Unterschiedliche Temperamente gestalten die Titelrolle des Klassikers »Giselle« beim Bayerischen Staatsballett.

»Giselle« am Bayerischen Staatsballett

Über das Grab hinaus

giselle

Madison Young und Osiel Gouneo als Herzog Albrecht | © Katja Lotter

Vier verschiedene Giselles hätten es sein sollen. Aber wegen zweier seuchenbedingt gestrichener Vorstellungen waren’s dann nur noch zwei: Prisca Zeisel, die bisher als gläsern unterkühlte Myrtha in ihren Bann zog, hat nun erstmals die betrogene und darüber irre gewordene Winzertochter getanzt. Leider verhinderte die Anfahrt zur Vorstellung – nein, es war nicht der von Andrey Kaydanovskiy – ein Schneesturm. Blieb die Nummer 4: Madison Young in der Titelrolle des zeit- und alterslosen Peter-Wright-Dauerbrenners, der in den 48 Jahren seit seiner München-Premiere unter wechselnden Ballettchefs immer wieder neu einstudiert wird. Speziell diese Aufführung am 22. Januar 2022 wird man so schnell nicht vergessen als Markstein auch der persönlichen »Giselle«-Geschichte.

Am spannendsten freilich wäre der Vergleich von Maria Baranova und Madison Young gewesen, zweier völlig gegensätzlicher Typen und Temperamente, die eine gleich als Erste Solistin engagiert, die andere für ihre facettenreiche Cinderella just nach der Premiere der zauberhaften Christopher-Wheeldon-Märchenshow in diesen begehrenswerten Rang befördert. Es spricht für das Gespann Igor und Yana Zelensky, den Ballettchef und seine gnadenlos fordernde, dabei aber stets fördernde Frau als Prima inter Pares in der Armada der Ballettmeister und Ballettmeisterinnen, die rigide Hierarchie des Bayerischen Staatsballetts nach oben durchlässig zu halten.

Das allerdings befeuert nicht nur den Ehrgeiz der Tanzenden, sondern auch Rivalitäten. Baranova und Young zum Beispiel tanzen dieselben Rollen. Sie sind, was es fürs Publikum spannend macht, grundverschieden. Baranova, hochgewachsen, schlank und elegant, schwarzes Haar und schwarze Augen, ist sechs Jahre älter als die zierliche, blonde Madison Young. Für beide, für Baranova wie auch für Young, war die Teilnahme beim Prix de Lausanne entscheidend für die künftige Karriere. Die gebürtige Finnin Baranova hatte, da war sie 16, in John Neumeier ihren Lehrmeister und beim Hamburg Ballett sechs Jahre lang ihr künstlerisches Zuhause gefunden. Nach weiteren vier Jahren in Helsinki beim Finnischen Nationalballett ging sie nach München. Den Zugang zu ihren Rollen und Charakteren verschafft sie sich durch einschlägige Lektüre, aber auch Filme. Die Gestaltung einer Bühnenfigur begreift sie als analytischen Vorgang – eine Annäherung, die freilich auf der Grundlage einer stupenden Technik basiert.

Die im gebirgigen Park City im Mormonenstaat Utah geborene Madison Young hingegen wollte bereits als Kind Geschichten erzählen. Schon deshalb liebt sie Handlungsballette. Aber dann sah sie »Romeo und Julia« und Kenneth MacMillans »Manon«. »Ich habe mich in diese Geschichten verliebt«, sagt sie, »ich wusste, dass ich sie tanzen wollte.« So ist das bis heute. Hinzu kam, dass sie bei einem Gastspiel beim Houston Ballet eine Ballerina sah, die ihr den Atem verschlug. So wollte sie tanzen: wie Sara Webb als Dornröschen. »Sie hatte die denkbar kleinsten Füße und querte die Bühne mit den Pas de bourrées, als ob sie schwebte. Ich versuche immer noch, dieses Schweben hinzubekommen.«

Nachdem man nun ihre Giselle gesehen hat, muss sie das wohl nicht mehr versuchen. Sie hat’s drauf. Und sie meistert sie, die fließenden Wandlungen dieses einfachen Mädchens von der heiteren, Hals über Kopf verliebten Winzertochter, deren Füße, sich gleichsam verselbständigend, sie in ländlichen Tänzen in die Höhe und davontragen. Dabei blitzt er schon auf, der dräuende Wahnsinn, beim Abzählen der Blütenblätter: … er liebt mich, er liebt mich nicht. Und dann die Aufdeckung von Albrechts Verrat durch Hilarion, der durch Jonah Cook in dieser Rolle weit mehr Gewicht hat als üblich. Hier ist nicht kleinliche Rache eines eifersüchtigen Liebhabers am Werk, sondern Empörung – auch aus Mitgefühl für die Betrogene. Fassungslos sieht er Giselles Wahnsinnstanz, und es scheint ihm dabei selbst das Herz zu brechen. Wie Madison Young mit dem Schwert ihre magisch-(selbst-)tödlichen Kreise zieht, das erzählt alles von ihrer tödlichen Enttäuschung. Und verweist bereits ins geisterhafte Jenseits, wo Madison Young in jener überirdischen Schwerelosigkeit ihren Rest von Menschsein mitträgt in der todüberdauernden Liebe zum treulosen Herzog. So seelenvoll hat man die Giselle bisher nur von einer gesehen. Von Carla Fracci. Und das ist gut 50 Jahre her.

Zur Ballettfestwoche wird es »Giselle« am 1. April abermals geben. Wer tanzt, wird wie üblich kurz vorher bekannt gemacht. Maria Baranova wäre das herzlich gegönnt. Denn sie hatte in letzter Zeit großes Pech, sind doch die Vorstellungen, in denen sie als Cinderella wie auch als Giselle besetzt war, wegen der Seuche abgesagt worden. ||

GISELLE
Nationaltheater | 1. April | 19.30 Uhr
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