählen. Aber das verhängnisvolle Wirken des rabiaten Antisemiten und Tyrannen zur Zeit des Aufstandes einfach kategorisch auszuklammern, ist historisch äußerst fragwürdig. Doch genau das passt zum Vorgehen Jacirs: eine hyper-politische Haltung ersetzt eine genuin künstlerische Ästhetik, ein einseitiges Gruppen-Narrativ ersetzt die historische Wahrheit. „Palästina 36“ ist daher schlicht und einfach: Propaganda. ||

PALÄSTINA 36
Palästina, Großbritannien, Frankreich, Dänemark, Norwegen, Katar, Saudi-Arabien, Jordanien 2025 | Buch & Regie:  Annemarie Jacir | Mit: Hiam Abbass, Kamel El Basha, Yasmine Al Massri, Jeremy Irons, Karim Daoud Anaya  | 119 Minuten | Kinostart: 14. Mai

 


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