Michal Kosakowskis Essayfilm „Holofiction“ und Marcus O. Rosenmüllers Drama „Block 10“ stellen grundverschiedene Fragen an die Bildergeschichte des Holocaust. Gemeinsam verhandeln sie ein Dilemma der Erinnerungskultur: Wie lässt sich das historische Grauen zeigen, ohne es in vertraute Bilder und Erzählmuster aufzulösen? 

Die Frage nach der Darstellbarkeit des Holocaust begleitet das Kino seit Jahrzehnten. Sie ist untrennbar mit der Debatte um die Grenzen der Fiktion verbunden. Claude Lanzmanns neunstündiger Dokumentarfilm Shoah (1985) gilt in diesem Zusammenhang als zentraler Bezugspunkt, denn er verzichtet auf die nachträgliche Rekonstruktion historischer Ereignisse und setzt stattdessen auf Aussagen von Überlebenden, Tätern und Zeugen sowie auf die Gegenwart der historischen Orte. Die Abwesenheit der Vernichtung im unmittelbar sichtbaren Bild wird dabei selbst zu einem Ausdruck ihrer Unfassbarkeit.  

Ein Stacheldrahtzaun, abgemagerte Körper, Nummern auf der Haut, zurückgelassene Schuhe und Brillen: Die visuelle Sprache des Holocaust ist Teil eines kollektiven Bildgedächtnisses geworden. Sie begegnet uns in Spielfilmen, Dokumentationen, Ausstellungen, Schulbüchern und Fernsehbeiträgen. Ihre Wiedererkennbarkeit ist eine Voraussetzung historischer Vermittlung. Doch sie birgt auch eine Gefahr, denn je vertrauter die Bilder werden, desto leichter können sie ihre verstörende Kraft verlieren. Zwei Filme, die am 5. November 2026 in den deutschen Kinos starten, machen dieses Spannungsverhältnis auf unterschiedliche Weise zum Thema. Michal Kosakowskis Essayfilm „Holofiction“ untersucht die Geschichte der filmischen Darstellung des Holocaust selbst in Form eines essayistischen Montagefilms. Marcus O. Rosenmüllers „Block 10“ widmet sich den medizinischen Experimenten an jüdischen Frauen im Konzentrationslager Auschwitz in Form eines Spielfilms. Der eine Film fragt nach den Bildern, mit denen wir uns den Holocaust vorstellen; der andere nach den Menschen, deren Leiden sich hinter diesen Bildern verbirgt. Zusammen eröffnen sie einen aufschlussreichen Blick auf die Möglichkeiten und Grenzen filmischer Erinnerung. 

Es geht nicht darum, die einzelnen Filme pauschal als unglaubwürdig oder ihre Bilder als falsch zu verwerfen. Vielmehr legt „Holofiction“ offen, dass filmische Erinnerung stets auch eine Geschichte der Formen ist.  

 

Die Ikonografie des Holocaust im Film bezeichnet zunächst die Lehre von den Bildmotiven und ihren Bedeutungen. Auf den Holocaustfilm übertragen, meint sie mehr als die Sammlung wiederkehrender Gegenstände oder Situationen, sie umfasst auch Kameraperspektiven, Lichtstimmungen, Gesten, dramaturgische Konventionen und die Art, wie Täter und Opfer im Bild angeordnet werden. Über Jahrzehnte hat sich so ein visuelles Repertoire herausgebildet, das historische Ereignisse für ein Publikum lesbar macht. Zugleich prägt es die Erwartungen daran, wie der Holocaust im Kino auszusehen hat. Hier setzt „Holofiction“ an. An die Stelle einer durchgehenden Handlung tritt ein Geflecht wiederkehrender Motive: Verfolgung, Deportation, Angst, Gewalt und Vernichtung. Szenen aus unterschiedlichen Produktionen begegnen einander, werden aus ihren ursprünglichen Zusammenhängen gelöst und in neue Beziehungen gesetzt. Was in einem einzelnen Film als individuelle Inszenierungsentscheidung erscheint, wird durch die Wiederholung als Konvention erkennbar. Diese Methode verändert den Blick auf das vertraute Material. Durch die Montage entsteht eine Art visuelles Wörterbuch des Holocaustkinos. Dabei geht es nicht darum, die einzelnen Filme pauschal als unglaubwürdig oder ihre Bilder als falsch zu verwerfen. Vielmehr legt „Holofiction“ offen, dass filmische Erinnerung stets auch eine Geschichte der Formen ist.  

Wo „Holofiction“ die Bilder aus einer Vielzahl von Filmen zusammenführt, konzentriert sich „Block 10“ auf einen historischen Schauplatz. Der Film spielt 1943 in Auschwitz und erzählt von den medizinischen Experimenten, denen jüdische Frauen im sogenannten Block 10 ausgesetzt waren. Im Zentrum steht der jüdische Arzt Maximilian Samuel, der zur Mitarbeit an den Verbrechen gezwungen wird und unter der Drohung handelt, andernfalls seine Tochter zu verlieren. In diesem Film erhält die Frage nach der filmischen Darstellung eine andere Dringlichkeit als in „Holofiction“. Es geht um die Sichtbarkeit eines spezifischen Verbrechens, dessen historische Realität sich nicht in der allgemeinen Ikonografie von Lager, Stacheldraht und Deportation erschöpft. Die medizinischen Experimente stehen für eine besonders perfide Form nationalsozialistischer Herrschaft. Wissenschaftliche Verfahren, medizinische Autorität und institutionelle Ordnung wurden in den Dienst rassistischer Ideologie und körperlicher Vernichtung gestellt, der ärztliche Blick, der gewöhnlich auf Diagnose und Heilung gerichtet sein sollte, wird zum Instrument der Entwürdigung. Der Körper erscheint als Material, über das Täter verfügen. Damit berührt „Block 10“ eine zentrale Schwierigkeit des historischen Spielfilms. Wie lässt sich Gewalt zeigen, ohne sie zum Spektakel zu machen? Wie kann die Inszenierung körperlichen Leidens dessen historische Realität vermitteln, ohne den Körper der Opfer ein zweites Mal zum Objekt eines fremden Blicks werden zu lassen? 

Jüdische Frauen nach der Ankunft im Lager Auschwitz auf dem Weg in Block 10
© Foto: Anne Wilk/CCC Film/Camino Filmverleih | © Kosakowski Films, 2025

Die bisherige Rezeption des Films hebt seine schonungslose, betont nüchterne Inszenierung hervor. Die Kamera verzichtet demnach auf eine demonstrative Ästhetisierung medizinischer Instrumente. Die Gewalt wird nicht durch spektakuläre Bilder oder eine heroische Dramaturgie überhöht. Zugleich entsteht die Herausforderung, dass auch eine zurückhaltende Darstellung die Wahrnehmung lenkt. Das drastische Bild kann die historische Wirklichkeit verfehlen, wenn es das Leiden lediglich als Schockeffekt einsetzt. Umgekehrt kann eine zurückhaltende Darstellung eine Gewaltstruktur präzise erfahrbar machen, gerade weil sie dem Publikum keine bequeme Entlastung anbietet. Entscheidend ist, ob die Form die Würde der Opfer wahrt und die Verantwortung der Täter kenntlich macht. Die Herausforderung besteht darin, diese Erwartungen nicht einfach zu bedienen. Das Grauen von Auschwitz darf nicht zu einer austauschbaren Chiffre werden, die jede historische Besonderheit überdeckt.  

Die Ikonografie des Holocaust ist also nicht nur eine Frage der Ästhetik. Sie ist auch eine Frage der Macht. Wer blickt auf wen? Wer verfügt über die Bilder? Und welche Perspektive wird dem Publikum angeboten? „Block 10“ steht vor dieser Aufgabe in besonderer Weise, weil sein Gegenstand die systematische Verletzung körperlicher und persönlicher Integrität ist. Eine verantwortungsvolle Inszenierung muss die Tätergewalt sichtbar machen, ohne die Opfer auf das Erlittene festzulegen. „Holofiction“ wiederum verschiebt die Frage auf die Ebene des Zuschauens selbst. Die Montage konfrontiert das Publikum mit der eigenen Vertrautheit gegenüber den Bildern. Sie macht deutlich, dass auch der Blick auf den Holocaust kulturell geprägt ist. Wer glaubt, das historische Grauen bereits aus zahlreichen Filmen zu kennen, muss sich fragen, ob diese Vertrautheit tatsächlich Wissen bedeutet oder manchmal nur die Sicherheit des Wiedererkennens erzeugt. 

Die Frage nach der Darstellbarkeit des Holocaust lässt sich nicht durch ein allgemeines ‚Verbot‘ der Fiktion beantworten. Ebenso wenig genügt die Forderung nach möglichst drastischen Bildern. Weder Zurückhaltung noch größtmögliche Sichtbarkeit garantieren eine verantwortungsvolle Darstellung historischer Ereignisse. Kein einzelner Film vermag die historische Erinnerung zu repräsentieren. Medienkompetenz, eine reflektiertes Bildbewusstsein und Diskursbewusstsein bestimmen am Ende über die Wahrnehmung der Bilder. ||

HOLOFICTION
Deutschland, Österreich 2025 | Buch & Regie: Michal Kosakowski |
102 Minuten | Kinostart: 5. November 

BLOCK 10
Deutschland 2026 | Regie: Marcus O. Rosenmüller | Buch: Alice Brauner | Mit: Axel Prahl, Christian Berkel, Bibiana Beglau, Katharina Dalichau |
108 Minuten | Kinostart: 5. November 

Prof. Dr. Marcus Stiglegger ist Film- und Kulturwissenschaftler, Herausgeber und Autor des Buches „Holofiction. Die Ikonografie des Holocaust im Film“ (Schüren Verlag). 

 

 

 

 


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