Sapir Heller inszeniert »Animal Farm« nach George Orwell am Volkstheater.

Animal Farm

Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher

animal farm

Frisur-, Figur- und Huf-Features machen die Tiere in »Animal Farm« plastisch (Ensemble) | © Judith Buss

»Ja, ich bin nicht der Hund vom Plakat«, sagt der Hund entschuldigend. Sein darauf abgebildeter Kollege spiele (in) »Über Menschen«, er unter Tieren. Haha! Mit diesem Anfang geht Regisseurin Sapir Heller in die Vollen: Erstens: Echtes Tier auf der Bühne! Denn der Charmbolzen, dem Philipp Lind maulsynchron die Stimme leiht, ist wirklich ein Hund. Zweitens: Querverweis auf die derzeitige Flut an Viechereien am Münchner Volkstheater. Erst gab es Schauspieler mit Schlachttiermasken in »Unser Fleisch, unser Blut«, dann Christian Stückls Adaption von Juli Zehs Roman »Über Menschen« mit besagtem schwanzwedelnden Beistand – und nun also »Animal Farm«. Der Kommunist George Orwell verarbeitete darin seine Enttäuschung über die russische Revolution zu einer dystopischen Fabel, die zeigt, wie Freiheitseuphorie und Idealismus allmählich in neue Ausbeutungsverhältnisse münden.

Was genau Heller an dieser Geschichte interessiert hat, wird nicht recht klar an diesem Abend, der zwischen pfiffigen choreografischen und schönen chorischen Szenen zur Geschwätzigkeit neigt und immer wieder den Rhythmus verliert. Steht hier unser gesellschaftliches Miteinander zur Debatte oder wollen die da oben nur spielen? Denn das tun sie tatsächlich eindrucksvoll.

Schwenk auf den Einmarsch der Tiere: Mitrotem Kamm auf dem Kopf, Händen auf dem eigenen Po und augenscheinlich irritiert stürmt Henriette Nagel die Bühne: Mehr Henne als auf jedem Hühnerhof! Ausstatterin Anna van Leen hat keine kompletten Verkleidungen kreiert, sondern nur sparsame Frisur-, Figur- und Huf-Features gestreut. Zusammen mit den detailreichen Gangart- und Verhaltensstudien der Choreografin Jenny Schinkler lassen die die Tiere von Bauer Jones erstaunlich plastisch werden, die die »Herrenfarm« in Besitz nehmen, um sie später an die Diktatur der Schweine zu verlieren. »Alle Tiere sind gleich«, aber manche sind eben gleicher!

Steffen Links eifriges, bebrilltes Schwein Schneeball, das Orwell Trotzki nachgebildet hat, muss erst aus dem Weg geschafft werden, damit Napoleon ungestört walten kann. Jonathan Müller spielt dessen Propagandaminister Squealer (hier: Squeaker) mit gebleckten Zähnen und loser Zunge, Anne Stein den stalinistischen Despoten mit sparsamer Grandezza: keine Bewegung, kein Augenzwinkern zu viel. Das unermüdliche Pferd Boxer, dessen Fahrt zum Abdecker in John Halas und Joy Batchelors Zeichentrickfilm viele traumatisiert haben dürfte, die in den Sechzigern Kind waren, ist bei Jan Meeno Jürgens ein majestätisches Arbeitstier von der Aura eines Zentauren. Auf der großen Bühne, auf der ein rostiger Zwitter aus Stall und Klettergerüst in drei Teile zerlegt zur Windmühle wird, die als Fanal der Industrialisierung und neues Instrument der Versklavung fungiert, ist das alles hübsch anzuschauen, verläppert sich aber auch bisweilen. Heller und ihr Dramaturg Leon Frisch haben ein bisschen was dazuerfunden, aber ohne erkennbare Stoßrichtung bleibt das seltsam unverbindlich und Ralph Heidels bedrohlicher Musik zum Trotz auch lange eher putzig. Knappe und brutale Szenen wie jene, in denen Napoleon auf den Rücken des hustenden Boxer steigt, sind selten, treffen einen aber umso härter.

Viel steckt drin in dem Stoff, mit dem man auf heutige Demagogen und Autokraten anspielen, Diskussionen über Tier- und Menschenrechte oder die Rechtmäßigkeit von Privilegien entfachen könnte. Die kann man dann zu Hause mit der Familie führen, wenn einen die deprimierend denk- und entscheidungsfaulen Schafe und Esel nicht vom Glauben an den Sinn solcher Unternehmungen haben abfallen lassen. ||

ANIMAL FARM
Volkstheater | Tumblingerstr. 29 | 7., 16., 17., 23., 24. März | 19.30 Uhr | Tickets 089 5234655

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