Eine Begegnung mit dem russisch-ukrainischen Choreografen Alexei Ratmansky beim Bayerischen Staatsballett.

Alexei Ratmansky im Interview

Schwimmen in der Musik

alexei ratmansky

Alexei Ratmansky | © Fabrizio Ferri

Die häufigste Bewegung auf der Ballettetage im Probenhaus am Platzl ist an diesem späten Novembernachmittag das Schulterzucken. Niemand weiß, was am 23. Dezember unter dem Titel »Tschaikowski-Ouvertüren« als Spielzeitpremiere auf der Bühne des Nationaltheaters zu sehen sein wird. Auch Choreograf Alexei Ratmansky nicht. Er ist im Kreationsprozess. Sechs Tänzerpaare kreiseln in einem komplexen Bewegungsgefüge um einen Solisten, wieder und wieder. Pianist Simon J. Murray wiederholt mit nicht nachlassender Emphase eine Passage der Elegie aus der Bühnenmusik zu »Hamlet«. Ratmansky, mit 54 zum braunbärtigen Tanzbären gereift, demonstriert die korrekte Gewichtsverlagerung, um eine Seitenbewegung so elegant wie sicher auszubalancieren. Der Absolvent der Bolschoi Akademie und spätere Leiter des Bolschoi Balletts in Moskau zählt, auch nachdem er 2009 beim American Ballet Theatre angedockt hatte, zu den begehrtesten Gralshütern der (Neo-)Klassik, wenn es um Rekonstruktionen geht, etwa die »Paquita« (1994) in München. Oder aber eben auch um Kreationen. Warum Tschaikowski? – das fragt sich so manche(r) und denkt sich: ausgerechnet! oder: schon wieder! Ratmansky blickt einen melancholisch aus braunen Augen an. Also:

Warum Tschaikowski?
Das war schon vor ganz langer Zeit geplant. Tschaikowski lässt sich gut tanzen. Das ist bekannt. Deswegen ist er uneingeschränkt nach wie vor sehr beliebt. Es ist schöne Musik.

Wie wahr – aber auch oft gehört. Was ist das Konzept dieses Abends? Denn Sie stricken ja aus fünf verschiedenen Tschaikowski-­Ouvertüren und Bühnenmusiken sicher kein Handlungsballett.
Nein, natürlich nicht, sondern jeweils Variationen über ein Thema. Die Themen geben die verschiedenen Bühnenstücke vor, »Romeo und Julia«, »Hamlet«, »Der Sturm«, ohne dass hier jeweils ein Inhalt erzählt würde. Ich bewege mich auf dem schmalen Grat zwischen Handlung und Abstraktion. Es ist wie Schwimmen in der Musik.

Als Sie im vergangenen März hier waren, setzten Sie bei der Premiere des »Passagen«­ Abends ein starkes politisches Signal, als Sie die ukrainische Fahne hochhielten.
Der Krieg hatte gerade begonnen. Jetzt dauert der Krieg an und wir bekommen jeden Tag Todesnachrichten.

Dabei gehören Sie offenbar keineswegs zu den ideologischen Betonköpfen, die Cancel Culture betreiben und russische Musik, etwa von Tschaikowski, aus dem Orchestergraben und von den Konzertpodien verbannen wollen.
Ich will Tschaikowski auf keinen Fall Putin überlassen. Tschaikowski ist viel mehr als der Horror, der gerade passiert. Diesen Horror richten die Russen an. Tschaikowski ist Russe, aber sein Russland ist ein anderes Russland als deren Russland.

Haben Sie als Russe Schwierigkeiten?
Ja.

Inwiefern?
Ich bin in der Ukraine aufgewachsen. Mein Vater stammt aus Kiew, meine Mutter aus Leningrad (er nennt St. Petersburg auch noch heute so, EEF). Also bin ich halb und halb. Mein Vater ist Jude. Ich selbst betrachte mich als Ukrainer. Mein Herz schlägt für die Ukraine. Dieses Projekt hier mit dem Bayerischen Staatsballett war ja geplant lang bevor all das passierte. Nach gründlichen Überlegungen – das war keine leichte Entscheidung für mich – entschied ich mich dafür, wie ich schon sagte, Tschaikowski nicht den anderen zu überlassen. Er passt da einfach nicht dorthin, denn er war ein hochsensibler, liebenswürdiger Mensch.

Eignet sich Tschaikowskis Musik wegen ihrer Schönheit nicht vor allem trefflich für Eskapismus? Hierzulande proklamierte 1968 der
österreichische Choreograf Johann Kresnik vollmundig »Ballett kann kämpfen«. Wie kämpft Ballett zu solcher Musik?

Zum Eskapismus: Das mag in manchen Situationen so aussehen. Aber es ist niemals das allein, sondern doch immer die Reflexion der jeweiligen Lebenswirklichkeit. Ballett wird dem Publikum von Zeitgenossen nahegebracht, von Menschen von heute. Die Tänzer bringen ihre Geschichten, ihre Persönlichkeiten mit auf die Bühne, ihre Realität. Der Körper lügt nicht. Sie zeigen, wer sie sind. In diesem Sinn ist Ballett eine zeitgenössische Kunst. Aber ja, wir bleiben bei einem Kanon der Schönheit, den es zu entdecken gilt, das Schönheitsideal der Griechen vor 2000 Jahren miteingeschlossen. Das ist so relevant wie alles andere auch.
Durch entsprechenden Nachdruck ließen sich dadurch auch politische Botschaften vermitteln. Zwei Monate, bevor ich nach München kam, hatte ich in Seattle die »Wartime Elegy« zu ukrainischer Musik mit ukrainischen Künstlern als direkten Kommentar zu den aktuellen Ereignissen herausgebracht. Bei so einem Stück ist es wichtiger, was die Künstler miteinfließen lassen, als meine Choreografie. Was wir hier sehen werden, ist ein Epitaph.

Wie fangen Sie mit einem neuen Stück an, wenn Sie die Musik hören, die Tänzer sehen? Haben Sie bestimmte Bilder vor Augen?
Ich habe mein eigenes System entwickelt. Früher ging ich ins Studio und habe viel improvisiert. Ich arbeite viel mit Kopfhörern, bringe etliche eigene Ideen mit, die wir dann zusammen mit den Tänzern ausprobieren.

Lassen Sie sich auch von den Tänzerkörpern, die Sie sehen, inspirieren?
Ja sicher. Vor allem, wenn sie sich diese Bewegungen allmählich zu eigen machen.

Sind die Stücke fürs Bayerische Staatsballett irgendwie verbunden?
Ja, es gibt einen roten Faden.

In der Probe fand ich die Verknüpfung romantischer Bewegungen mit wilden Ausbrüchen sehr bewegend.
Das finde ich alles in der Musik. Tschaikowskis Musik ist sehr erzählerisch. Er hält mit nichts hinterm Berg. Nicht mit Gefühlen. Auch darin ist er ein grandioser Dramaturg. ||

NATIONALTHEATER | Premiere: 23. Dez., 19.30 Uhr | 26./27. Dez.; 8. April; 5./7. Mai, jew. 19.30 Uhr | Einführungen: 18.30 Uhr im ersten Rang | Tickets: 089 21851920 und online.

Weiteres zum Tanz-Geschehen in München finden Sie in der aktuellen Ausgabe. Hier geht es zum Kiosk.

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