Die Regisseurin Mariko Minoguchi schickt das ewige Ausnahmetalent Nina Hoss auf eine pandemisch-apokalyptische Pilgerreise.

Hanna ist mit einer hochansteckenden und tödlichen Krankheit infiziert. Sie isoliert sich im Wald, am Stadtrand, in Tälern. Immer nah an einer schnaubenden, bebenden und unerschrocken erschrockenen Nina Hoss, lastet »Die andere Seite«, der neue Film der Münchner Regisseurin Mariko Minoguchi, seiner Protagonistin zwei der großen Geißeln der letzten Jahrzehnte zugleich auf: Pandemie und Flucht.

Die blechern von Fallzahlen sprechenden Radios, hektisch besuchten Supermärkte, FFP2-Masken, die dreckigen Trekkingrucksäcke und Wurfzelt-Lager sind Eindrücke, die in unserem kollektiven ästhetischen Gedächtnis wohnen. So zeigt uns diese Reise an die notleidenden Ränder der Gesellschaft: Das sind die zeitgenössischen Bilder der Präapokalypse, die längst die Atombunker des Kalten Krieges, die Lazarette der Weltkriege und sowieso die Offenbarung des Johannes abgelöst haben.

Als Survival-Thriller ist »Die andere Seite« voller Realismus: improvisierte Schnürsenkel, ein ungeschickt bandagierter Daumen, Menstruation im Wald und trockene Pfannkuchen aus gestohlenem Mehl sind statt übersprungener Klippen, Begegnungen mit Bären oder ungesicherten Eisklettereinlagen die Prüfsteine von Hannas Überleben in der mitteleuropäischen Natur. Die ersten zwanzig Minuten fällt dabei kein Wort, und es tritt auch niemand ins Bild, mit dem Hanna eines wechseln könnte.

Allein in den Bergen: Hanna (Nina Hoss) | © Trimafilm Florian Strandl X-Verleih

»Die andere Seite« wäre wohl nicht denk- und erzählbar ohne unsere gemeinschaftliche Erinnerung an die Corona-Pandemie. Der Film darf so schweigsam und erklärungslos sein, weil niemand im Kinosaal vor der Angst vor dem Infiziert-Sein, der Angst davor andere zu infizieren, dem Trauma der Isolation verschont geblieben ist. Noch mehr gilt das für die komplexeren Zwischenklänge. Dass die Welt plötzlich angenehm still gewirkt hat, dass
eine eigenartige Form der Freiheit im gefühlten Weltuntergang auftauchen kann, bei der man sich schwertut, sie moralisch zu integrieren. Die Protagonistin Hanna kommentiert das nicht, bleibt stoisch verschlossen, und trotzdem sind diese inneren Drehmomente spürbar.

Umso gewichtiger wirken die wenigen Worte, die sie nachher auf ihrer Flucht ausspricht. Nachdem sie vor einem Bergretter fliehen muss, der die Erkrankte den Autoritäten meldet, trifft sie auf dem Weg auf Mitleidende, Begleiterinnen, eine kürzer bei ihr als die andere. Neben den Untersuchungen über eine Gesellschaft am Kipppunkt und dem reinen Survival sind das die Kernstücke des Films: Frauenfreundschaften aus Not. Sie verbinden sich über familiäre Verluste, über die Einsamkeit und über Zukunftsängste trotz Zukunftslosigkeit.

Am prägendsten wird die Begegnung mit der schwangeren Lila in einem Flüchtlingslager im nicht näher bezeichneten Grenzgebiet, wohl zwischen Österreich und Italien. Während die anderen Überlebenden sich mit kühler Sachlichkeit begegnen, fühlt sich Hanna für Lina verantwortlich. Es entfalten sich Fragen über die Grade von Menschlichkeit und eben Freundschaft, die
in einer pandemischen Krisenwelt möglich sind.

Geburt, Tod, Feuer und Himmel rücken zuletzt als sämtlich raumfüllende Topoi derart nah zusammen, dass dann doch noch eine Art biblische Gewalt entsteht. Ist das zu viel für einen so rationalen Film? Nicht unbedingt, wenn man sich von der schauspielerisch voll entfalteten Hoss und den zerklüftet-majestätischen Alpenlandschaften hindurch tragen lässt.

In ihrem Spielfilmdebüt »Mein Ende. Dein Anfang.« widmete sich Mariko Minoguchi der Psyche ihrer Figuren, »Die andere Seite« ist nun gänzlich körperlich und naturnah, vom kaltgewordenen Schweiß bis zur Chirurgie an der offenen Beinwunde, vom nassen Wald bis zur alpinen Tundra. All das, immer unter natürlichen Lichtverhältnissen gefilmt, kann man als Anstrengung unseres Lebens in einer gespaltenen Gesellschaft lesen. »Am Ende bin ich überzeugt davon, dass wir Menschen einander immer wieder begegnen wollen und zueinander finden können. Das ist auch die Basis meiner Geschichte«, sagte Minoguchi dem Österreichischen Filminstitut in einem Interview. Ob uns das wirklich und nachhaltig gelingt, lässt nicht nur die tatsächliche europäische,
sondern auch die innerfilmische Zukunft offen. ||

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Deutschland 2026 | Buch & Regie: Mariko Minoguchi
Mit: Nina Hoss, Precious Mariam Sanusi, Barbara Petritsch
106 Minuten | Kinostart: 22. Oktober

 


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