Wolf Biermann, Sänger und Poet, wird im November 90 Jahre alt. Jens Meurer widmet diesem unbequemen Menschen, der sich immer gegen den Wind gestellt hat, einen Dokumentarfilm. Anlässlich der Premiere traf Christiane Pfau den Barden, dessen Stimme sie seit über 40 Jahren begleitet.
Ein Mann geht zum Schwimmen in die Ostsee. Das macht er regelmäßig, mit kräftigen Zügen. Wolf Biermann geht gern ins Wasser. Jens Meurer, Europäischer Filmpreis- und Golden Globe Gewinner, macht viele Biermann-Facetten sichtbar, ohne sich in Heldenverehrung zu verirren, unterlegt von den unverkennbaren Gitarrenakkorden, mit denen das Lied »Ermutigung«, geschrieben 1966, beginnt. Der Regisseur verwebt Archivmaterial und neue Aufnahmen, schlägt den Bogen vom Konzert 1976 in Köln, das die Ausweisung aus der DDR zur Folge hatte, über den Auftritt 2014 im Deutschen Bundestag bis zum Konzert 2025 im Kölner Tanzbrunnen. Meurer zeigt Biermann mit den Toten Hosen, die »Ermutigung« singen, die Rockband Van Holzen singt es, während er im Publikum sitzt. Biermann, heute »besser, klüger, schwächer«, hängt mit Leidenschaft am Leben, »zu kurz ist meine lange Zeit«.
1936 in Hamburg als Sohn eines Werftarbeiters und einer kommunistischen Maschinenstrickerin geboren, überlebt er sechsjährig die Hamburger Bombennächte, die ihn sein ganzes Leben lang nicht mehr loslassen. Als 16-Jähriger geht er, junger glühender Kommunist, in die DDR, macht bei Schwerin sein Abitur, singt, lebt und studiert in Ost-Berlin, begegnet Eisler, will Theaterregisseur werden, was ihm vom Regime verwehrt wird. Von 1965 bis 1976 darf er in der DDR nicht veröffentlichen, weil er ausgehend vom Marxismus das eigene Regime kritisiert. Seine Gedichte und Texte werden im Westen bei Klaus Wagenbach verlegt, in der DDR wird Biermann diffamiert. Seine Wohnung in der Chausseestraße 131 wird zum Salon für Gleichgesinnte. 1976 darf er nach einem Konzert in der Kölner Sporthalle nicht mehr in die DDR einreisen. Seitdem lebt er in Hamburg, zeitweise auch in Paris.

Wolf Biermann im Bayerischen Hof im Ministerzimmer zum Interview bzgl. seines neuen Dokumentarfilmes »Biermann« am 20. Januar 2026 © Christian Frey
Er bekommt mit verschiedenen Frauen insgesamt 10 Kinder, das erste mit 20, das letzte mit 60 Jahren, und sagt, er habe ein »sehr erotisches Liebesverhältnis zur Menschheit«. Mit der Sängerin Pamela Biermann ist er seit 1983 zusammen. Sie sagt im Film trocken: »Er hat mir 89 den Antrag gemacht. Daraufhin trat das DDR-Politbüro zurück, und die Mauer fiel.« Gemeinsam will das Ehepaar irgendwann auf dem Dorotheenstädter Friedhof in der Nachbarschaft vom Hanns Eisler und Heiner Müller liegen, gern unter einem Rosenbusch. »Ich bin unersättlich«, sagt er, »bis zum Tod«.
Und nun, im Januar 2026, sitzt die Autorin dem Mann gegenüber, über den sie als 16-Jährige im Deutschunterricht eine Hausarbeit über »Politisch Lied – ein garstig Lied, am Beispiel von Wolf Biermann« geschrieben hatte. Das Kölner Life-Doppelalbum »Es geht sein’ sozialistischen Gang« sang sie mit 15 Jahren und zur Beunruhigung ihrer Eltern auswendig mit, wenn auch zunächst ohne tieferes Verständnis für die politischen Hintergründe. 40 Jahre später: ein damals nicht vorstellbarer Termin, im Bayerischen Hof, Ministerzimmer. Grundlage des Gesprächs sind Zitate aus dem Film und aus seiner Autobiografie. Eine Stunde hat die gealterte Verehrerin mit dem ewigjungen, melancholisch-frivolen Freigeist, in der er erzählt, singt und auch mal ein Gedicht einbaut.
Christiane Pfau: Sie traten in den 80er Jahren in den Münchner Kammerspielen auf, und ich bin nach dem Konzert total aufgeregt hinter die Bühne gestolpert, um Ihnen zu sagen, dass ich über Sie diese Arbeit schrieb, und ob ich Sie eventuell anrufen dürfte, falls ich noch Fragen hätte. Sie sagten erstaunt: Ach neee, das machen Sie?? Natürlich habe ich Sie nie angerufen. Aber ich erinnere mich, dass Sie einen meterlangen geringelten Schal um den Hals gewickelt hatten.
Wolf Biermann: Ja, den hatte meine Mutter gestrickt! Und zwar aus Wollresten. Sie war Maschinenstrickerin von Beruf und hat als junge Frau im Akkord Strickwaren hergestellt. Sie war gefürchtet bei allen Freunden, weil sie ihnen gerne viel zu lange Schals strickte. Das war ihr fröhlicher Knall.
Und jetzt sitzen wir hier.
(er kokettiert) Und ich bin kein alter Mann mehr, sondern ein Greis. Ab 80 ist man ein Greis.
Wenn Sie das sagen!
Als ich 80 wurde, sagte meine Frau Pamela: »Ab 80 schmeißen wir jedes Jahr an deinem Geburtstag eine Party.« Ich hatte keine Lust und antwortete: »Ich bin sechseinhalb!« Sie müssen wissen, als ich sechseinhalb Jahre alt war, ist meine Lebensuhr stehen geblieben, als ich die Nächte der Bombenangriffe der Royal Air Force auf Hamburg 1943 überlebte, in denen 40.000 Menschen verbrannt sind. Seitdem habe ich ein Auge eines Sechseinhalbjährigen (singt) und sehe die Welt mit einem Kinderauge, und deswegen muss ich Gedichte schreiben. Aber Pamela fiel darauf nicht rein und sagte: »Ok, verstehe. Dann machen wir es so: du wirst ab jetzt siebeneinhalb, achteinhalb, neuneinhalb, zehneinhalb und so weiter!« Nach dieser Rechnung ist der Junge, dem Sie gerade gegenübersitzen, in der Hochpubertät (schmunzelt).
»Wenn man so eine Mutter im Rücken hat, kann man im Streit der Welt durchkommen.«
Ihre Mutter Emma hatte einen Lebensauftrag für Sie: »Die Menschheit retten und den Kommunismus aufbauen.«
Sehr bescheidene Wünsche, ja.
Was würde Emma zu unserer Gegenwart sagen?
Wahrscheinlich Ähnliches wie ich. Wir unterschieden uns in der politischen Haltung nicht so stark. Als ich im Streit mit den Bonzen der Parteiführung war, wollten die Genossen der Parteiführung meine Mutter, die ja eine alte Kommunistin war, missbrauchen. Ich war verboten. Und in der Kampagne, die gegen mich lief, sollte Emma mich verurteilen. Aber da kannten die Genossen meine Mutter schlecht. Sie hat sich nicht nur geweigert. Sie hat ihnen etwas Wunderbares entgegengehalten. Drei Sätze, die so schön sind wie der Refrain eines Liedes. Sie sagte ihren Genossen der kommunistischen Partei in Hamburg, in der sie seit 1921 Mitglied war: »Erstens: Mein Wolf ist ein Revolutionär und ihr, Genossen, seid Konterrevolutionäre. Zweitens: Mein Sohn ist ein Kommunist, und ihr seid Antikommunisten.« Aber der schönste Satz war der dritte. Sie sagte: »Mein Wolf ist ein junger Dichter, und ihr seid alte Schweine.« Wenn man so eine Mutter im Rücken hat, kann man im Streit der Welt durchkommen.

© Christian Frey
Sie sagten einmal »Ich kann kein Kommunist mehr sein.«
Ich zitiere Ihnen ein Gedicht, das kennen Sie wahrscheinlich nicht: Die heile Heimat Utopie hab ich verloren / Dafür und ganz kaputt die halbe Welt gewonnen / Als Kommunistenketzer ward ich neu geboren / Als Mann erst ist mein Kinderglaube mir zerronnen / Hab manchmal Heimweh noch nach diesem blöden Hoffen / Statt Mensch wär ich viel lieber Marxens Zwergenriese / Die alte Sehnsucht macht mich manchmal noch besoffen / Spür nächtens den Phantomschmerz aus dem Paradiese.
Danach fragen Sie ja. Mein Kinderglaube an den Kommunismus gab mir die emotionale Sicherheit: Ich stehe auf der richtigen Seite und muss nur dafür sorgen, dass die Welt sich in eine Menschenwelt verwandelt, in der der Löwe Gras frisst. Also in ein Paradies, in eine Gesellschaft ohne Ausbeutung, ohne Unterdrückung, ohne Lüge. Ha! (lacht schallend) Aber Kommunismus (Jetzt wird er leidenschaftlich laut und deutlich) bedeutet leider: Doppelte Unterdrückung und doppelte Ausbeutung. Unterdrückt wird, um die Bedingungen der Ausbeutung aufrechtzuerhalten. Gelogen wird, um die Unterdrückung zu kaschieren. Eine logische Kette von Ursache und Wirkung. Es ist mir sehr schwergefallen mit diesem angeborenem Kinderglauben zu brechen, der ja tief in mein Herz eingegraben war, nicht nur in mein Gehirn. Ich habe einen Satz von Voltaire benutzt als Refrain für ein neues Lied: »Ce qui touche le coeur se grave dans la mémoire« – Was das Herz berührt, gräbt sich ein in das Gedächtnis.
Eines Ihrer bekanntesten Lieder heißt »Ermutigung«. Ein Lied wie ein Vogel?
Ja … viele Häftlinge im Gefängnis in der DDR sangen dieses Lied. Manche Häftlinge haben es irgendwann gehört, und für die war es eine Hilfe nicht kaputt zu gehen, nicht zu verzweifeln. Es flog wie ein Vogel durch die Gitterstäbe in die Zellen, die Häftlinge gaben es untereinander weiter. Als ich das Lied schrieb, wollte ich eigentlich nur einen Freund trösten. Das Lied ist übrigens ein schönes Beispiel dafür, dass die Musen, wenn sie den Dichter küssen, ihm Sachen zustecken, die tiefer, besser, klüger, menschlicher und feiner sind, als was er selber hat. Das bedeutet, die Musen lassen ihn Worte schreiben, die im Grunde über seinem Niveau sind. Damals küsste mich die Muse in der Dachkammer von meinem Freund Peter Huchel. Ein alter Dichter, älter als ich, der auch verboten war. Er war ein kluger Schöngeist, und ich besuchte ihn manchmal. Und dort habe ich innerhalb einer halben Stunde dieses Lied »Ermutigung« geschrieben. Und was war der Musenkuss?
Das Grün bricht aus den Zweigen?
Nein! Das ist banal, das kann jeder Anfänger! Da lachen ja die Hühner und fressen das Grünzeug dann auf. Nein, überhaupt nicht das!
(zweiter Versuch, das muss jetzt passen, sonst wird es peinlich)
Also der Dreher: Du lass dich nicht verhärten, in dieser harten Zeit?
Ja! (Glück gehabt, das war knapp, draußen heult eine Polizeisirene) Durch diese Wortdrehung wird etwas mitgeliefert, nämlich die Anerkennung der Not: Du musst ja verhärten! (er redet mit Begeisterung, ausladende Bewegungen, er geht im Zimmer herum) Weil die Zeit so hart ist. Aber verhärte bitte trotzdem nicht! – Das liefert dieses Wortspiel gratis. Es wird mir mein Leiden an den Verhältnissen nicht ausgeredet, der Schmerz, die Verzweiflung, die Trauer werden nicht kleingeredet von irgendwelchen gut meinenden Leuten, die trösten wollen, was die Trauer ja nur noch schlimmer macht. Wenn das Leid anerkannt wird, kann das auch ermutigen.
Noch ein Lied: »Warte nicht auf bessre Zeiten!«
Das ist ein Beispiel für ein Lied ohne Musenkuss. Das ist ein philosophischer Gedanke. Da denkt man an Heraklit, »Man kann nicht zwei Mal in denselben Fluss steigen«. Alles fließt. Diese Erkenntnis ist eine Bildungsfrage, kein Musenkuss.
Das war mein Mantra, mit 16, 17 Jahren: Warte nicht auf bessre Zeiten.
Klar, dieses Lied wirkt gut auf das Gemüt einer Sechzehnjährigen. Wenn sie aber älter wird und ein bisschen mehr kapiert vom Leben, wird sie merken, dass die Erkenntnis, dass alles fließt, notwendig ist, wie die Mathematiker sagen, aber nicht hinreichend. Denn wenn ich an der Elbe stehe, sehe ich, dass man sehr wohl zweimal in denselben Fluss steigen kann. Da hat Heraklit sich geirrt, weil er nicht in Altona lebte. Denn: zweimal am Tag läuft die Elbe den Berg hoch. Die Gewalt der Nordsee ist bei Flut so groß, dass dieser mächtige Elbefluss bis nach Hamburg, und sogar noch ein paar Kilometer weiter, zurück ins Land fließt. Wir stehen also an der Elbe und gehen schwimmen. Dann kommt die Elbe bei Flut nach ein paar Stunden rückwärts geflossen, und wir steigen nochmal in dasselbe Wasser. Und wieder dasselbe Wasser (Crescendo, hinein in die Wasserphysik) kommt nochmal zurück, wenn der Fluss wieder richtigrum in Richtung Meer fließt. Dann steigen wir beide das dritte Mal in das Wasser, und dann möchte ich mal Heraklit sehen, wie der da am Strand steht und seine Weisheiten erzählt! (lacht)
Und was machen wir jetzt mit den bessren Zeiten? Das funktioniert ja so nicht mehr.
(wieder sehr sanft) Man soll … ach, gar nischt. Man soll, je nach geistigem Vermögen und Lebenserfahrung, die Dinge nochmal hinterfragen. Und wenn man Heraklits Weisheit durchschaut hat, weil man klug ist, bleibt trotzdem die Wahrheit: man soll nicht drauf warten, dass irgendwas besser wird. Sondern man soll dafür selber sorgen, dass es besser wird.
»Dass nämlich auch die Irrtümer ein Anlauf sein können zu neuen Irrtümern«
Würden Sie heute irgendwas anders machen?
Ich hab mich ja manchmal geirrt im Leben. Und mich korrigiert. Darüber sprachen wir eingangs. Wenn man genügend alt ist und überschaut, was man gelebt hat, dann bemerkt man etwas Komisches. Dass nämlich auch die Irrtümer ein Anlauf sein können zu neuen Irrtümern. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: In der DDR dachten die Bonzen ja zunächst, der Wolf mit der Gitarre lockt die Jugend zu Ulbricht. Das glaubten sie wirklich. Und ich finde es ein Glück, dass die sich geirrt haben. Denn wenn sie sich nicht geirrt hätten, dann hätten sie mich – als ich noch fast unbekannt war – nach Bautzen gesteckt. Dann wären sie mich los gewesen. Dann hätte kein Hahn mehr nach mir gekräht. Meine Mutter hätte sich die Augen ausgeweint in Hamburg, und wir beide würden jetzt nicht hier sitzen. Insofern verdanken wir beide, dass wir uns hier in diesem noblen Laden unterhalten können, über die Flut an der Elbe – wem verdanken wir das? Der Partei! Deswegen können wir heute mit ironischem Lächeln das Parteilied von Louis Fürnberg singen: (Biermann singt, säuselt und schmettert)
Sie hat uns alles gegeben / Sonne und Licht und sie geizte nie / wo sie besser als das Leben / was wir sind, sind wir durch sie! Die Partei, die Partei, die hat immer recht / und Genossen, ich bleibe dabei / denn wer kämpft für das Recht, der hat immer recht / gegen Lüge und Kriegstreiberei. Und so weiter!
Sie schreiben in Ihrer Biographie über den »Liebeskummer mit der Menschheit«.
Das Wort dafür heißt: Politik.
Und wie kriegt man diesen Kummer wieder weg?
Indem man stirbt, natürlich. ||
BIERMANN
Deutschland, 2026 | Regie: Jens Meurer | Drehbuch:
Dirk Kämper, Jens Meurer und Pamela Biermann | 120 Min.
Kinostart: 29. Oktober
»Warte nicht auf bessre Zeiten! Die Autobiographie« | Ullstein
Taschenbuch, 2017 | 19,99 €
»Ihr löscht das Feuer mit Benzin. Tagebücher. Über Verbot,
Ausbürgerung und Mauerfall« | Hrsg. Ilko-Sacha Kowalczuk
Penguin, 2026
»Mit uralten Kinderaugen. Gedichte 2006–2026« | Penguin, 2026
Das könnte Sie auch interessieren:
Liebe Leserinnen und Leser,
wir freuen uns, dass Sie diesen Text interessant finden!
Wir haben uns entschieden, unsere Texte frei zugänglich zu veröffentlichen. Wir glauben daran, dass alle interessierten LeserInnen Zugang zu gut recherchierten Texten von FachjournalistInnen haben sollten, auch im Kulturbereich. Gleichzeitig wollen wir unsere AutorInnen angemessen bezahlen.
Das geht, wenn Sie mitmachen. Wenn Sie das Münchner Feuilleton mit einem selbst gewählten Betrag unterstützen, fördern Sie den unabhängigen Kulturjournalismus.
JA, ich will, dass der unabhängige Kulturjournalismus weiterhin eine Plattform hat und möchte das Münchner Feuilleton




