Mit „Etwas ganz Besonderes“ gelingt Eva Trobisch ein feinsinniges Familienporträt, das im Wahljahr 2026 mehr über Ostdeutschland erzählt als viele programmatische Wende-Dramen.
Genaugenommen hat Eva Trobisch den Systemkonflikt bereits im vieldeutigen Titel angelegt, wenn auch auf sehr subtile Weise. „Etwas ganz Besonderes“ sein, das ist in der ostdeutschen Kleinstadt, in der die Filmemacherin nun ihren dritten Spielfilm angesiedelt hat, eigentlich nichts sonderlich Erstrebenswertes. Zumindest, wenn man das sozialistische Gleichheitsideal ernstnimmt, unter dem das Gros ihrer Figuren sozialisiert wurde.
Missbilligend zeigt sich daher auch Mutter Rieke (Gina Henkel), als ihre 17-jährige Tochter Lea (Frida Hornemann) überraschend die Chance erhält, an einer Casting-Show teilzunehmen. Das Format erinnert an „The Voice of Germany“ und ähnliche TV-Produktionen, in denen es vordergründig um gesangliches Talent gehen mag, tatsächlich aber die „Story“ der Kandidatinnen und Kandidaten über Sieg oder Niederlage entscheidet. Leas etwa gleichaltriger, in linken Kreisen engagierter Cousin Edgar (Florian Geißelmann) bringt Riekes Abneigung auf den Punkt: Solche TV-Inszenierungen lenkten den Blick weg von der Gemeinschaft hin zum Einzelnen. Obendrein suggerierten sie, dass der Tellerwäscher zum Millionär werden könne. Und diese Illusion vom sozialen Aufstieg schütze letztlich nur die Reichen.
So viel Wahrheit man im Kern dieser Worte auch finden mag, Eva Trobisch verzichtet ansonsten weitgehend auf derlei schematische Gegenüberstellungen von ideologischen Standpunkten. „Etwas ganz Besonderes“ ist damit auch weit mehr als ein weiteres schablonenhaft angelegtes deutsch-deutsches Drama, in dem sich selbstzufriedene „Wessis“ und säuerliche „Ossis“ auch 35 Jahre nach der Wiedervereinigung noch die blinden Flecken ihrer politischen Prägungen vorhalten. Wie schon in Eva Trobischs vorangegangenen Filmen steht auch hier nicht der Wille zur These im Vordergrund, sondern das feinziselierte Erzählen, das getragen ist von fühlbar aus der Wirklichkeit des Lebens gemeißelten Figuren. Deren Schicksale scheinen sich wiederum fast beiläufig in gesellschaftlich gerade besonders aufgeladene Konfliktstoffe einzufügen.
In ihrem vielgelobten Debüt „Alles ist gut“ (2018) etwa stand eine junge Frau (Aenne Schwarz) im Fokus, die nach einer Vergewaltigung den verhängnisvollen Weg der Verdrängung einschlägt, um nicht auf ein bloßes Opfer reduziert zu werden. Der Film war schon vor der #MeToo-Debatte entstanden, und ließ sich dennoch als ungewöhnlich komplexer Kommentar zu patriarchaler Gewalt und ihren langen Ausläufern lesen.
Ähnlich verfährt das Drama „Ivo“ (2024): Politische Schlagworte wie „Pflegenotstand“ und chronische Überlastung bilden nur das Grundrauschen der Erzählung um die titelgebende Palliativpflegerin (Minna Wündrich). Vor allem aber interessiert sich Eva Trobisch für die moralische Grauzonen darin, und trägt womöglich gerade dadurch umso Gehaltvolleres zum Verständnis dieses Berufsbildes bei.
„Etwas ganz Besonderes“ erscheint nun wiederum in einem Wahljahr, in dem das politische Berlin voller Nervosität und Ratlosigkeit in den Osten des Landes blickt – aus Furcht vor einem möglichen Wendepunkt und einer AfD, die in Sachsen-Anhalt sogar erstmals den Ministerpräsidenten stellen könnte. Statt Lea und ihre weitläufige Verwandtschaft nun zu Chiffren dieser Debatte zu machen, verhandelt Eva Trobisch viel grundsätzlichere Fragen, die sich zunächst in der Topografie einer jeden Familien finden lassen könnten. Doch auch dort, wo Familien um Zeitloses wie Zugehörigkeit und gegenseitige Anerkennung ringen, bleiben ihre Mitglieder doch immer Getriebene der Zeit, in die sie hineingeboren wurden.
Kein Wort von „Strukturschwäche“ oder „Wendeverlierern“. Eva Trobisch macht die feinen Ablagerungen der Geschichte sichtbar und braucht sie damit gar nicht erst zu benennen.
Die großen gesellschaftlichen Umwälzungen mögen sich im Öffentlichen vollziehen – ihre nachhaltigsten Wirkungen entfalten sie im Verborgenen des Privaten und schreiben sich selbst in unauffälligen Gesten und Gewohnheiten ein. Eva Trobisch weiß dies zu beobachten, und vermittelt so viel Bedeutsameres über „den Osten“, als es ein Film tun könnte, der sich seine Vermessung zum offenen Ziel gemacht hätte.
So ist der Titel zunächst einmal eine Aussage, die Lea früh im Film selbst trifft. Sobald feststeht, dass sie Teil besagter TV-Sendung sein wird, kommt ein Filmteam ins kleine Greiz, in der Nähe des thüringischen Geras. Ist die Kamera erst einmal auf die 17-jährige gerichtet, will der verantwortliche Redakteur (Thomas Schubert) wissen, was sie denn ausmacht. Lea aber fällt dazu nichts ein. Vielleicht auch, weil die Vorstellung, etwas ganz Besonderes sein zu müssen, aufgrund besagter Prägungen in ihrem Umfeld keine Rolle spielt.
Folgerichtig entwickelt sich „Etwas ganz Besonderes“ daraufhin nicht zu einer klassischen „Coming of Age“-Erzählung um eine Einzelne, sondern entfaltet sich zu einem Ensemblestück. Neben besagter Mutter, die sich auch von Leas Vater Matze (Max Riemelt) entfremdet hat und mittlerweile von einem anderen Mann schwanger ist, rücken auch die Großeltern in den Mittelpunkt. Deren Waldpension auf einer kleinen, von hochaufragenden Fichten und Kiefern umgebenen Anhöhe ist immer wieder Schauplatz spannungsgeladener Zusammenkünfte, die Kameramann Adrian Campean in erdende Bilder rahmt, über denen immerzu die Gleichgültigkeit der Natur zu ruhen scheint. Ob der Großvater (Peter René Lüdicke) sein Insulin gemessen hat oder was Tante Kati (Eva Löbau) eigentlich mit dem Geschichtsmuseum im eigens restaurierten Stadtschloss bezwecken will – in den Familiengesprächen besitzt beides dieselbe Dringlichkeit.

Abendessen mit Ausblick | Foto: Adrian Campean / Trimafilm
Über eine Spielzeit von knapp zwei Stunden gehen derlei feine Vignetten und Konfliktlinien ineinander über und gekonnt lässt Eva Trobisch erst nach und nach durchscheinen, was ihnen zu Grunde liegt. Fast unmerklich zeigt sich, dass Matze für die Arbeit viele Kilometer gefahren ist, weil es vor Ort keine Stelle für ihn gab und daraus langsam die Distanz zu Rieke erwuchs. Unausgesprochen bleibt, warum Großmutter Christel (Rahel Ohm) bei der Museumseröffnung ihrer Tochter immer wieder skeptische Fragen stellt und sich schließlich erzürnt abwendet, als die Sprache auf eine einst darin beheimatete Fabrik kommt, in der sie selbst lange Zeit arbeitete.
Kein Wort von „Strukturschwäche“ oder „Wendeverlierern“. Eva Trobisch macht die feinen Ablagerungen der Geschichte sichtbar und braucht sie damit gar nicht erst zu benennen. Ob Lea in der Fernsehshow noch eine Runde weiterkommt, wird fast zur Nebensache.
Kaum ließe sich sagen, ob „Etwas ganz Besonderes“ die Verwerfungen der Nachwendezeit nun beklagt oder als unvermeidlichen Preis gesellschaftlicher Veränderungen begreift, würde der Film nicht mit einer von einem Chor eingesungenen Passage aus einem Gedicht von Heinrich Heine enden. Von „vergebens gehofft und geharrt“ ist dort die Rede, auch von „gefoppt und genarrt“. Doch selbst diese letzten Verse liefern weniger eine Antwort, als dass sie die Ambivalenzen des Films noch einmal verdichten. Eva Trobisch interessiert sich für den vielstimmigen Nachhall, nicht die Vereindeutigung. ||
ETWAS GANZ BESONDERES
Deutschland 2026 | Buch & Regie: Eva Trobisch | Mit: Frida Hornemann, Max Riemelt, Eva Löbau, Gina Henkel, Rahel Ohm | 116 Minuten | Kinostart: 9. Juli
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