Katrin Bittl und Reiner Heidorn bitten ins Biotop. Noch bis zum 16.2. in der Galerie Bezirk Oberbayern.

Katrin Bittl / Reiner Heidorn

Alles so schön grün hier

katrin bittl

Reiner Heidorn »floatwater« | 2022 | Öl auf Leinwand, 210 x 280 cm | © Reiner Heidorn

Es könnte sein, dass es draußen schon dunkelt und man auf der Prinzregentenstraße gegen Schnee und Wind anläuft, bevor man ins angenehm temperierte Grün eintaucht: In der Galerie des Bezirks Oberbayern empfangen Reiner Heidorn und Katrin Bittl den Besucher in ihrem persönlichen Arkadien, in dem Zweibeiner und Pflanzen, Mensch und Natur eins werden. Die Ausstellung prunkt mit großen und kleinen Gemälden, Installationen mit Pflanzen und einem Video, auf dem zwei nackte Frauen mit großer Selbstverständlichkeit am Waldrand sind, und zwar wirklich einfach nur »sind«: Die eine spaziert durchs Grün, die andere hängt in sich versunken wie ein Faultier in einer Art Schaukel von einem Baum herab. Diese Szene hat eine stille Heiterkeit, von der man sich gern anstecken lässt.

Und so wandert man gut gelaunt weiter und wundert sich über eine Zimmerpflanze in einem ziemlich hässlichen Übertopf, die auf einem nicht weniger schauerlichen Blumenmöbel steht – Inbegriff spießbürgerlicher Wohnzimmereinrichtung, Schrankwand und Sofakombination bleiben einem zum Glück erspart. Wäre da nicht das kleine raffinierte Video, das in eine ausziehbare Fläche im Blumentischchen eingelassen ist: Es zeigt eine nackte Frau in Embryonalhaltung zwischen Grünpflanzen. Sie erinnert an das »Däumelinchen« aus Hans Christian Andersens Märchen, in dem sich eine Frau sehnlich ein Kind wünscht. Eine zur Hilfe gerufene Hexe übergibt ihr ein magisches Gerstenkorn, das die Frau in einen Blumentopf pflanzt, woraus eine Blume wächst, in deren Blüte die Frau ein daumengroßes Mädchen findet. Als sie älter wird, verliebt sich ein Maikäfer in sie. Weil aber die anderen Maikäfer Däumelinchen als hässlich bezeichnen, lässt er sie fallen. Eine Feldmaus rettet sie, und sie freundet sich mit verschiedenen Tieren an. Eine Schwalbe bringt sie schließlich in den Süden, wo sie in einem Blumenbeet in einer Blüte einen geflügelten Märchenprinzen ihrer Größe trifft, der ihr ein Paar Flügel gibt. So können beide von Blume zu Blume fliegen.

Katrin Bittl, Absolventin der Münchner Akademie der Bildenden Künste, hinterfragt in ihren Arbeiten durchaus humorvoll gesellschaftliche Normvorstellungen. Für ihre Diplomarbeit wurde sie 2023 mit dem Preis des Akademievereins ausgezeichnet. Viele ihrer Ölbilder und Bleistiftzeichnungen sind klein, sie messen nicht mehr als sechs mal acht Zentimeter. Mini-Videodisplays integriert sie in Objekte. Will man erkennen, was abgebildet ist, muss man schon sehr genau hinsehen, sich bücken, sich hinneigen. Diese Betrachterverführung, die den Besucher physisch zum Mitspieler macht, ist ebenso hintergründig wie pragmatisch. Will man verstehen, wie vielfältig eine Gesellschaft ist, muss man sich ihr zuwenden. Wie viel Interessantes, Schönes, Bereicherndes würde einem sonst entgehen! Demgegenüber spielt der Weilheimer Künstler Reiner Heidorn seine Farben pastos auf großen Flächen aus, die man explizit auch anfassen darf, ohne dass eine Alarmanlage losschrillt. Seine Maltechnik nennt er »Dissolutio«, was so viel wie »Auflösung«, »Verschwinden« meint. Mikroskopaufnahmen von Wassertropfen und Pflanzenzellen übersetzt er in scheinbare Landschaften, in denen viele Grüntöne sich überlagern, verschlungene Farbverläufe an Dschungel und Dickicht denken lassen. Äste wachsen aus den Bildern, Altholz auf dem Boden vor den Gemälden macht die Fläche zum Bühnenbild, aus dem jederzeit ein Däumelinchen treten könnte. Und manchmal tut es das sogar: auf einigen Bildern sitzt eine der Miniaturen von Katrin Bittl. Hinbeugen lohnt sich. ||

KATRIN BITTL UND REINER HEIDORN: WE ARE PLANTS
Galerie Bezirk Oberbayern | Prinzregentenstr. 14 | bis 16. Februar | Mo bis Fr 10–19 Uhr | Eintritt frei

Weitere Ausstellungsbesprechungen finden Sie in der aktuellen Ausgabe. Hier geht es zum Kiosk.

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