Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung, zu „Wir werden uns noch wundern“ von Alexander Gorkow, 10. Juli 2026
Danke, Herr Gorkow!
Dass Marek Wiechers als Kulturreferent für die nächsten zwei Jahre bestätigt wurde, ist die einzige vernünftige Entscheidung. Viele werden sich erinnern: Michael Piazolo, der kurz für den Posten im Raum stand, hat als bayerischer Bildungsminister in der Coronazeit alles andere als ein vertrauenswürdiges Bild abgegeben, und beim Vergleich der Kulturprogramme im Wahlkampf zeichnen sich die Freien Wähler dadurch aus, dass sie überhaupt keins hatten. Einen neuen Kulturreferenten zu installieren, hätte in der gegenwärtigen Haushaltslage nur zu einem Chaos geführt, für dessen Bewältigung derzeit kein einziger Mensch Kapazitäten gehabt hätte. Der kleinste gemeinsame Nenner in diesem Fall lautet: Marek Wiechers ist der, der gerade am wenigsten kaputt macht.
Die zweite einzig richtige Entscheidung, die nun getroffen werden muss, betrifft die Kammerspiele: Barbara Mundel muss so lange verlängert werden, wie sie bereit ist zu verlängern. Sie hat in den letzten zwei Jahren das Stadttheater an der Maximilianstraße zu einem künstlerisch unzweifelhaft hochrangigen Ort gemacht, mit Inszenierungen von Steckel, Gockel, Böhm und vielen anderen Regisseuren und Regisseurinnen. Sie hat es geschafft, die Kammerspiele aus einer tiefen Talsohle zu knapp 80 Prozent Auslastung zu führen. Sie macht ein Programm, dessen Publikum sich sichtbar verjüngt hat, wo Diskurse möglich sind und Anfeindungen ausgehalten werden. Der Umgang der städtischen Politik und Verwaltung mit ihr ist, wie Alexander Gorkow in seinem unmissverständlichen und leidenschaftlichen Essay in der SZ vom 10. Juli schreibt, einfach nur unterirdisch. Über eine Million Euro in der derzeitigen Haushaltslage für einen unnötigen Intendantenwechsel auszugeben, ist nicht vertretbar. Eine hervorragende Kraft wie Barbara Mundel auszutauschen, weil einige Stadträte sich nach frischem Wind sehnen, ist albern. Welche Stadträte, die jetzt in der Findungskommission sitzen, haben in den letzten zwei Jahren wie viele Inszenierungen in den Kammerspielen besucht? Haben sie überhaupt die nötige Fachkompetenz? Man weiß, welcher Stadtrat Einladungen wahrnimmt, wer zumindest Absagen schreibt und wer vor allem nie auftaucht: die erschütternde Mehrheit der Stadträte im Kultur- und Bildungsausschuss hält es nicht für nötig, ins Theater zu gehen, weder ins Stadttheater noch in die Freie Szene.
Gorkow hat völlig recht, wenn er diesen Fall auf die gesamte gegenwärtige Kulturpolitik bezieht: Der Umgang von Verwaltung, in diesem Fall Wiechers, der allein aus Vernunftgründen Barbara Mundel den roten Teppich ausrollen müsste, und Politik ist haarsträubend würdelos. Dass Dominik Krause wochenlang einen Brief des Ensembles und anderer Kunstschaffender ignoriert, zeugt von Respektlosigkeit und schlechten Manieren. Darüber täuschen auch salbungsvolle Lippenbekenntnisse bei sommerlichen Empfängen nicht hinweg. So geht man nicht mit Menschen um, die das Image einer Stadt überregional positiv prägen. Es beweist, woran es grundsätzlich fehlt: an Haltung. Kultur ist schön, wenn man sie einfach nur konsumieren kann, wenn man nicht über sie nachdenken muss. Und wenn man sich in ihr sonnen kann. Alles andere interessiert die regierenden Personen offensichtlich nicht. Ist das demokratisch? Währenddessen sitzen die AfD-Stadträte still lächelnd in der Vollversammlung und reiben sich die Händchen: Sie müssen gar nichts tun, das übernehmen ja schon die demokratischen Parteien selbst, die sich gerade demontieren. Es gilt also, die Kammerspiele mit dem bestehenden Personal beizubehalten und zu schützen. Wer das nicht einsieht, ist der Komplexität der Aufgabe nicht gewachsen. Und wer solche Freunde hat, braucht auch keine Feinde mehr. || cp
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