Der Dokumentarfilm »Leica – Ein Jahrhundert in Bildern« ist ein brillanter Imagefilm und ein Fest der Fotografie.
Ein Werkzeug, das die Welt veränderte. Der Feinmechaniker und Hobbyfotograf Oskar Barnack konnte das nicht ahnen, als er um 1925 bei dem Mikroskophersteller Leitz im hessischen Wetzlar die erste funktionsfähige Kleinbildkamera entwickelte. Er wusste nur, dass er durch sein Asthma keine wuchtigen Kameragehäuse tragen konnte, aber trotzdem sein Hobby der Landschaftsfotografie weiter pflegen wollte. Also tüftelte er. Seine Idee war bestechend: Man nehme ein möglichst kleines, handfreundliches Gehäuse, packe den bereits im Kino handelsüblichen 35mm-Film in eigene Patronen, worin er sich aufrollen lässt, und kann damit mehrere Einzelbilder auf kleinstem Raum nacheinander belichten, ohne ständig die Kamera öffnen zu müssen. Im Frühjahr 1925 wurde die Leitz Camera I bei der Leipziger Frühjahrsmesse vorgestellt, bis zum Ende des Jahres waren bereits 900 Exemplare verkauft. Die Produktion in Großserie begann. Die Fotografie wurde mobil und veränderte, mehr noch als schon mit den bisherigen Platten- und Großbildkameras, den Blick auf die Welt.
Mit dieser Frühgeschichte hält sich Reiner Holzemer allerdings nicht lange auf. Den erfahrenen Dokumentarfilmregisseur (»Dries«, »Martin Margiela: In His Own Words«, »Lars Eidinger – Sein oder Nichtsein«) interessieren der Weg, den die Fotografie durch das neue Werkzeug gehen konnte, und die Gattungen, die sie bewegte und beschleunigte. Denn die Kleinbildkamera war unauffällig, kein Ungetüm, bei dem man sich ertappt vorkam. Sie wurde zur handlichen Reportagekamera und nahm andere Bilder auf, als man vorher zu sehen bekam: Krieg, nah an der Front; soziales Elend, mitten aus Vorstädten, Arbeitervierteln, Slums; die Gegenwelten in Rotlichtbezirken, aber auch der Alltag auf der Straße. Das ganz normale Leben eben. Die Leica wurde durch ihrer Protagonisten und Protagonistinnen – Fotografie war noch bis weit in die Sechzigerjahre vor allem ein Männerbusiness – ein Instrument der Demokratisierung und Archivierung, auch der Politisierung. Alles, nicht mehr nur Reichtum und Macht, konnte festgehalten werden, überall, wohin man mit einer Kleinbildkamera und oft Mut und Leidenschaft gelangen konnte.

Der mehrfach ausgezeichnete Schweizer Pressefotograf Dominic Nahr bei der Arbeit: in Reiner Holzemers Dokumentarfilm »Leica – Ein Jahrhundert in Bildern«| © Reiner-Holzemer-Film
Das ist das Zentrum von Reiner Holzemers Dokumentation »Leica – Ein Jahrhundert in Bildern«. Er reiht Fotographen und Fotografinnen mit ihren Spezialgebieten aneinander und klammert die Geschichte über die Chance, mit Bildern zu erzählen: Misan Harriman und seine Perspektive aus der Black Lives Matters Bewegung; Dominic Nahr mit Bunkerporträts von Soldaten in der Ukraine; Joel Meyerowitz, der mit 86 Jahre immer noch New York Straßen auf der Suche nach Menschen abläuft; Sebastião Salgado, der der Gewalt brennender Ölfelder oder verschlammter Goldminen noch menschliche Würde abgewinnt; Jane Evelyn Atwood, die den Frauen der Nacht nachspürt; JR, der den sozialen Blick stimmig mit Graffiti-Spirit zum Event macht; Andy Summers, mit Backstage- und Menschenbildern und außerdem rauen Gitarrenklängen im Soundtrack. Mode und Stars interessieren den Film weniger, ein bisschen Greg Williams und Enrique Badulescu decken die Sparte ab. Ragnar Axelsson und Luca Locatelli stehen für große, kalte Landschaften und Makrobilder.
Viele der Kollegen und Kolleginnen begleitet Reiner Holzemer bei der Arbeit. Man kann Making-of und Resultat vergleichen, dazwischen dann Klassiker von Henri Cartier-Bresson oder Robert Capa als Überleitungen. Es wird ein Fest der oft erschreckenden, berührenden, nahezu durchgehend beeindruckenden Bilder, bleibt aber eine nur angerissene Geschichte der fotografischen Blicks, die mehr historische Unterfütterung und viel mehr Umfang vertragen könnte. Und es ist auch ein umsichtig kuratierter Image-Film, einschließlich der »Celebration Of Photography« als Szenetreff 2024 bei Leica in Wetzlar. Aber diese Businessverbindung ist legitim. Denn die Firma Leica hat ein Werkzeug geschaffen, das viele Menschen inspiriert und bewegt. Und sie sorgt mit viel Markenpflege dafür, dass Fotografie in Zeiten der Prompts ein Medium bleibt, dem man noch Menschlichkeit zutraut. ||
LEICA – EIN JAHRHUNDERT IN BILDERN
Deutschland, 2026 | Buch und Regie: Reiner Holzemer | Mit: Jane Evelyn Atwood, Ragnar Axelsson, Ralph Gibbons, Sarah M Lee, Gabriele Micalizzi, Sabastião Salgado, Andy Summers u. a. | 92 Minuten | Kinostart: 18. November
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