Archive gehen uns alle an: Mit seiner diesjährigen Ausstellung »MEMORY GAP« in der Südgalerie im Haus der Kunst beleuchtet der Künstler*innenverbund »archivalische Praxen in der Gegenwartskunst«.
Zwei Wochen im September wird wieder die »Kunstausstellung in der Südgalerie« laufen, die seit 2013 im Wechsel mit der »Biennale im Haus der Kunst« die ehemalige Große Kunstausstellung der drei traditionellen Münchner Kunstvereinigungen Münchner Secession, Neue Münchner Künstlergenossenschaft und Neue Gruppe ersetzt. Veranstaltet werden die Ausstellungen vom Künstler*innenverbund im Haus der Kunst.
Zwei Wochen, das ist wenig für ein Thema, das interessant und hochaktuell ist, und das uns alle betrifft – im Gesellschaftlichen wie im Privaten: Es geht um Archive. Archive sind das historische Gedächtnis einer Gesellschaft, einer Gruppe, einer Familie und von uns selbst: Was wollen wir der Nachwelt hinterlassen? Was ist es wert, dokumentiert zu werden und in welcher Form? Wer entscheidet, was archiviert wird und mit welchem Interesse? Was möchte ich unter Umständen vernichten, um in einem bestimmten Licht zu erscheinen? Beim Archivieren geht es immer auch um Deutungshoheit, um Machtverhältnisse und um das, was verschwiegen wird – um »memory gaps«.
Mit Archiven zu arbeiten – sei es als Materialquelle, als Methode oder als Thema – ist seit jeher gängige künstlerische Praxis. Auslöser für die kommende Ausstellung war eine Entdeckung: Das seit 1948 geführte Ausstellungsarchiv des Haus der Kunst, das nach Jahrzehnten im Keller vergangenes Jahr geborgen und aufgrund seiner Relevanz für die Forschung in das Bayerische Staatsarchiv überbracht worden ist. In einer Ausstellung im Zentralinstitut für Kunstgeschichte hatte sich eine Gruppe von Künstler*innen 2025 mit dem komplexen Fundus auseinandergesetzt, unter anderen die Künstlerin und Kuratorin Petra Gerschner. Sie hat daraufhin das Konzept für »MEMORY GAP«, für die diesjährige Ausstellung in der Südgalerie entwickelt. Die Ausstellungskataloge von 1949 bis 2026 werden im Treppenauge als Präsenzbibliothek zur Verfügung stehen.
Obwohl laut Satzung des Künstler*innenverbunds 50 Prozent der Künstler*innen in den Ausstellungen einen Bayern-Bezug haben müssen, hat Petra Gerschner Positionen aus fünf Kontinenten versammelt. Eine Weltausstellung gewissermaßen, die zeigen wird, welch unterschiedliche Zugänge es zum Thema gibt, von der Befragung historischer Archive über persönliche Dokumentationen bis hin zur Untersuchung archivalischer Methoden.
Die australische Künstlerin Zanny Begg etwa hat 2017 gemeinsam mit dem Wiener Künstler Oliver Ressler eine Art investigatives Filmdokument über die wenig rühmliche Geschichte der Pazifikinsel Nauru gedreht, die seitens der Australischen Regierung heute zu einem Offshore für Geflüchtete geworden ist. Die Taiwanesin Hsiao-Shu Chen transformierte ein digitales Archiv in das älteste Dokumentationsmedium, die Tonscherbe: Grundrisse von Wohnungen auf Immoscout projizierte die Prangenberg-Schülerin auf Keramikplatten (2021). Die Schmuckkünstlerin Anna Maria Eichlinger, die bei Otto Künzli, ebenfalls an der Münchner Kunstakademie, studiert hat, archivierte geerbten Familienschmuck, indem sie ihn in Beton eingoss. Ein Röntgenbild legt davon Zeugnis ab (2001). Den Gegenentwurf dazu liefert ihre Kollegin Paula Pongratz, die im Diamantschliff Schmucksteine aus zusammengeklebten CD-Datenträgern schneidet (2026). Zanele Muholi setzt sich mit der Sichtbarkeit der afrikanischen LGBTQ+-Community auseinander, Katrin Winkler hinterfragt Bildmaterial und Beschriftung von Missionarsstationen der Kolonialzeit und Joachim Seinfeld stellt unter dem Motto »When Germans are funny« den Wahrheitsgehalt von Fotoarchiven infrage, indem er sich in historische Aufnahmen aus dem 20. Jahrhundert einschleicht. Das Duo Friederike & Uwe hat 2007–2010 eine 77-teilige historische Dokumentation erstellt, indem es mit Mosaiksteinchen aus Plastik ein Memory-Spiel mit Motiven ihrer Kindheit in den 1970er Jahren nachgebildet hat, z. B. ein TV-Testbild, eine Barbie-Puppe, einen Noppenball etc.

Paula Pongratz: »Halbroh CDiamanten« | 2026 © Paula Pongratz
Eine der ältesten Arbeiten ist die Filmdokumentation der kroatischen Künstlerin Sanja Iveković von 1982, die sich Löcher in eine Kopfmaske schneidet, in die zeitgenössische Fernseh- Ausschnitte aus Jugoslawien montiert sind. Der Kanon der Kunstgeschichte bildet die Basis des Archiv-Projekts »Saints & Classics hangin‘ around« (2025) von Nicole Frenzel: Sie reproduziert die Umrisse aus fotografierten Skulpturen in einem gummiartigen Material und hängt die schlaffen Objekte an die Wand: eine Transformation von drei- zu zwei- zu dreidimensional sowie von Geschichte in die Gegenwart. Und Regina Hellwig-Schmid befragt seit 1996 in ihren »Koffergeschichten – Koffernotizen« Personen, die ins Exil gingen, was sie in ihren Koffern mitnehmen und legt ein biografisches Archiv aus Mitschriften und Koffer-Zeichnungen an. Außerdem werden Arbeiten von Walter Seidl, Béla Juttner, Nausikaa Hacker sowie dem Atelier Jacobi mit Interieurs aus den 1930er Jahren zu sehen sein.
Und wer noch tiefer in das Thema einsteigen möchte: Ein Symposium zur Ausstellung mit dem Titel »passing to the future« findet am Samstag, 12. September ab 13 Uhr im Auditorium des Haus der Kunst statt. Der Eintritt ist frei. Die Panelist*innen aus Künstler*innen und Wissenschaftler*innen stellen im interdisziplinären Dialog Strategien und Methoden ihrer archivischen Arbeitsprozesse vor, verweisen auf »memory gaps« und diskutieren Fragen der Zukunftserinnerung. ||
MEMORY GAP. Potentiale archivalischer Praxen in der Gegenwartskunst
Südgalerie im Haus der Kunst | 5.–19. Sept. | Mi–Mo 10–20 Uhr | www.kuenstlerverbund-hausderkunst.de
Live-Performance „The Diva“ von Béla Juttner um 15 Uhr am 19.09.
Das könnte Sie auch interessieren:
Haare, Haare und nochmal Haare: Ausstellung »HAAR – MACHT – LUST« in der Kunsthalle
Der Planet stirbt in Schönheit: die Ausstellung »Earth Matters« in der Bergson Gallery
»Freiheit ist das Beste von allem«: Ausstellung über Tove Jansson im Literaturhaus
Liebe Leserinnen und Leser,
wir freuen uns, dass Sie diesen Text interessant finden!
Wir haben uns entschieden, unsere Texte frei zugänglich zu veröffentlichen. Wir glauben daran, dass alle interessierten LeserInnen Zugang zu gut recherchierten Texten von FachjournalistInnen haben sollten, auch im Kulturbereich. Gleichzeitig wollen wir unsere AutorInnen angemessen bezahlen.
Das geht, wenn Sie mitmachen. Wenn Sie das Münchner Feuilleton mit einem selbst gewählten Betrag unterstützen, fördern Sie den unabhängigen Kulturjournalismus.
JA, ich will, dass der unabhängige Kulturjournalismus weiterhin eine Plattform hat und möchte das Münchner Feuilleton






