Doris Uhlichs »Glitsch« an den Münchner Kammerspielen.
Wie schön das tropft. Bildschön! In golden illuminierten Fäden, an denen sich perlenartige Verdickungen sammeln, rinnt der Schleim von den oberen Etagen technisch-filigraner Maschinen gen Boden. Martin Weigel schiebt sie anfangs auf der Bühne umher. Bis alle ihren Platz gefunden haben, dauert es eine Weile. In immer mehr Siebe poltern fette Schleimbatzen, zähe Perlen-Vorhänge und Kaskaden bilden sich. Und da, wo sie ankommen, wird es glitschig.
Für die Choreografin Doris Uhlich ist das Material nichts neues. Bereits in »Gootopia«, 2021 uraufgeführt im Tanzquartier Wien, hat sie die Körper ihrer Tänzer dieser »biologisch lebensnotwendigen Substanz« ausgesetzt, mit der wir bei der Geburt umhüllt waren und der wir auch beim Sex begegnen oder wenn wir verschnupft sind. Aber auch Horror- und Ekel-Filme arbeiten mit der Anmutung von Schleim. In »Glitsch« geht das namengebende Glitschige mit dem Ensemble der Münchner Kammerspiele in die nächste Runde. Erwin Aljukić war schon bei Uhlichs Einstand am Haus nackt auf der Bühne. Hier bekommt er Gesellschaft von Katharina Bach, Dennis Fell-Hernandez, Ann Muller, Elias Krischke und eben Martin Weigel. Denkbar verschiedene Körperformen haben die sechs, sie sind zerbrechlich und massiv, drahtig und weich. Und wie so oft in Uhlichs Arbeiten konstatiert man als Zuschauer*in die Unterschiede und gleitet mit dem Blick an ihnen entlang. Außergewöhnlich dichte Körperbehaarung oder von der Norm abweichende Proportionen werden zu interessanten Features. Ebenso wie die großen Haaraufbauten auf erhöhten Extra-Köpfen und ein pelziges Kostüm, das mehrmals den Träger wechselt.
Die Choreografie beginnt langsam. Körper legen sich auf Körper, nehmen einander rittlings oder Huckepack, erlauben Einblicke zwischen Beine und Pobacken, aber in aller Unschuld. Ebenso wenig wie bei der anderen konsequenten Nackt-Choreografin aus Österreich lässt sich ganz verhindern, dass Zuschauer*innen mit pornografischem Interesse schauen. Doch anders als Florentina Holzinger geht es Uhlich nie um die Sensation und Provokation. Anfangs dominiert eine fast sachliche Ruhe, und selbst wenn es später hitzig wird, eine Umsicht, die an Zärtlichkeit grenzt. Man bestreicht sich gegenseitig mit dem milchigen Schleim, bildet phantasievolle Zweier-, Dreier- und Gemeinschaftskörper oder spielt einander wie Marionetten. Das in München von Ruth Geiersberger geprägte Wort »Verrichtungen« kommt einem in den Sinn: eine Art Dienstleistung an sich und den anderen, ohne dass man genau sagen könnte, auf welche Nachfrage sie reagiert.

Katharina Bach und Elias Krischke in »Glitsch« von Doris Uhlich | © Judith Buss
Irgendwann geht ein Zittern und Schütteln durch die Körper. Technomusik und wackelndes, vibrierendes Fleisch erinnert von fern an frühere Abende der »Fetttanz«-Expertin. Menschenklumpen wogen, Weigel lässt Fell-Hernandez wie ein Kind auf seinen Unterschenkeln wippen. Das Sich-bewegen-Lassen ist ein wichtiges Element. Das Unkalkulierbare, das auch der Schleim mit sich bringt, wenn er beim Headbangen aus den Haaren spritzt, zwischen den Gliedmaßen Fäden zieht oder zum Umhang wird, der früher oder später schmatzend reißt. Der Umgang mit ihm scheint das Kind in allen zu wecken. Sie sandeln mit Schleim, schlagen Luftblasen in ihn. Die Unterscheidung zwischen Ekel und Faszination hat man da auch als Zuschauer*in längst abgeschüttelt. Und mit ihr die Frage, ob der wildere Teil des Abends eher auf den Dancefoor gehört oder ins Reich der Zwangshandlungen.
Der Zusatz von Wasser macht schließlich die ganze Therese-Giehse-Halle zum Glitsch-Paradies, in dem es sich bäuch- oder knielings über den Boden surfen lässt. Aber auch endlos lange auf dem Rücken zu kreiseln, Langlaufen und Brustschwimmen scheint zu gehen. Da packt einen fast so etwas wie Neid auf die Performer*innen. Für die Schauspieler, die sonst Textmassen bändigen müssen, muss so ein Abend ohne Sprache und mit viel Hautgefühl die reinste Erholung sein. Und eine Erfahrung der Einheit miteinander, bei der man nicht mehr weiß, wo der eigene Körper aufhört und der andere beginnt. Fast utopisch! || sl
DORIS UHLICH: GLITSCH
Münchner Kammerspiele, Therese-Giehse-Halle | Nächste
Termine: 7., 8., 15., 30. Juni, 1. Juli | 19.30 Uhr | ab 16 Jahren
Info und Tickets: muenchner-kammerspiele.de
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