Die Kunsthalle München – besser bekannt als Hypo-Kunsthalle – ist zweifelsohne der Publikumsmagnet unter den Ausstellungshäusern der Stadt. Von Ausstellung zu Ausstellung steigern sich die Besucherzahlen, und diese werden mit der neuesten Themenschau nochmal getoppt werden. Denn es geht um »Haare«, also um menschliche Körperbehaarung in jeglicher Form. Unter dem doppeldeutigen Motto »HAAR – MACHT – LUST« wird anhand von mehr als 200 Exponaten quer durch die Jahrhunderte und künstlerischen Medien, zusammengetragen aus großen europäischen Museen und Sammlungen, das Motiv in seiner ganzen inhaltlichen Breite aufgespannt: Haare als naturgegebenes Körperelement, als Ausdruck von Persönlichkeit, Schönheit und Erotik, als epochenspezifisches Accessoire, als ikonografisches Attribut, als Geschlechtsmerkmal, als religiöses und soziales Symbol, als Machtinstrument, als politisches und aktivistisches Ausdrucksmittel und vieles mehr. Die wieder einmal ungeheuer breit angelegte und beeindruckende Zusammenstellung der Werke ist nicht nur ein großes visuelles Erlebnis, sie behandelt ein Thema, bei dem sich wirklich Jede und Jeder angesprochen fühlt, mitreden und die eigene Expertise einbringen kann, die zu erweitern die Ausstellung auf vergnügliche Weise verspricht.

Übergreifendes Thema aller elf Kapitel ist natürlich die Frisur, auf die jede Epoche, der Mode entsprechend, ihre Antwort findet: Das in dieser Hinsicht wohl schönste Gemälde der Ausstellung stammt von Sandro Botticelli: Raffiniert geflochten und in sich verschlungen, mit Perlen und Bändern verziert, bringen die goldenen Haare das edle »Profil einer jungen Frau« (1478) zur Geltung: Haarkunst und Weiblichkeit als Idealbild der Schönheit in der Renaissance. Im Kontrast dazu Jahrhunderte später Sisi: Stolz präsentiert die Kaiserin Elisabeth in dem berühmten Porträt von Franz Xaver Winterhalter (hier in einer Kopie von Eberhard Riegele von 1923) ihre wallende Mähne. Das offene Haar soll Nahbarkeit und Natürlichkeit der Herrscherin ausstrahlen, doch die Lesbarkeit dieser Haartracht war um die Jahrhundertwende ambivalent. So viel gelöste Schönheit versprach in der Zeit der Hüte und Hauben eine rückhaltlose Intimität. Das wallende Haar der küssenden Eva im Gemälde von Salvador Viniegra Y Lasso De La Vega (1891) etwa ist in der Mähne des Löwen im Hintergrund gespiegelt: Das Haupthaar als Machtmittel des weiblichen Geschlechts, als prägnantestes Symbol ihrer Sinnlichkeit und Sexualität, war um 1900 ein zeittypisches Motiv und reichte von seiner Fetischisierung als Attribut weiblicher Dämonie im Typus der Femme Fatale bis hin zu seiner ornamentalen Auflösung im Jugendstil.

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Sandro Botticelli: »Profilbildnis einer jungen Frau«
1475 – 1480 | 55,4 × 43 cm | Foto: Gemäldegalerie,
Staatliche Museen zu Berlin / Christoph Schmidt; Public Domain Mark 1.0

Noch 1975 trat Marina Abramovic dem gängigen Schönheitsbegriff mit wütendem Bürsten ihrer Haare in der Videoperformance »Kunst muss schön sein, Künstlerinnen müssen schön sein« entgegen. Wieder ein halbes Jahrhundert später findet sich vermeintlich die Lösung. Was man nicht auf dem Kopf hat, trägt man auf dem Gewand: Entsprechende Goldapplikationen auf einem schwarzen Blazer, entworfen von Daniel Roseberry 2021 für die Kollektion von Maison Schiaparelli Paris.

Und die Männer? Mancher Herr mag sich im Bemühen um Bändigung des spärlichen Haupthaares gern lächerlich machen, wie die Fotografie der »gekreuzten Haare« (2007) von Herlinde Koelbl zeigt. Für dieses Problem hatte das Barockzeitalter jedoch eine einfache Lösung: Auf den frühen Haarausfall von Louis XIV. soll die Mode der voluminösen Perücken zurückgehen (festgehalten in einem Porträt nach Hyacinthe Rigaud), wobei diese zu knüpfen mit großem Aufwand verbunden war, wie in einem Video zu sehen ist. Das Ergebnis versprach opulente Eleganz bei den Damen – eine Porträtreihe zeigt einige Varianten –, Macht und Status bei den Herren –, zu bewundern am Beispiel einer Büste von Gottfried Wilhelm Leibnitz mit imposantem Lockenkopf (Ernst Julius Hähnel, ca. 1881).

Auch echte Haare machen Arbeit: In einer Darstellung von 1524 wäscht die Hl. Verena einem Kranken, der sich unter ihren pflegenden Händen über einen Zuber beugt, den Kopf. Haare müssen geschnitten werden (Maryam Farahzadi, »Cutting Hair«, 2024), gelegentlich entlaust (Bartolomé Esteban Murillo, »Bildnis einer Frau, die einem Jungen das Haar entlaust«,1660), Bärte gepflegt (Tim Eitel, »Der Schnitt«, 2021). Etliche Beispiele von Waschbecken, Rasierschalen, Bartkämmen sowie Darstellungen von Barbieren und Barber-Shops beleuchten die praktische wie auch soziale Seite der Haarpflege.

Ein eigenes Kapitel ist dem religiösen Aspekt gewidmet: etwa Haaren als Ausdruck einer bestimmten Beziehung zu Gott. So die langen Haare von asketischen Heiligen wie den indischen Sadhus mit ihren bodenlangen Dreadlocks, die Mario Testino 2019 fotografisch dokumentiert hat. In Christusdarstellungen hat sich ab dem frühen Mittelalter das gescheitelte schulterlange Haar als Bildtypus durchgesetzt (»Vera Ikon«, ca. 1530). Dass bereits in der Renaissance das lange offene Haar bei Frauen negativ konnotiert war, zeigt wiederum die Darstellung Maria Magdalenas, deren über die Hüften reichendes Haupthaar als Verweis auf ihre Vergangenheit als Prostituierte zu lesen ist (Melchior Feselen, »Himmelfahrt der Maria Magdalena«, 1523).

Ilse Haider: »La Stilla (2)« | 2002 | Farbfotografie | C-Print auf Aluminium | 80 × 65 cm | © VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Ein besonders interessantes Kapitel ist der geschlechtsspezifischen Zuordnung gewidmet: weibliches langes Haar versus männlicher Bart und Körperbehaarung. Was, wenn diese Zuschreibung konterkariert wird? Haarige Männerbeine in High Heels posieren (Ilse Haider, aus der Serie »La Stilla«, 2002), Damenbärte ungeschönt bleiben (Repräsentationsbildnis der »Senora de Delicado de Imaz« von Vivente López Portana, 1836), oder, sehr skurril, eine bärtige Frau ans Kreuz geschlagen ist, wie die Rokokoskulptur der »Wilgefortis« (um 1780) zeigt: Der Legende nach erbat die junge Christin von Gott einen Vollbart, um der Zwangsheirat mit einem Ungläubigen zu entgehen. Ihr Vater jedoch ließ sie zur Strafe wie Jesus ans Kreuz schlagen. In der Ausstellung neben einer »Mondsichelmadonna« in Gestalt von Conchita Wurst des Bildhauers Gerhard Goder (2024) präsentiert, erhält die Kreuzigungsszene aus der Wallfahrtskirche Maria Eich, Planegg, eine zeitaktuelle Brisanz.

Seit den antiken Erzählungen wird das Menschsein in Abtrennung vom Tier über die Körperbehaarung verhandelt. Mischwesen wie Faune und Satyrn werden dem Naturhaften zugeordnet, Menschen mit extremer Körperbehaarung bestaunt und gleichzeitig als unzivilisiert ausgegrenzt, wie etwa die Engländerin »Barbara van Beck« (ca. 1659), die wegen ihrer Gesichtsbehaarung als »Missgeburt« auf Jahrmärkten zur Schau gestellt wurde. Körperbehaarung kann als unangenehm empfunden werden, wie der behaarte skulpturale Torso von Evan Penny (2016) drastisch vor Augen führt, oder auch das Video von Naro Pinosa (1979), in dem der Künstler Teile von klassischen Skulpturen mit realistischen Körpern verbindet.

Schambesetzt ist schließlich das Schamhaar, in Szene gesetzt durch den Klassiker »Der Ursprung der Welt«, dem Skandalbild einer behaarten Vulva von Gustave Courbet (1866). Hier ist es jedoch nicht im Original zu sehen, sondern in einer kritischen Bearbeitung durch Agnes Thurnauer (2008), die das Gemälde mit den weiblichen Versionen bekannter Namen männlicher Künstler überschrieben hat.

Laetitia Ky: »Fighter« | 2023 | C-Print auf Diasec-Plexiglass Satin
75 × 50 cm | Courtesy LIS10 Gallery | © Laetitia Ky

Last but not least: Kein körperliches Element ist so politisch konnotiert wie das Haar. Es kann ein Akt der Rebellion sein, illustriert etwa durch ein Plakat des Atelier Wendlandt für das Musical »Hair« von 1968 sowie das ikonische Foto »Hair Peace, Bed Peace« von John Lennon und Yoko Ono (Nico Koster, 1969.) Frisuren lassen sich auch als Symbole nationaler Identität lesen: Nach der Befreiung von der Kolonialmacht Großbritannien hielt der Nigerianer J.D. ‘Okhai Ojeikere auf der Suche nach nationaler Identität von 1968 an mehr als 1.000 traditionelle nigerianische Haartrachten und ihre gesellschaftliche Bedeutung fest. Laetitia Ky macht in ihrer Foto-Serie »Afric’hair« (2022) auf gesellschaftliche Missstände von ehemaligen Kolonialstaaten wie der Elfenbeinküste aufmerksam, indem sie Haare zu symbolischen Installationen formt. Politisch missbraucht wiederum wurde das weibliche Haar im NS-Regime: Die Flechtfrisuren der Mädchen entsprachen dem bäuerlichen und damit »deutschen« Frauenideal (Sepp Hilz, »Mädchen mit roter Halskette«, 1942).

Das letzte Kapitel der Ausstellung widmet sich dem Haar als Wirtschaftsfaktor, als Ware, Werbemittel, Markenzeichen. Dabei landet man – wie sollte es anders sein – im Friseursalon: Hier kann man sich digital eine neue Haartracht verpassen lassen. ||

HAAR – MACHT – LUST
Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung
Theatinerstr. 8 | bis 4. Oktober | tägl. 10–20 Uhr, 15.4., 20.5., 17.6., 15.7., (19.8. entfällt) und
16.9.: 10–22 Uhr | Alle Infos zum umfangreichen Begleitprogramm: www.kunsthalle-muc.de

 


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