Die elfte Ausgabe des Festivals Think Big! setzt auf Mitmach-Formate und die Erfahrung des Miteinander.

Bälle, Musikinstrumente, Kisten, Leitern: Ein visueller Rundgang durch das diesjährige Think Big!-Programm zeigt, dass die Körper hier nicht alleine sind. Umgeben von und in Interaktion mit Objekten erobern sie sich höchst unterschiedliche Bühnen- und Gestaltungsräume. Und zwar nicht nur die Körper der Performer*innen, sondern sehr oft auch die ihrer Gäste. Nimmt man die Namen der Choreograf*innen mit ins Bild, verspricht die elfte Ausgabe des Internationalen Tanz-, Musiktheater und Performance-Festivals für junges Publikum ein wahres Fest zu werden. Und die zeitgleich stattfindende Fachtagung »Geteilte Bühne – Partizipation in Bewegung« gibt sein Motto vor.

Anzeige

Viel in München Entstandenes findet sich im Programm, das vom 9. bis zum 19. Juli in der Schauburg am Elisabethplatz und im Ramersdorfer Labor, im Muffatwerk, im Theater HochX, im Schwere Reiter und im Kulturzentrum Luise zu erleben sein wird. Und einiges davon hat sich bereits Lorbeeren verdient. Anna Konjetzkys Tanz-Konzert »sound on!« war im Mai zu den Bayerischen Theatertagen nach Regensburg eingeladen. Den Ton gibt hier der Rap an, der feministische Protest und die Suche nach queeren Wunsch- und Gegenwelten. Mit »Gute Wut«, ihrer ersten Arbeit für die Schauburg, hat Ceren Oran 2025 den deutschen Theaterpreis DER FAUST gewonnen und an ihre älteren Kinderstücke wie »Schön Anders« angeknüpft, in denen sie auch schon negative Zuschreibungen von außen in Stärke und in großes Theater zu verwandeln wusste.

Compagnie Par Terre: »Superstrat« | © Patrick Berger

Compagnie Par Terre: »Superstrat« | © Patrick Berger

Der zweite Schauburg-Beitrag kommt direkt von der Münchener Biennale für zeitgenössisches Musiktheater zu Think Big! In »Wie das flunkert« von Piyawat Louilarpprasert (Komposition) und Daniella Strasfogel (Text und Regie) geht es um das Schwindeln, zu dem man manchmal greift, wenn man dazugehören will. In der Rolle der In-Group: das Musikensemble Tetra Brass, dem der Schauspieler Anh Kiet Le gegenübersteht. Und auch Léonard Engel und Alfredo Zinola sind wohlbekannt in München. Ersterer erzählt in der Uraufführung von »Muffensausen« wie meist von Gefühlen und speziell vom Lampenfieber. Zinola und seine Mitstreiterin Micaela Kühn Jara gehen in »POSTO« ebenfalls ihrem Herzensthema nach: Wie funktioniert Gemeinschaft? Drei Tänzer*innen, drei große aufblasbare Bälle, die aktiv mitmischenden Zuschauer*innen ab sechs Jahren und die Bereitschaft, aufeinander zu achten: Mehr braucht es nicht für diese Art von Gesellschaftsspiel in knappster Form.

Cie. Circumstances: »Beyond« | © Jonas Vermeulen ||

Cie. Circumstances: »Beyond« | © Jonas Vermeulen 

Wie es sich anfühlt, aktiv-passiver Teil eines Systems zu sein, erleben 12-Jährige und ältere in »BOXED« von Wired Studio. In diesem 30-minütigen Selbstversuch im öffentlichen Raum kommen die Anweisungen via Kopfhörer, nach denen die Besucher eine lebendige Skulptur bilden und die Auswirkungen sich ändernder Regeln am eigenen Leib erfahren können.

Die Festivalleiterinnen Simone Schulte-Aladağ und Andrea Gronemeyer haben ein Programm zusammengestellt, in dem die Dynamiken gesellschaftlicher Prozesse im Zentrum stehen, aber auch urbane Tanzstile ganz groß aufspielen. Etwa in »Superstrat« der französischen Gruppe par terre /Anne Ngyuen Dance Company, worin der Tänzer Willy Kazzama Hip-Hop mit afrikanischen Tanz-Traditionen verwebt und den Spuren nachgeht, die ein von Migration geprägtes Leben im Körper hinterlässt.

Zwei weitere Produktionen sind im Rahmen des deutschlandweiten Netzwerks explore dance entstandene Pop-ups: »Tie Break« von Constantin Trommlitz untersucht die Vorteile eines Tanz-Battle gegenüber weniger friedlichen Formen des Kräftemessens mit einem »Gegner«. In »Main Character: Lost« suchen drei Tänzer*innen der Kompanie Miller de Nobili zwischen Breaking, Hip-Hop und zeitgenössischem Tanz nach dem eigenen Weg angesichts multipler Überforderung. Eine Bühne für alle bietet »Ich kann’s nicht lassen« von Janne Gregor. Das Vehikel der Selbstermächtigung ist bei ihr der in den Black Communities von Los Angeles beliebte Tanzstil Krump. Bitte bequeme Kleidung anziehen! Weniger schweißtreibend verspricht das Eintauchen in Kate MacIntoshs Installation »Lake Life« zu werden. Nicht wegen des Sees im Titel, sondern weil die in Brüssel arbeitende Neuseeländerin Identitätsverflüssigung in virtuellen Kunsträumen verspricht.

Kate Mcintosh: »Lake Life« | © Bea Borgers

Bei der Choreografin Regina Rossi entscheiden die Zuschauer*innen über die Spielregeln, nach denen vier Performer*innen gegeneinander antreten und zugleich um ihre Gunst werben. »Du bist dran« war völlig zurecht zur Tanzplattform Deutschland 2026 eingeladen: eine extrem unterhaltsame und überhaupt nicht moralinsaure Arbeit über unsere Wettkampf- und Leistungsgesellschaft!

Es gibt übrigens keine Altersgruppe, die in diesem Jahr nicht bei Think Big! willkommen ist. In »Rond au Carré« lädt Ceren Oran erstmals Babys und ihre Eltern ein, mit dem Tänzer*innenpaar Jihun Choi und Jin Lee die Geometrie in der Natur zu erkunden. Fang Yun Lo (Polymer DMT) bringt in »Als ich in deinem Alter war« Kinder mit ihren Großeltern ins Gespräch. Und ein Blick auf den Teaser von »Beyond« der Belgischen Compagnie Circumstances (https://vimeo.com/1004390152) genügt, um sechs Spezialist*innen ganz eigener Art bei ihren Brückenbau- und Balance-Akten mit und über Leitern unbedingt zuschauen zu wollen. Und was könnte gerade wichtiger sein als Brückenbau und Balance? ||

THINK BIG!
verschiedene Spielorte | 9.–19. Juli | Info und Tickets:
www.thinkbigfestival.de

 


Das könnte Sie auch interessieren: