Marlies Kirchner leitete über Jahrzehnte hinweg das Münchner Programmkino Theatiner Filmkunst. Nun ist die preisgekrönte Kinobetreiberin gestorben.

Marlies Kirchner lebte für das Kino. Allein die Fakten zeugen davon. Die gebürtige Bochumerin leitete das Theatiner Filmkunst von 1957 bis 2023, also 66 Jahre lang. Manches Münchner Kino schafft es nicht so weit. Bis ins hohe Alter saß sie selbst im Kassenhäuschen, immer bereit für einen kleinen Plausch mit ihrem Publikum. Mit über 80 Jahren reiste sie noch zu den großen Festivals nach Cannes oder Berlin, auf der Suche nach neuen, spannenden Filmen für ihr Filmprogramm.

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Das 1956 zunächst als Film-Cabinett gegründete Kino in der Theatinerpassage war untrennbar mit ihrem Namen verbunden. Bis heute hat das denkmalgeschützte Kino seinen 50er-Jahre-Charme erhalten. Kirchner war ein cineastischer Ankerpunkt in der Stadt. Mit ihrem Schwerpunkt auf Filme aus Frankreich, Spanien und Italien erarbeitete sie sich über Jahrzehnte hinweg den Ruf als sorgsame und kenntnisreiche Filmkuratorin.

Marlies Kirchner bei der Preisverleihung der Berlinale Kamera          © Berlinale 2016 Andreas Teich

Kirchners Weg zum Kino begann über die Sprache. 1953 besuchte sie gerade eine Sprachenschule in der Schweizer Stadt Montreux, als im Verleih Neue Filmkunst eine Stelle als Fremdsprachenkorrespondent ausgeschrieben war. Fortan übernahm sie nicht nur diese Aufgabe, sondern sie übersetzte auch für den Verleihpionier Walter Kirchner beim Filmfestival in Cannes. Darauf folgte bald die Arbeit als Filmkäuferin. Und schließlich die Heirat mit Walter Kirchner. Als dessen Verleih und Kinos Bankrott gingen, übernahm Marlies Kirchner 1975 die alleinige Verantwortung für das Theatiner.

Vor allem die Filme der französischen Nouvelle Vague haben es ihr angetan. Doch auch das Autorenkino aus aller Welt fand Platz im Programm. Bei den 1965 gegründeten Filmkunstwochen im Sommer fanden Klassiker der Filmgeschichte einen Platz in ihrem Kino.

Marlies Kirchners Einsatz für die Kinokultur wurde auch immer wieder mit Auszeichnungen geehrt. 1991 ehrte das Filmfest München ihre Arbeit mit einer Hommage. 1998 folgte der Filmpreis München. 2016 erhielt sie sogar die Berlinale Kamera bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin.

Auch für Marlies Kirchner kam irgendwann der Ruhestand. 2024 übergab sie die Kinoleitung mit weit über 90 Jahren (ihr genaues Alter verriet sie nicht) an die jetzigen Betreiber Claire Schleeger und Bastian Hauser. Von der ältesten Kinobetreiberin Münchens ging die Leitung über zu den Jüngsten der Stadt. Die beiden führen das große Erbe ihrer Vorgängerin seitdem mit einigen neuen Ideen fort. Nach wie vor werden alle Filme im Original mit Untertitel gezeigt. Neben dem regulären Filmprogramm finden regelmäßige Sonderveranstaltungen in Kooperation mit lokalen Filmfestivals und den umliegenden Kunst- und Theaterhäusern statt. Vor zwei Jahren gab es während der Filmkunstwochen gar eine kleine Opernaufführung mit der französischen Sopranistin Alice Stamataki.

2022 erhielt Marlies Kirchner mit dem „Ordre des Arts et des Lettres“ die zweithöchste Auszeichnung des französischen Kulturministeriums für ihre Verdienste um die französische Kultur. Mit ihr ist nun eine „Grande Dame der Münchner Kultur“, wie sie bei der Verleihung bezeichnet wurde, in den Kinohimmel eingezogen.

 

 

 


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