Die Bergson Gallery zeigt in fast zu reizvollen Bildern, wie der Mensch die Umwelt zerstört – dabei schärft die Ausstellung »Earth Matters« auch den Blick für Lösungen. 

Schon zur Eröffnung strömten knapp 1200 Besucher ins Bergson Kunstkraftwerk – ein Andrang, der selbst etablierte Häuser neidisch machen könnte. Der erste Abend der Ausstellung »Earth Matters« im ehemaligen Aubinger Heizkraftwerk wurde zum Publikumsmagneten. Zwischen Beton, Stahl und großzügigen Hallen entfaltet sich hier eine Kunstschau, die ebenso monumental wirkt wie ihr Thema: der Zustand unseres Planeten.  

Verantwortlich für das neue Galerieprogramm sind die Kuratoren Jana Vedra und Alexander Timtschenko, die bereits ihre zweite Schau in dem Neubau neben der Industriehalle präsentieren. Ihr Ansatz: Kunst als Denkraum für das komplexe Zusammenspiel von Mensch, Natur und Technik. Die Ausstellung versteht sich als Expedition durch Naturwissenschaft, Ökologie und technologische Entwicklungen, die Künstler verbinden analytische Präzision mit poetischer Bildkraft. Statt moralischem Pathos entsteht ein Erfahrungsraum, der emotional anspricht und zum Weiterdenken anregt: Welche Spuren hinterlassen wir – und wo beginnt Verantwortung? 

Fünf künstlerische Positionen machen diese Fragen sichtbar. Der Fotograf Olaf Otto Becker dokumentiert seit Jahrzehnten den Klimawandel. Seine Aufnahmen tauender Permafrostküsten aus der Serie »Siberian Summer« wirken wie stille Abschiede von Landschaften im Verschwinden. Becker reist dafür an entlegenste Orte, fuhr 4500 Kilometer mit dem Schlauchboot entlang der grönländischen Küste und legte 500 Kilometer zu Fuß auf einem Gletscher zurück. »Mich interessieren die Spuren, die der Mensch auf diesem Planeten hinterlässt«, sagt er. Er wolle »vor Ort sein und mit eigenen Augen sehen, was tatsächlich passiert«. Seine Bilder klagen nicht an – sie zeigen. 

Im Kontrast zu Beckers dokumentarischem Blick verführt Medienkünstlerin Tamiko Thiel mit farbenprächtigen künstlichen Unterwasserwelten. Sie erschließen sich erst per Augmented Reality – wenn plötzlich Plastikflaschen, Flip-Flops und Müll als neue Bewohner dort auftauchen. Thiel spricht vom Plastozän, dem Zeitalter des Plastiks. Sie wolle immersive Räume schaffen, sagt sie, „weil wir für die Wesen im Meer genau diese Umgebung geschaffen haben“.   Ihre Strategie: Schönheit zuerst, Erkenntnis danach. Besucher staunen über leuchtende Korallen – und erkennen erst auf den zweiten Blick den Müll. Ein Kind brachte ihre Botschaft auf den Punkt: »Meine Flip-Flops kommen nicht ins Meer.« 

Durchblick dank Augmented Reality: Erst auf dem Smartphone oder Tablet werden Tamiko Thiels paradiesische Unterwasserwelten zur Müllhalde voller Plastiklatschen und Einwegbesteck aus Kunststoff | © Simon Haseneder

Andreas Greiner bewegt sich zwischen Kunst, Wissenschaft und Ökologie. Sein Skelett »Monument for the 308«, basierend auf einem industriell gezüchteten Masthuhn, macht sichtbar, wie tief der Mensch biologische Systeme formt. Ausgangspunkt war ein echtes Huhn namens Heinrich, das als »Lebenskulptur« gedacht war und früh starb – ein Schock, der Greiner zur monumentalen Skulptur inspirierte. Sein Anliegen sei es, den »Fingerabdruck des Menschen« sichtbar zu machen, der sich in den Knochen dieser Hochleistungszucht ablesen lässt. Greiner nennt sich selbst einen Optimisten: Er arbeite aus dem Impuls heraus, »Dinge vielleicht auch verbessern zu können«. 

Kathrin Linkersdorff wiederum verwandelt mikrobiologische Prozesse und Pigmentreaktionen in hypnotische Bildwelten, die Schönheit und Vergänglichkeit zugleich thematisieren. Ihre Fotoarbeiten entstehen in langen experimentellen Prozessen, oft über Jahre. »Die Fotografie ist nur Mittel zum Zweck«, sagt sie – entscheidend sei der Moment, in dem ein Bild »Magie« entwickelt. Inspiriert vom japanischen Wabi-Sabi-Denken geht es ihr um Vergänglichkeit, Unvollständigkeit und die verborgenen Kräfte des Lebens. In ihren mikrobiologischen Serien arbeitet sie mit Bodenbakterien – eine »illustre Gemeinschaft«, die gesunden Boden bildet und zugleich dessen Gefährdung sichtbar macht.  

Maximilian Prüfer nutzt die Technik der Naturantypie, um Bewegungsmuster von Insekten sichtbar zu machen – man sieht stille Spuren etwa von Ameisen einer oft übersehenen Ordnung. Seine Arbeiten zeigen Natur nicht als Kulisse, sondern als lebendiges System von Beziehungen. 

Die Ausstellung schafft den Spagat zwischen intellektuellem Anspruch und sinnlicher Erfahrung: Sie fordert, ohne zu belehren, und öffnet Räume, in denen Staunen, Spielen und Nachdenken nebeneinander bestehen können. Vielleicht ist genau das ihr Erfolgsgeheimnis. 

Bemerkenswert ist auch das Konzept: »Earth Matters« ist eine Verkaufsausstellung. Sämtliche Werke können erworben werden, die Erlöse fließen in die Betriebskosten. Die Bergson Galerie soll sich langfristig selbst tragen. Am 27. Februar geht’s in den Silos der Industriehalle mit der Ausstellung »Some Weather« weiter. ||

Earth Matters
Bergson Gallery | Am Bergson Kunstkraftwerk 2, 81245 München | Anfahrt: S-Bahn S3 (Langwied), Bus 143 (Kronwinklerstraße) | bis 26. April | Do/Fr. 14–19 Uhr, Sa/So 11 bis 19 Uhr | Eintritt frei |  bergson.com 

 

 

 

 


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