Im Juli locken wieder Megaevents Konzerttouristen in die Stadt. München selbst hat davon wenig.

Erinnert sich noch jemand an Adele in München? Stimmt, da gab es ein eigens gebautes Konzertstadion im Münchner Osten mit fast 75.000 Plätzen. Insgesamt wurden 730.000 Tickets verkauft, für zehn Konzerte im August 2024. Zwischen 40 und 70 Prozent der Besucher:innen kamen aus dem Ausland, der Bayerische Hotel- und Gaststättenverband jubilierte über ein Sommermärchen der Zimmerbuchungen. Zahlen von mehreren Hundert Millionen Euros lokaler Wertschöpfung machten die Runde. Und da waren ja auch noch einige weitere Megakonzerte im Olympiastadion zu verbuchen, gleich im Anschluss die Megamesse bauma mit ihren Maschinenmonstern und, ach ja, das Oktoberfest stand auch an. Wer allerdings versuchte, irgendwann in dieser Zeit für Freunde ein Hotelzimmer zu finden, wurde milde belächelt. Das ÖPNV-Netz war heillos überlastet, der Bahnhof platzte aus allen Nähten, Regionalzüge fuhren dampfend überfüllt ihre Stationen an. Alles war teurer, voller, und Einheimische ohne eigene Würstelbude an strategisch günstiger Stelle konnten nur hoffen, dass die Massen wieder weiterziehen.

Vor allem die lokale Kultur hatte nichts vom Profit der anderen. Denn Megaevents (wie auch Weltmeisterschaften, Olympiaden etc.) sind wie Kreuzfahrtschiffe. Sie landen an, schaufeln punktuell Zehntausende in eine Stadt, die gezielt eine Veranstaltung wahrnehmen und dann wieder abdampfen, weil sie ja nicht den Ort des Konzertes erleben wollen, sondern die Künstler, für die sie sich auf den Weg machen. Hier kreuzen sich mehrere Trends der vergangenen Jahre. Erstens werden Konzerte immer spektakulärer. Live hat den Tonträgerumsatz abgelöst, Geld lässt sich vor allem noch mit Events (und Streaming für Major Companies) verdienen. Gleichzeitig wollen Superstars immer weniger reisen. Anstatt zu ihren Fans zu kommen, bleiben sie stationär und sorgen dafür, das man zu ihnen pilgert. Diese Verlagerung des Las-Vegas-Prinzips ins internationale Konzertgeschäft ist nicht nur ökologisch bedenklich. Zehntausende Flugspuren für ein Ereignis sind nicht zwangsläufig besser als ein Lastenflieger mit Showequipement – bei Adele errechneten Umweltverbände eine durchschnittliche zusätzliche Kohlendioxid-Emission pro Besucher:in von 41,14 Kilogramm. Umfragen ergaben, dass jeder vierte Zuschauer mit dem Flugzeug anreiste. Schlechte Bilanz. Megaevents blockieren außerdem die lokale Kultur und deren Infrastruktur. Hotelzimmer fehlen für anderes oder sind nur zu Fantasiepreisen zu haben. Der ÖPNV ist überlastet, Müllberge wachsen, astronomische Ticketpreise verderben den Wettbewerb.

Nun könnte man solche Massenveranstaltungen begrenzen oder sanktionieren. Die Chancen dafür aber sind gering, denn in einer Stadt, in der alljährlich das weltweit größte Drogenfest mit jeweils rund sieben Millionen Besucher:innen stattfindet, sind die massentouristischen Begehrlichkeiten groß. Wenn man die großen Fanströme schon nicht vermeiden kann, könnte die Stadt wenigstens eine Kulturabgabe auf Übernachtungen erheben, die zweckgebunden denen zugute kommt, die sich für die lokale Kultur und deren Szene stark machen. Jeder Kurort hat seine Taxe, München würde gerne eine Bettensteuer erheben, darf aber nicht. Bislang sträubt sich der Freistaat, fürchtet Attraktivitätsverlust des Postkartenparadieses, und der Bayerische Verfassungsgerichtshof hat im vergangenen Winter eine Klage dreier Städte gegen das Bettensteuerverbot abgewiesen. Statt Einnahmen in möglicher jährlicher Höhe von bis zu 100 Millionen Euro für die Stadt München regiert der Konservatismus des Landes. Dabei stehen die Cash Cows schon Schlange. Denn auch in den kommenden Wochen legen wieder Konzertdampfer an, allen voran die Schlagerkönigin Helene Fischer (17. Juli) und die K-Pop-Stars BTS mit ihren einzigen zwei Deutschland-Shows (11., 12. Juli) in der Allianz Arena in Freimann mit Ticketpreisen, die schon mal die 1.200-Euro-Marke erreichen können. Und da fragt man sich dann doch, warum jemand, der geschätzt ein Monatsgehalt für Hotel, Flugticket und Konzertkarte ausgibt, nicht mit ein, zwei Euro die Kultur des Orts unterstützen kann, an dem er sein Haupt nach vollzogenem Genuss zur Ruhe bettet. ||

 


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