Für die Münchner Kammerspiele regnet es Preise: Für ihre Darstellung in dem siebenstündigen Schiller-Schlachtfest »Wallenstein« ist Katharina Bach mit dem 3sat-Preis im Rahmen des 63. Theatertreffens der Berliner Festspiele ausgezeichnet worden. Sie gehört seit der Spielzeit 2020/21 zum Ensemble und spielt aktuell auch noch in „Glitsch“, „Love me tender“, »Fremd« und »Die Freiheit einer Frau«. Bach tritt auch als Sängerin mit ihrer Band bitchboy auf, unter anderem in der Rolle als Nick Cave. Günter Keil sprach mit ihr über ihre Arbeit.
Münchner Feuilleton: In Schillers „Wallenstein“ erkennt man Sie kaum wieder: Sie spielen den Feldmarschall Illo mit Glatze und in einem Musclesuit aus Gummi, der wie ein Panzer wirkt. Spiegelt Ihr Kostüm die reale Härte der Gegenwart?
Katharina Bach: Absolut. Das ist ein klares Statement, vor allem für mich als weiblich gelesene Person, die diesen Gummitorso überzieht. Die überzeichneten Muskeln und die Härte von Illo stehen für mich für die Verhärtung der Welt – der Rechtsruck ist damit verbunden, den Körper zu stählen, Muskeln aufzubauen und auch verbal aufzurüsten. Die Sprache der Politik ist kaum noch auszuhalten, und von der AfD schwappt diese Härte in die ganze Gesellschaft. Ich frage mich: Existiert das Wort Abrüstung überhaupt noch? Und wie wollen wir als Gesellschaft abrüsten, können wir das noch? Denn eigentlich wollen wir doch mit anderen Menschen in Beziehung treten. Mit dieser Härte kommen wir aber kaum an unser Gegenüber heran. Der Panzerkörper als seelische Maske sozusagen.
Verändern Illos künstliche Muskeln auch etwas an oder in Ihnen?
Zunächst einmal schaue ich in der Maske in den Spiegel und erschrecke positiv: Das soll ich sein? Aber eigentlich ganz hot. Sobald ich den Musclesuit trage, spüre ich, wie gefährlich das ist; es verhärtet auch gleich die Psyche. Ich merke, wie mein Brustkorb nach oben geht, die Schultern nach hinten ziehen und wie ich plötzlich breitbeinig marschiere. Und obwohl der Suit mehrere Kilo wiegt, fühle ich mich kraftvoll und agil. Die Muskeln berauschen im ersten Moment, das ist total geil, das hat Suchtpotential. Du hast auf natürliche Art Raum und wirst gesehen, das kann verführen, aber ist das gut für das menschliche Zusammenleben? Auf der Bühne gefällt mir, diese Härte und Aggressivität darzustellen.

Katharina Bach als Feldmarschall Illo in »Wallenstein« | © Armin Smailovic
Ins Private hat sich die Härte aber hoffentlich nicht übertragen?
Einmal schon. Als ich am Wochenende in den Bergen war, habe ich gemerkt, dass ich plötzlich wie Illo laufe und gerne andere Leute aus dem Weg geschoben hätte. Aber ich dachte: Das ist ja scheiße, so geht das nicht, das ist die falsche Einstellung. Eigentlich möchte ich, dass Leute aufeinander zugehen, sich in die Augen schauen und miteinander sprechen. Im Prinzip müsste man die ganzen wegschiebenden Männer umarmen.
Auch die Demagogen, Massenmörder und Autokraten?
Ja. Man müsste sie wirklich fragen, was da bei ihnen schiefgelaufen ist. Ich verstehe einfach nicht, wie die auf die Welt blicken und dass ihnen diese Härte nicht wehtut, dass sie kein Mitgefühl haben. Und das kommt ja irgendwoher. Struktur, Biografie etc. Das gilt es zu heilen.
Immerhin entledigen Sie sich als Wallensteins Illo zum Schluss Ihres harten Torsos.
Das ist tatsächlich eine große Befreiung. Ich muss aus diesem fünf bis zehn Kilo schweren Korsett rauskommen, das teilweise noch an mir klebt. Ich schwitze und ich scheine mich zu quälen, aber für mich ist das ein toller Prozess. Am Ende stehe ich da einfach nur als Mensch, in seiner gesamten Verletzlichkeit. Ich empfinde das allerdings gar nicht als verletzlich, sondern als extrem schön und kraftvoll, ohne Panzer die Menschen anzuschauen.
Sie scheinen sich grundsätzlich auf der Bühne wohl und sicher zu fühlen, unabhängig davon, welche Qualen Ihre Figuren zu ertragen haben oder welche Höchstleistungen sie vollbringen. Woraus beziehen Sie Ihre Sicherheit?
Vielleicht hängt es damit zusammen, dass das Leben aus Chaos besteht. Ich habe zum Beispiel keine Ahnung, was in den nächsten Sekunden passiert – vielleicht springt gleich die Tür auf, jemand stürmt herein und kippt drei Liter Glitsch auf uns. Alles kann passieren. Auf der Bühne kann theoretisch auch alles passieren, aber du hast ein festgelegtes Skript für zweieinhalb Stunden. Darin kannst du dich bewegen, und das gibt mir Sicherheit. Theater ist eine Variante von Realität und doch total irreal. Das Spielen auf der Bühne ist für mich wie ein freier Fall, in dem ich stürze und stürze und mich dabei sehr sicher fühle.
Das würden viele Menschen vermutlich als Widerspruch empfinden.
Schon klar: Ein freier Fall kann unglaublich viel Angst einflößen. Aber es kann doch auch das Schönste überhaupt sein: zu fliegen. Augenblicke, die furchtbar sein können und gleichzeitig befreiend, gibt es immer wieder. Im Theater wird diese Spanne von Ambivalenz und Absurdität auf die Spitze getrieben, und das liebe ich. Ein Hänger oder ein Blackout im Stück – ja, kann passieren, aber ich kann das manchmal auch als Glücksmoment empfinden. Oder nehmen Sie die Nervosität vor Beginn eines Stücks: Die kann schlimm sein, und gleichzeitig freue ich mich auf meinen Auftritt. In mir fühlt sich dieses Theater als sehr sicherer Ort an. Es macht mir Spaß, in die Extreme zu gehen, laut oder wütend zu sein und nicht gemocht zu werden. Es ist befreiend, diesen Zwang zum Gemochtwerden abzulegen.
Hatten Sie schon immer das Talent, vor Menschen zu performen?
Früher gar nicht. Ich habe Blockflöte gelernt und Gitarre, und wenn ich vorspielen musste, haben meine Finger furchtbar gezittert. Trotzdem dachte ich mir: Es muss doch möglich sein, dass es irgendwann wie beim Üben zu Hause klingt, und ich habe es immer wieder aufs Neue versucht. Nun, Blockflöte oder Gitarre sind es letztlich nicht geworden, sondern mein Körper.
Ihr Körper leistet in manchen Stücken so viel wie der einer Akrobatin oder Spitzensportlerin. Wie halten Sie sich in Form?
Für „Wallenstein“ habe ich täglich 30 Liegestütze gemacht, weil ich dachte, dass Illo ein Pumper ist. Eigentlich hatte ich auch vor, MMA (Mixed Martial Arts, Anm. d. Red.) auszuprobieren, aber dazu war ich dann doch zu faul. Grundsätzlich mag ich Sport und habe meine Zyklen, mal schwimme ich mehrmals die Woche 2000 Meter, mal gehe ich joggen oder mache Yoga – das ändert sich ständig. Ich bin ein kompletter Phasenmensch, deswegen bin ich wohl auch beim Theater, wo immer alle sechs bis acht Wochen etwas Neues beginnt.

Katharina Bach in »Fremd« | © Sima Deghani
Wie erspielen und verinnerlichen Sie sich neue Rollen? Haben Sie dafür eine bestimmte Technik?
Bei mir läuft es meistens über Einflüsse von außen, weniger von innen. Alles geht sehr schnell in eine Vibration über, in Bewegung, und ich gucke auch oft, wie ich die Bühne in den Stoff integrieren kann, den ich transportieren soll. Insofern glaube ich, dass ich viel mehr eine musikalische als eine psychologische Schauspielerin bin. Ich muss meine Figur nicht erst mal komplett psychologisch durchdringen, sondern sie mir erspielen. Text ist für mich oft Rhythmus und darin liegt seine Logik für mich.
Und wie schaffen Sie es, die Texte für ein halbes Dutzend aktueller Stücke, in denen Sie spielen, abrufbar zu halten?
Ich beschreibe das gerne als innere Partitur für jedes Stück. Die erarbeitest du dir mit dem Körper, fängst an mit dem ersten Schritt auf der Bühne, und weiter geht es, noch ein Schritt, und sobald es ein Crescendo gibt, weiß mein Körper: Da geht jetzt die Dynamik hoch, und dadurch bleibt das Ganze abrufbar. An Spieltagen sind noch zwei Dinge wichtig: Morgens mache ich mir klar, welche Partitur mein Körper am Abend spielen soll, und dann hat er auch Lust drauf, freut sich, und ich weiß, ich schaffe das. Vor dem Auftritt gehe ich den Text noch mal durch, und dann bin ich befreit, weiß, dass ich auf der Bühne Zugriff haben werde.
Waren Sie auch schon auf der Schauspielschule so stark auf Bewegung und Körperlichkeit ausgerichtet?
Ich erinnere mich an mein Vorsprechen in Rostock. Rausgesucht hatte ich mir dafür einen Monolog von Gudrun Ensslin im Knast, und dann habe ich es wie immer gemacht: Einen Stuhl in die Mitte gestellt, mich draufgesetzt, mich runterfallen lassen, und dann bin ich über den Boden gerobbt. Ich glaube, ich hatte für jeden dritten Satz eine andere Körperhaltung. Die Prüfer*innen meinten: Sie wissen schon, dass Ensslin im Gefängnis ist; sie sitzt rum und denkt nach. Na und, dachte ich mir, ich spiele sie in Bewegung, ich brauche einen Rhythmus. Beim Vorsprechen bin ich dann rausgeflogen, aber jetzt darf mein Körper sogar Schiller bewegen. ||
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