Seit über vier Jahrzehnten ist Rachel Salamander mit ihrer »Literaturhandlung« bestimmend im jüdischen Leben der Stadt. Eine Pionierin und Prinzipalin, die ihr Archiv der Stadt München schenkte. Die Monacensia macht nun die 50 Regalmeter mit Fotos, Texten und Audios Forschenden digital und physisch zugänglich und gibt bis 31. März 2028 in der kleinen, feinen Ausstellung »Literatur und Haltung. Rachel Salamanders Archiv« erste Einblicke. Cornelia Zetzsche sprach mit Rachel Salamander.

44 Jahre haben Sie, Rachel Salamander, jüdisches Leben in Deutschland begleitet, Ende 2022 dann Ihr immenses Archiv der Stadt geschenkt. Mit der Ausstellung wird nun Unsichtbares sichtbar, wie Sie es wollten. Ein schöner Erfolg, aber das Archiv gehört Ihnen nicht mehr. Wie geht’s Ihnen damit?
Die Abgabe des Archivs war ein bewusster Akt, damit gehört es mir nicht mehr. Das heißt auch, dass ich mich nicht in diese Ausstellung eingemischt habe. Mich interessiert, wie nachfolgende Generationen damit umgehen. Es ist ein atmendes Archiv, und ich wollte ja, dass damit gearbeitet wird. Ich habe meine Arbeit gemacht. Jede Generation antwortet anders auf die Fragen ihrer Zeit. Darauf bin ich neugierig. Das Archiv lebt weiter, deswegen kommt kein Schmerz auf.

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Alarmanlage, Fluchtwege. Mit welcher Intention und Hoffnung eröffneten Sie?
Die Intention war, erst mal jene, deren Bücher verbrannt, die vertrieben und ermordet worden waren, wieder in diesem Land zu beheimaten, jüdische Autoren wie Feuchtwanger, Werfel, Mascha Kaléko usw. Das Archiv zeigt, was diese Autoren, der deutschen Kultur gegeben haben. Es ging mir darum, ihnen wieder ein Dach über dem Kopf zu geben. Gleichzeitig steht die Literaturhandlung am Anfang jüdischen kulturellen Lebens in der Bundesrepublik. Anfang der 80er-Jahre herrschte in diesem Land eine sprachlose Befangenheit. Aber alles, was 1982 mit der offenen Tür der Literaturhandlung begann, stieß auf ein unglaubliches Echo, bei den Medien, den Menschen, den Verlagen, es war eine Aufbruchstimmung. Die jüdischen Gemeinden waren noch keine offenen Häuser. Es gab noch kein Literaturhaus. Wir waren der erste öffentlich zugängliche Ort, an dem über Jüdisches verhandelt wurde. 

Der Name »Literaturhandlung« meint nicht nur Bücher als Ware, sondern es ging um Inhalte, Texte, um Handel und Handeln.
Meine Generation war ja in einer Ausnahmesituation. Meine Generation, die sich Anfang der 80er-Jahre zu Wort meldete, begriff, dass wir hier Wurzeln geschlagen haben, dass wir in Deutschland leben werden. Und das hieß, wir mussten unseren Standort hier bestimmen. Die einen haben’s publizistisch gemacht, andere mit Literatur.

Sie sind in einem DP-Lager geboren, im DP-Lager Föhrenwald aufgewachsen, mit der Alltagssprache Jiddisch, mit Eltern, die Überlebende der Shoah waren. Es ist nicht selbstverständlich, hier zu bleiben und das Leben aktiv zu gestalten. Was motivierte Sie?
Es ist natürlich herausfordernd, seinen Platz in einer von Völkermord kompromittierten Gesellschaft zu finden. Unsere Eltern sind den Weg in die deutsche Gesellschaft nicht gegangen. Sie haben zusammen mit den Tätern gelebt und Abstand gehalten. Aber ich wollte mich in der Gesellschaft, in der ich lebe, beteiligen und Akzente setzen. Mir ging es darum, dass das Jüdische, das dieser Gesellschaft ausgetrieben worden war, wieder Präsenz und die jüdische Erfahrung Relevanz bekommt. Unsere Generation fing an, sich mit den Kindern der Täter auseinanderzusetzen, das war ein Schwerpunkt meiner Arbeit. Auch das Gespräch mit den Überlebenden, die alle zu Gast in der Literaturhandlung waren, ganz früh Ruth Elias, Ruth Klüger, Imre Kertész, George Tabori und Louis Begley, die die Geschichte in die ganze Welt verstreut hatte. Wir wussten, wir können nichts rückgängig machen, aber wir müssen offen darüber reden. Das wurde zu einem Modell für den Umgang von Juden und Nichtjuden über die Vergangenheit. Zum anderen war es auch eine Art Heilung. Die hier ausgebürgert worden waren, kamen oftmals das erste Mal wieder nach Deutschland. Ich denke an Schalom Ben-Chorin und andere, die nicht fassen konnten, dass sie mit ihren Büchern wieder in Regalen in Deutschland standen, in einer Buchhandlung, die sich mit Judentum beschäftigte. Grundsätzlich ging es mir immer um gute Literatur und dazu zählten unbedingt auch die Erzähler Israels, die hier keiner kannte. 

Ausstellungsansicht »Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv« | Foto: Thomas Dashuber, Monacensia

Im Gästebuch stehen Schalom Ben-Chorin, der Münchner in Israel, und der Sabre Amos Oz, Gerty Spies, David Grossman, Lily Brett aus Australien und Art Spiegelman, dessen Zeichnung auf Kissinger verweist. Der Historiker Dan Diner sagte bei der Ausstellungseröffnung, Sie seien ein »Kraftzentrum«. Wie viel Durchsetzungskraft gehört dazu?
Von nix kommt nix. Ich muss sagen, ich habe wirklich sehr, sehr viel gearbeitet, neben dem selbstausbeuterischen Alltag allein schon, um mit den Autoren, die zu uns kamen, auf Augenhöhe zu sprechen. Ich war permanent eine Lernende, bis heute. Ich wusste, dass ich beim Thema Judentum eine sehr große Verantwortung habe, denn mit einem Juden sind alle Juden mit gemeint. Deshalb war Qualität das oberste Prinzip.

Wie stark ist Ihr privates Leben vom Judentum geprägt?
Ich bin im DP-Lager sehr traditionell aufgewachsen. Der Rhythmus des Lagers bestimmte sich nach den jüdischen Feiertagen und Vorschriften. Wir haben nicht Sonntag, sondern Schabbat gefeiert, Freitagabend kam das Lager zur Ruhe. Als wir nach München gebracht wurden, wohnten wir in einem Haus mit achtzehn jüdischen Familien. Mein Vater ging regelmäßig in die Synagoge bzw. in die Betstube. Wir haben zu Hause koscher gegessen und die Feiertage geachtet. Ich musste nie nachdenken, was jüdische Identität ist, wir haben das Judentum gelebt. 

Und heute?
Ich bin eine bewusste Jüdin. Viele Aspekte sind in meinem weiteren Leben dazugekommen, die Geschichte, die Literatur, das kulturelle Judentum. Am Kanon der Literatur z. B. habe ich sehr stark gearbeitet. Nach Auschwitz gehören zur jüdischen Kultur auch die Biografien der Überlebenden und die der Umgebrachten. Es gehört Jiddisch dazu, Sephardisch, die Vielstimmigkeit in Israel, der ganze Nahostkonflikt. 

Wie wurden diese achtzehn Familien in einem Haus in München aufgenommen?
Da war dieses große Schweigen, wie Ralph Giordano es beschrieb. Sehr schnell war dieses Haus in Neuhausen als das »Judenhaus« verschrien. Alle wussten, wer wir sind, aber wir wussten nie, mit wem wir es zu tun hatten, es herrschte eine komplette Fremdheit zwischen uns und der Nachbarschaft. 

Sie haben viel angestoßen, zuletzt die Neueröffnung der Synagoge in der Reichenbachstraße. Die Stadt hat sich verändert. Heute gibt es das Literaturhaus, die Kammerspiele, das NS-Dokumentationszentrum und andere, die jüdische Autor*innen einladen. Die Literaturhandlung ist ins Jüdische Museum am Jakobsplatz gezogen. Was heißt das?
Ich konnte Impulse setzen und habe mögliche Modelle angeboten. Wir standen am Anfang und haben quasi Pionierarbeit geleistet, geklärt, was jüdische Kultur überhaupt ist. Dass das angenommen wurde, kann ja nur beglückend sein.

Gab es kontroverse Diskussionen auf der Bühne?
Da gab’s viele. Ich glaube, es war ’84, als Saul Friedländer mit seinem Buch »Kitsch und Tod. Der Widerschein des Nazismus« hier war. Es ging um künstlerische Produktionen dieser Zeit, die begannen, mit Form-Elementen des Nationalsozialismus herumzuspielen. Auch Hans-Jürgen Syberberg kam vor. Syberberg war vor Ort und begann, nach Friedländers Vortrag mit einem Gegenreferat. Die Literaturhandlung war voll, voll, voll. Und es gab einen Riesenskandal, weil Syberberg sich über die Holocaust-Serie von 1978 aufregte, das sei Hollywood-Mist. Ein Auschwitz-Überlebender stand auf und protestierte, warf Syberberg vor, nur vom Thema ablenken zu wollen, dass er vielmehr selber gucken soll, was er so produziert hat. Es ging hin und her, bis Saul Friedländer, das vergesse ich nie, Syberberg direkt ansprach und sagte: »Herr Syberberg, ich denke und fühle nicht wie Sie.« Dann war’s mucksmäuschenstill. Als Syberberg wieder anhob, wies ich ihm, und das war das einzige Mal, die Türe. Dann ist er an den großen Schaufenstern auf und ab gegangen, bis die Veranstaltung endete.

Rachel Salamander | Foto: Kerstin Schuhbaum

Herzstück Ihres Archivs ist die »Rote Sammlung«, 500.000 Blatt, in der Ausstellung in Ausschnitten präsentiert in roten Mappen, und da geht’s um alles, vom Theaterstreit zum Fassbinder-Stück bis zu Kontingentflüchtlingen aus der Sowjetunion oder Martin Walsers Rede in der Paulskirche, das heißt um 40 Jahre Bundesrepublik. Was hat sich seitdem verändert im jüdischen Leben in Deutschland?
Im Umgang mit den Juden zeigt sich das Gesicht dieses Landes. Als wir anfingen, waren die Deutschen befangen. Heute sind die Juden befangen und in der Defensive. Der Antisemitismus: Nie hätte ich geglaubt, dass er je wieder so grassieren würde. Und die Gleichgültigkeit großer Teile der Bevölkerung macht mich traurig. Vor allem, wenn die Leute meinen, sie könnten neutrale Beobachter bleiben. Nehmen wir unmittelbar nach dem 7. Oktober die zentrale Veranstaltung in Berlin, mit allen Parteien, dem Bundespräsidenten, Gewerkschaften, da sind, nach so einem Massaker, gerade mal 25.000 Leute auf der Straße erschienen. Ich sehe große Gleichgültigkeit, wenn jüdische Schüler oder Studenten angemacht werden oder wenn Juden nicht mehr öffentlich zeigen dürfen, dass sie welche sind. Das ist mehr als ein Skandal. 

Israel ist »deutsche Staatsräson«, Deutschland hat Verantwortung für jüdisches Leben und zugleich den Anspruch von Humanität, auch mit Blick auf Gaza und Libanon. Sie hatten Autoren zu Gast wie Amos Oz, der »Peace Now« mitbegründete; regierungskritische Autoren wie David Grossman. Wie sehen Sie die Politik Israels?
Ich bin kein Nahost-Experte und will das nicht beantworten, denn Israel ist eine Ablenkung vom hiesigen Antisemitismus. Natürlich kann jeder eine Regierung kritisieren, es gibt ja genügend in Israel selbst, die das tun. Viele von ihnen waren meine Gäste und sind es immer noch, z. B. Zeruya Shalev, die mit einem Schild vor dem Haus von Netanjahu protestierte. Aber es ist schon auffällig, wie gering die Erregung ist, wenn etwa über den Sudan gesprochen wird oder über Völkermorde in anderen Ländern. Die Doppelstandards sind das Problem. Oft wird Israel benutzt, einfach um antisemitische Attacken zu fahren. Wir Juden hier sind nicht für die Israel-Politik verantwortlich, können gar nicht wählen, werden aber in Sippenhaft genommen. 

Aber es ist inzwischen Konsens, dass die Siedlungspolitik völkerrechtswidrig ist, dass Leute vertrieben werden, ihr Vieh getötet wird, die Olivenbäume rausgerissen werden. Man muss nicht gegen Juden sein, um diese Regierung zu kritisieren.
Muss man nicht. Tut man aber. Nicht jeder muss Netanjahu gut finden, geschweige denn Herrn Ben-Gvir. Aber muss man wegen denen, israelische Autoren und Autorinnen und Wissenschaftler boykottieren oder canceln, weil sie Juden sind, und meistens noch dazu jene, die gegen die Regierung sind? Wir sehen tatenlos zu, wie wieder Juden aus dem öffentlichen Leben ausgesondert werden.

Gecancelt werden auch Palästinenser, der LiBeraturpreis an Adania Shibli etwa wurde verschoben.
Aber wir haben eine andere Geschichte hier. Wenn ich Boykott im Kulturbetrieb höre, denke ich an den jüdischen Kulturbund, der einzige Ort im Nazi-Deutschland, wo Juden noch auftreten durften, weil es ihnen öffentlich nicht mehr erlaubt war, sondern nurmehr vor jüdischem Publikum. Man kann den geschichtlichen Kontext einfach nicht wegdenken. Dass junge Leute überlegen, wegzugehen kann man ihnen nicht verdenken. Ich bin dafür, unseren Platz mit Gleichgesinnten zu verteidigen.

Sie haben vierzig Jahre gegen Antisemitismus gearbeitet. Verzweifeln Sie manchmal?
Ich habe vierzig Jahre für Aufklärung gearbeitet. Als ich anfing, waren alle Probleme von heute bereits auf dem Tisch. Natürlich ging es schon damals auch um Antisemitismus, da kam er hauptsächlich von rechts. Ich erinnere nur an Henryk M. Broders frühes Buch »Der ewige Antisemit« und seinen Protest gegen Rechtsradikalismus. Auch der linke Antisemitismus war bereits Thema mit dem Publizisten Eike Geißel. Nichts hat sich erledigt, eher verstärkt, denn dazu kommen auch noch die postkolonialen und fundamental islamistischen Angriffe. Trotzdem verzweifle ich nicht, Nichtstun ist keine Alternative. Ich bin ja eine Kämpferin. ||

Ausstellung: »Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv« in der Monacensia bis 31.3.2028
Mo, Di, Mi, Fr 9.30-17.30 Uhr, Do 12-19 Uhr, Sa, So 11-18 Uhr | Eintritt frei
Anke Büttner, Tina Rausch (Hg): Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv. Ein Lesebuch
Verbrecher Verlag, 2026 | 278 Seiten | 26 Euro

 


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