Die diesjährige Kunstolympiade in Venedig steht unter dem Motto „In Minor Keys“. Der Titel kommt aus der Musiksprache und benennt die Klangfarbe Moll, die gern für melancholische, gefühlvolle, eher wenig kampflustige Musik steht. Ein Halbton unter einer Note, und schon ändert sich die Stimmung. Koyo Khouo, die das Motto kurz vor ihrem plötzlichen Tod im Mai 2025 ausgerufen hatte, würde sich wundern: Noch nie war die Biennale so politisch hysterisiert wie in diesem Jahr. Dahinter verblasst die Kunst oft zum reinen Anlass.
Die Biennale Venedig zählt zu den wichtigsten internationalen Ausstellungen zeitgenössischer Kunst. Das ist immer mit hohen Erwartungen von Publikumsseite verbunden. Enttäuschungen gehören dazu und schaffen überhaupt erst die Möglichkeit zum Vergleich. Aber was dieses Jahr passiert ist, irritiert aus vielen Perspektiven. Zum einen ist die Biennale eine politische Plattform wie nie zuvor. Pietro Buttafuoco (übersetzt ungefähr „Flammenwerfer“ oder “Feuerspucker“), Präsident der Biennale, hat erstmals seit Jahren wieder Russland eingeladen. Kurz vor der Eröffnung trat deshalb die Jury, die normalerweise gleich zu Beginn die Preise für die besten Pavillons vergibt, geschlossen zurück. Damit war der Unmut nicht vorbei: Zornig wurde ab Tag 1 demonstriert, u.a. mit rosa Giftwolken, die die Pussy Riots nicht nur in den Giardini, sondern auch am Canale Grande vor der Biennale-Zentrale lautstark in die Luft bliesen und den Pavillon kurzzeitig fast zum Versschwinden brachten.
Der grüne Pavillon, in dem phantastische Blumenarrangements vor sich hinwelkten und drei in schwarze Lumpen gehüllte Wesen, die wie die Hexen aus Shakespeares „Macbeth“ auf dem Boden kauerten und mit Schrott, Knochen und sonstigen Utensilien zu akustischem Bassgewummer hantierten, wurde direkt nach dem Eröffnungswochenende wieder geschlossen. Vermutlich ist der von Anastassija Kornejewa, Tochter eines russischen Geheimdienstgenerals und Leiterin einer Moskauer Galerie kuratierte Beitrag auch deshalb nicht im Katalog oder im Kurz-Guide aufgelistet. Ein Kollektiv aus 50 Künstlern hat ein Setting entworfen, in dem man nicht viel Abstraktionstalent braucht, um sich unwohl zu fühlen. „Der Baum ist im Himmel verwurzelt“, ist das Gesamtkunstwerk übertitelt. Warum duften Blumen nicht mehr, liest man auf Bannern an der Wand. Absurde Frage an einem Ort, der handfest stinkt, nach Müll oder Verwesung, man will sich gar nicht näher damit befassen. Also nichts wie raus, in die frühsommerliche parfumgeschwängerte Giardiniluft.
Weiteres Reizthema: Der Israel-Palästina-Konflikt, oder auch der ganze Nahostkonflikt, oder eigentlich auch gleich der ganz große Welt-Konflikt. Palästinensische Künstler sind ebenso wie israelische Künstler vertreten, Soldaritätsaufrufe sind auf dem Boden und an Wänden auf dem Gelände verklebt, und am dritten Preview-Tag sind knapp 20 Pavillons gar nicht oder nur teilweise zugänglich, weil die jeweiligen Künstler aus Solidarität mit Palästina oder überhaupt gegen schlechte Arbeitsbedingungen streiken. In Italien ist die Haltung gegenüber Palästina wesentlich eindeutiger als in anderen europäischen Ländern. 3000 Demonstranten wollen ins Arsenale eindringen, auf die Polizei fliegen Tomaten, es gibt Verletzte. Der israelische Pavillon ist wegen „Restaurierung“ in den Giardini geschlossen, dafür ins Arsenal umgezogen. Die Biennale ist ein politischer Ort, an dem einem die Kunst vor den Augen verschwimmt.
Zwischen Kitsch und Skandal ist noch Platz für ein Highlight
Die im Mai 2025 unerwartet verstorbene afrikanische Kuratorin Koyo Kouoh hat der Biennale das Motto „In Minor Keys“ gegeben. In der Musiksprache bezeichnet dies die Molltonart, gegenüber „In Major Keys“, dem Dur-Schlüssel. Musik in Moll ist in allen westlichen Musikformen zu finden, von Mozarts „Requiem“ oder über „Yesterday“ von den Beatles bis zu Brels „Ne me quitte pas“, lauter wunderbar herzzerreißende Musikstücke. Koyo Kouoh wollte eine leise Biennale, einen Ort der Kontemplation ohne Getöse schaffen. Dafür gibt es im Arsenal erstmals ausreichend Sitzgelegenheiten. „Indem wir das Spektakel des Grauens ablehnen, ist es an der Zeit, den leisen Tönen zu lauschen, uns leise auf das Flüstern und die tieferen Frequenzen einzustimmen…“, heißt es im kuratorischen Konzept. „In diesem Sinne versteht sich die internationale Ausstellung der 61. Kunstbiennale weder als eine Aneinanderreihung von Kommentaren zu weltpolitischen Ereignissen noch als Akt der Gleichgültigkeit oder der Flucht vor den komplexen und ständig miteinander verflochtenen Krisen. Im Gegenteil: Sie schlägt eine radikale Rückbesinnung auf den natürlichen Lebensraum und die ursprüngliche Rolle der Kunst in der Gesellschaft vor: die emotionale, visuelle, sinnliche, affektive und subjektive. ‚In Minor Keys‘ ist eine Abfolge spannender Reisen, die das Sinnliche und das Affektive ansprechen und die Besucher dazu einladen, zu staunen, zu meditieren, zu träumen, sich zu freuen, nachzudenken und in Verbindung zu treten mit Dimensionen, in denen die Zeit weder Eigentum von Konzernen ist noch der Tyrannei einer unaufhörlich beschleunigten Produktivität unterworfen ist.“
Den ganzen Artikel über die Biennale gibt es in unserer aktuellen Ausgaben in unserem Online-Kiosk.
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