München hat kein Performing Arts Center und wird wohl auch so schnell keins bekommen. Wie gut, dass es wenigstens zwei von Künstlern und Künstlerinnen selbstverwaltete Häuser gibt, ohne die die freie Theater-Tanz- Musik-Szene gar kein dichtes Dach über dem Kopf hätte.
Das Theater in der Entenbachstraße 37 in Untergiesing hatte schon einiges erlebt, bis es 2016 als „HochX“ ins Münchner Kulturleben drang: 1992 öffnete unter der Leitung des Theatervereins e.V., dem u.a. Alexej Sagerer, Kurt Bildstein und George Froscher, Micha Purucker, Manfred Killer und andere Freigeister angehörten, mit Unterstützung von Brigitte von Welser und Werner Schmitz aus dem Kulturreferat die ehemalige Schauburg-Probebühne im Kolpingsaal das Theater „eNTe“. Der Name entsprang der Adresse. Etwa ein Jahr nach der Eröffnung wurde das Haus in „NT“ umbenannt, was für „Neues Theater“ stand – man wollte sich von der unfreiwilligen Verniedlichung distanzieren. Wiederum ein paar Jahre wurde daraus das „I-camp“, mit Micha Purucker, Robert Hofmann, Christina Ruf und anderen Protagonisten der freien Szene. Der neue Name signalisierte eine Mixtur aus intellektuell-medialem Experimentallabor, das sich etwa 10 Jahre lang hielt. Während dieser Zeit wurde das Haus technisch aufgerüstet und immer wieder punktuell renoviert. 2014 schrieb das Kulturreferat die Leitung des Hauses neu aus. Im Sommer 2015 erhielt das Team aus Benno Heisel, Ulrich Eisenhofer, Ute Gröbel und Susanne Weinzierl die Zusage für die Übernahme der Spielstätte. So groß die Freude war, so groß war auch der Schrecken: „Wir mussten innerhalb kürzester Zeit nicht nur ein Betriebskonzept entwickeln, ein künstlerisches Programm entwerfen und eine neue Corporate Identity aufbauen, sondern – völlig unerwartet – auch das gesamte Haus grundlegend renovieren“, erinnert sich Ute Gröbel. Alles passierte potenziert, und so kam es zu dem zunächst sperrigen Namen „HochX“. Nach turbulenten und oft auch dramatischen Monaten konnte das HochX am 16. September 2016 feierlich eröffnet werden, mit Produktionen von lost:yesterdays und Clara Hinterberger, einem Konzert von Joasihno sowie einem rauschenden Eröffnungsfest.
Das HochX, dessen Träger der Verein Theater und Live Art e.V. ist, versteht sich seit Beginn als Spielort der freien Szene. Hier wird vor allem die Infrastruktur zur Verfügung gestellt, die freie Theater- und Tanzkünstler und -künstlerinnen brauchen. Das HochX bietet auch dezentrale Proberäume an und fungiert als Koproduktionspartner. „Unser Ziel war es, die Bandbreite der freien Münchner Theaterszene sichtbar zu machen und möglichst vielen unterschiedlichen Künstler*innen eine Bühne zu bieten“, sagt Ute Gröbel. Zu den ersten großen Erfolgen in der ersten Spielzeit 2016/2017 zählte Karen Breeces Produktion „don’t forget to die“. Gleichzeitig fanden mit dem Rodeo-Festival unter der Leitung von Sarah Israel sowie dem Freischwimmer-Festival zwei wichtige Festivals im HochX statt. Künstlerinnen und Gruppen wie Emre Akal, die Münchner Theatertexter*innen, Ceren Oran, die Münchner Festivals Spielart, DANCE und die Münchener Biennale konnten ans HochX andocken. 2018/19 übernahm das Team des HochX erstmals selbst die Trägerschaft des Rodeo-Festivals, wieder unter der Leitung von Sarah Israel. Das Team wuchs weiter, neue Reihen und Kooperationen bereicherten das Programm, wie „Explore Dance“, die Literaturreihe „LIX“ oder die Theaterserie „Münchner Schichten“.

Wohnhaus mit Theater: der Freie-Szene-Hotspot in der Au | © Hannes Rohrer
Im Frühjahr 2020 veränderte die Corona-Pandemie alles: Geplant wurde nur auf Sicht, von Lockdown zu Lockdown. Insgesamt blieb das HochX für siebeneinhalb Monate geschlossen. Not machte erfinderisch: Mehr als 80 digitale Formate wurden entwickelt, wodurch Künstler*innen und Techniker*innen weiterarbeiten konnten. „Die Tanzausstattung wurde verbessert, eine Lüftungsanlage installiert und unsere Vermittlungsarbeit deutlich ausgebaut. Mit Charlotte Müller und später Anna Möhrle arbeiteten wir erstmals kontinuierlich mit einer Theaterpädagogin zusammen.“ Ein besonderer Erfolg war die Einladung zum Berliner Theatertreffen: „Scores That Shaped Our Friendship“ von Lucy Wilke und Paweł Duduś wurde im April 2021 im HochX aufgezeichnet und anschließend online beim Theatertreffen präsentiert. „Die Wiedereröffnung im Sommer 2021 war ein organisatorischer Kraftakt, da parallel Indoor- und Outdoor-Programme stattfanden. Mitten in dieser intensiven Phase erreichte uns die Nachricht, dass das HochX mit dem Theaterpreis des Bundes 2021 ausgezeichnet wurde. Die Jury würdigte insbesondere unsere Rolle ‚als Impulsgeber:in und wichtige:r Netzwerker:in für die Freie Szene, auf dem Weg zu einem Produktionshaus für München mit überregionaler Strahlkraft‘.“ Obwohl die Pandemie langsam abklang, blieb der Theaterbetrieb schwierig. Das Publikum musste sich erst wieder daran gewöhnen, wieder aus dem Haus zu gehen und andere Menschen zu treffen. Langsam nahmen auch die Festivals wieder Fahrt auf. „Ursprünglich wollten wir lediglich Gastgeberin für Freischwimmen sein. Weil für das Rodeo-Festival kurzfristig eine neue Trägerschaft gesucht wurde, übernahmen wir schließlich beide Festivals und machten daraus ein gemeinsames Großprojekt – auch als Signal des Aufbruchs für die freie Szene nach der Pandemie.“ Das Team wuchs weiter, und da die räumlichen Kapazitäten nicht mehr ausreichten, wurde ein benachbartes Ladenlokal angemietet. Mithilfe der Mittel aus Freischwimmen und dem Theaterpreis des Bundes konnten zudem Residenzprogramme aufgebaut werden, die internationalen Künstler*innen mehrwöchige Arbeitsaufenthalte am HochX ermöglichten. Auch das Programm für junges Publikum wurde erweitert.
Ab 2024 übernahm das Team des HochX die Durchführung und Leitung des Rodeo-Festivals, wo es seitdem dauerhaft eine Heimat gefunden hat. „Zehn Jahre nach der Eröffnung ist das HochX weit mehr als eine Spielstätte“, sagt Ute Gröbel. „Aus einem ambitionierten Neustart ist ein Haus geworden, das die freie Szene Münchens entscheidend mitprägt, nationale und internationale Kooperationen ermöglicht, neue künstlerische Formate entwickelt und immer wieder Räume für Begegnung, Austausch und Experimente schafft. Die vergangenen zehn Jahre waren geprägt von Aufbruch, Krisen, Wachstum und großer Begeisterung – und sie bilden das Fundament für alles, was noch kommt.“ Im Oktober sind dies zunächst das nächste Rodeo-Festival, direkt gefolgt vom internationalen Figurentheaterfestival Wunder. Ohne HochX und Schwere Reiter wären nicht nur diese Ereignisse in München nicht denkbar. ||
HochX | Entenbachstr. 37 | www.theater-hochx.de
Schwere Reiter | Dachauer Str. 112 | www.schwerereiter.de
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