Die ARTE-Serie „Etty“ überträgt das Schicksal der Jüdin Etty Hillesum vom Dritten Reich in unsere Tage – und scheitert daran.

Man hört Hubschrauber über Ettys Appartement in Amsterdams Innenstadt kreisen, und wenn die Studentin aus dem Fenster schaut, sieht sie nicht weit entfernt Mannschaftswagen der Armee stehen. In der Uni findet eine Demo gegen den Rechtsruck statt. Der Moderator einer linkssozialistischen Radiosendung spricht: „Die Gewalt, mit der wir täglich konfrontiert werden, ist das klare Ergebnis dieser ausufernden neoliberalen Ökonomie. Eine weitreichende Ungerechtigkeit… .“ Es ploppt und quietscht, Buhrufe kommen auf, die Kamera schwenkt auf einen jungen, fast kahlrasierten Mann in einem dunkelblauen langen Mantel, der den Mikrofonstecker in der Hand hält und dazu frech grinst. Aus dem Off ist noch die Stimme des Moderators zu hören: „Seht ihr das? So sieht Faschismus aus!“

Platter lässt sich das kaum inszenieren. Einerseits. Wobei die dargebotene Bedrohungslage andererseits nichts wirklich Totalitäres ausstrahlt. Die Anfangssequenzen wirken harmlos im Vergleich dazu, wie die deutsche Besatzungsmacht nach der Kapitulation im Mai 1940 in den Niederlanden vorging. In Hagai Levis „Etty“ führt der Versuch, vor dem Rechtspopulismus unserer Tage zu warnen, zu allzu offenkundigen Szenen. Wehret den Anfängen! Es scheint tatsächlich, als könnten Rechtsextremist:innen die Demokratie auch in Deutschland aus den Angeln heben. Als würden jene Politiker:innen, die Ausländerfeindlichkeit, Rassenhass, Ausgrenzung propagieren und wirtschaftlich keine Lösungen anbieten, längerfristig Zustimmung gewinnen und aus Wahlen als zumindest gefühlte Sieger hervorgehen. Sie prägen die Stimmung im Land, sie vergiften die politische Atmosphäre. So wird immer wieder der Vergleich bemüht, wir seien nicht weit entfernt von den Weimarer Verhältnissen der 1930er Jahre, als die finanzielle Not, schlummernde Ressentiments und Zukunftsängste auf einen braunen Boden fielen. Die Saat ging damals auf.

Verleiht der Serie eine Tiefe und Komplexität, die sie sonst nicht hat: Julia Windischbauer als Etty  © Reiner Bajo

Im Marketing-Sprech für die Werbung der ARTE-Produktion „Etty“ hört sich das so an: „Hagai Levi versetzt historisches Geschehen in die Gegenwart, was die Serie erschreckend aktuell macht.“ Ist der eher hilflose Begriff der erschreckenden Aktualität tatsächlich ein Grund, sich „Etty“ anzuschauen? Nein. Die Aktualität ist für sich schon erschreckend genug. Etwas differenzierter drückt es der Regisseur in einem ARTE-Interview selbst aus: „Ettys Gedanken sind so wesentlich und dringend notwendig für die Welt, in der wir heute leben, dass sie den historischen Rahmen ihrer Geschichte sprengen und in unsere heutige, gelebte Realität hineinreichen müssen.“

Dieses müssen ist das große Anliegen. Es wirkt, als müssten wir Zuschauer:innen eben auf etwas gestoßen werden, was uns bisher nicht bewusst war. Dieses müssen legt sich wie eine didaktische Direktive auf viele Szenen der Serie. Warum also müssen? Hätte Hagai Levi nicht besser gesagt: … in unsere heutige, gelebte Realität hineinreichen können? Das Wort können ließe uns Zuschauer:innen mehr Freiheit im Entdecken einer Botschaft, einer Warnung oder einer vielleicht verdrängten gelebten Realität. So fühlt man sich entmündigt – mit schlagender Eindeutigkeit. Und erinnert sich etwa daran, mit welcher Offenheit und Differenzierung Dominik Graf vor ein paar Jahren in seiner Erich-Kästner-Verfilmung „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ auf das Berlin der Weimarer Republik blickte und dort ebenfalls gegenwärtige Szenen einmontiert hatte.

In „Etty“ stellt Levi, wie bei solchen auf sechs Folgen ausgewalzten Serienstoffen meist üblich, eine Beziehungsgeschichte in den Mittelpunkt. Oder eigentlich sogar zwei. Da ist zum einen Ettys Geliebter Han – und zum anderen der deutlich ältere Psychoanalytiker Spier (uninspiriert gespielt von Sebastian Koch), zu dem die junge Frau wegen ihrer Depressionen geht. Zeitgenossen beschreiben Etty als eine „leuchtende Persönlichkeit“. Das offene, die eigenen Unsicherheiten und Zweifel in vielen Nuancen spiegelnde Gesicht von Hauptdarstellerin Julia Windischbauer verleiht der Serie, die letztes Jahr in Venedig Uraufführung feierte, eine Tiefe und Komplexität, die sie sonst nicht hat. Sie hält einen in der Geschichte, interessiert uns für das Schicksal einer jungen kämpferischen Frau, deren millionenfach verkauften Tagebücher es sich lohnt zu lesen, immer auf der Suche nach den „tieferen Dimensionen“ des Lebens, und das oft mit einem Sinn für bittere Ironie.

Es kommt, wie es damals kam: Anordnungen, Verbote, Deportationen. In dem ehedem von den Nazis besetzten Amsterdam waren Etty und Spier in ihrer Existenz bedroht. In der in die Gegenwart geholten Geschichte nicht anders. Ihr wird der Zugang zur Universität verwehrt, und er soll sich im Durchgangslager Westerbork einfinden, wo Etty schliesslich als Mitglied des Amsterdamer Judenrats arbeitete. Im September 1943 wurde sie in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Kurz nach der Abfahrt warf sie eine Postkarte aus dem Zug. Auf ihr steht: „Ich sitze mitten in einem überfüllten Güterwagen auf meinem Rucksack. Vater, Mutter und Mischa sitzen einige Waggons entfernt. Die Abfahrt kam doch noch recht unerwartet. … Wir werden drei Tage auf der Reise sein … Auf Wiedersehen von uns vieren. Etty.“ ||

 

ETTY
Frankreich, Deutschland, Niederlande 2025 | Buch & Regie: Hagai Levi | Mit: Julia Windischbauer, Sebastian Koch, Leopold Witte, Gijs Naber | 6×52 Minuten | Ab 13. Mai 2026 auf arte.tv und am 21. und 28. Mai 2026 auf ARTE

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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