Dana Grigorcea kuratiert das 16. Literaturfest München zum Thema »Freiheit!«. Sie ist ihr ein teures Gut, das tägliches Einüben erfordere.
Dana Grigorcea ist als Kuratorin des Literaturfests ein Glücksfall. Als preisgekrönte Schriftstellerin, als Verlegerin und Literaturvermittlerin, die gerne anderen Autor*innen eine Bühne bietet, Geflüchteten etwa. Auch als Schweizer Migrantin aus Rumänien, die seit 2007 mit Familie in Zürich lebt. Und sie ist so menschenklug und mitreißend, dass ihr das Thema »Freiheit« durchaus zuzutrauen ist, auch mit prominenten Gästen wie Navid Kermani, Robert Menasse, Sharon Dodua Otoo. Im Gespräch mit Cornelia Zetzsche erzählt sie von ihren Plänen.
Münchner Feuilleton: Freiheit ist ein viel zitiertes Wort, von der Selbstbestimmung bis zur Freiheit des Wortes, von der Frage, wo endet Freiheit in Zeiten von KI bis zu den Freiheitsappellen für verfolgte Autor*innen. Ziemlich kühn, so ein Riesenthema anzugehen. Was gab den Anstoß?
Dana Grigorcea: Eben weil dieses Wort so oft gebraucht wird, aber auch so oft missbraucht, fand ich es wichtig, es auf die ruhige und überlegte Bühne der Literatur zu bringen. Wir werden nicht nur über Politik reden, sondern auch über die Freiheit der Kunst, über die innere Freiheit, die es braucht, um etwas zu schaffen. Wie erreicht man diesen Gnadenzustand von Freiheit, die es braucht, um zu lesen, sich so weiterzubilden, dass man die Kunst für sich in Anspruch nimmt.
Maria Kalesnikova, die Flötistin und Bürgerrechtlerin aus Belarus, die über fünf Jahre in Haft war, sagte: »Es ist schwer zu glauben, aber im Gefängnis fühlte ich mich als vollkommen freier Mensch.« Das ist diese innere Freiheit. Was heißt Freiheit für Sie?
Es ist ein Gnadenzustand, in den man sich tagtäglich einüben muss, in Ruhe, um sich loszumachen auch von all diesen Fernsteuerungen über die sozialen Medien, von all dem Lärm, um sich zu finden und herauszufinden, was man will und was man denkt, unbedingt sagen zu müssen. Also, es ist ein teures Gut. Jenseits der Länder, in denen für Freiheit gekämpft, auf die Straße gegangen wird, sollten wir hier, wo es demokratisch zugeht, sehr behutsam mit diesem Gut umgehen.
Der Appell könnte auch Kulturstaatsminister Weimer gelten, der immer wieder politisch in die Kunstfreiheit eingreift, in die Sammlungspraxis der Deutschen Nationalbibliothek etwa oder in die Juryarbeit beim Buchhandlungspreis.
Herr Weimer war schlecht beraten. Er trat sein Amt an, um »die Korridore des Sagbaren« zu erweitern und bewirkte dann doch genau das Gegenteil. Ich kenne solches aus der Diktatur.

Dana Grigorcea | © Gabi Hirit
Schon der Eröffnungsabend des Literaturfests lässt die Programmvielfalt ahnen: mit der Keynote von Maria Kalesnikova, einer Ikone des Widerstands; mit der gefeierten Münchner Cellistin Raphaela Gromes, die sich für Frauen in der Musik und in der Ukraine engagiert; und mit dem rumänischen Künstler Dan Perjovschi, der Räume buchstäblich beschreibt.
Ja, ich freue mich sehr darauf. Ich kann es kaum erwarten zu erleben, was Dan alles beschreiben darf im Literaturhaus, welche Wände und Fenster. Er hat so einen Schaffensdrang, dass er sich breitmachen wird. Das Schöne ist, er animiert auch die Leute, sich zu äußern, und ich lade ihn ein, damit er direkt auf das Gesagte, auf die Panels, auf die Leute reagiert. Ich verfolge ihn seit Langem, ich bin mit ihm aufgewachsen, früher schrieb er lange Texte, dann immer kürzere, und jetzt gibt es diese Konzentrate, die es auf Demos und Plakate geschafft haben, Zeichnungen zum Thema Freiheit, Anstand, Antikorruption, sehr witzig, diese witzige Note wollte ich unbedingt reinbringen bei aller Schwere des Themas.
Das Freiheitsthema ist weit gedacht mit Literatur Musik, Kunst, Film. Warum der spartenübergreifende Ansatz?
Um zu zeigen, dass Kunst nicht in Schubladen gedacht werden soll, auch in der Musik gibt es eine Weiterführung und zum Teil auch eine Übersetzung der Literatur, in der Streetart ebenfalls. Film war mir wichtig. Ich habe Film studiert und beim Film gearbeitet. Mir ist immer der Stil sehr wichtig, was erzählt man wie, in welcher Gattung und in welcher Kunst.
Es wird auch einen Opernabend geben, mit Musikern und dem Philosophen Peter Sloterdijk.
Ja, ich bin ein begeisterter Opernfan. Ich bin auch Statistin an der Zürcher Oper. Da trage ich immer das Glas Wasser rein, übe mich in Demut beim Erleben der Weltsänger oder liege eine ganze Oper lang tot auf der Drehbühne, dramatisch geschminkt. Die Oper ist eine Bühne, auf der so viel gewagt wird, es kommen so viele Inputs aus der Oper, auch dieses Transgenderthema ist so alt in der Oper, alles schon zigmal gesehen und besungen und nicht erst jetzt erfunden.
Trotzdem liegt der Fokus beim Literaturfest auf neuen Büchern. Ein Abend, »I Have a Dream«, stellt eine Anthologie vor und fragt, was wurde aus dem amerikanischen Traum? Aber geografischer Fokus ist Osteuropa, etwa mit dem »Political Girl« Maria Aljochina von Pussy Riot. Haben wir im Westen – außer der Ukraine – Osteuropa zu wenig im Blick?
Mir geht’s um ein Territorium, in dem die Freiheit erkämpft wurde vor nicht allzu langer Zeit und in dem Freiheit ein großes, aber oft missbrauchtes Thema ist, denn all die Diktatoren, all die mit eiserner Hand, inszenieren sich als Freiheitskämpfer, auch die extremistischen Parteien verteidigen angeblich die Freiheit. Man kann vom Blick auf Osteuropa sehr viel lernen für das, was gerade passiert. Ich erfahre das wie eine Zeitreise. Dinge, die ich als Kind erlebt habe, haben Leute im Westen, die 30 Jahre älter sind als ich, auch in ihrer Kindheit erlebt. Es gab eine Blockade, die Zeit stand still, und dann gab es diese Entwicklungen im Zeitraffer.
Das ganze Interview von Cornelia Zetzsche finden Sie in unserer aktuellen Ausgabe im Kiosk
LITERATURFEST MÜNCHEN
21.–30. April | Infos und Tickets unter
www.literaturfest-muenchen.de
Die Veranstaltungen der »Münchner Schiene«
sind kostenlos, eine Anmeldung unter der jeweiligen
Kursnummer ist erforderlich.
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