Falk Richter inszeniert die Uraufführung von Elfriede Jelineks persönlichem Abgesang »Asche«.

Elfriede Jelineks »Asche«

Trauer ohne Trost

asche

Aus der Asche entsteigt ein Cyborg-Paradiesvogel
(v. l. Katharina Bach, Svetlana Belesova) | © Maurice Korbel

Im Anfang war das Wort, aber was ist am Ende? Wie lang kann man noch weitersprechen, wenn alles um einen herum zerfällt? Wenn die Einschläge näher rücken, die Erde unter der Menschenplage ächzt, der eigene Körper unwiderruflich altert und auch noch der Lebensmensch stirbt?

Elfriede Jelinek war schon immer eine Meisterin der unbeschönigenden Worte, ihre Sprache eine ratternde Assoziationsmaschine, die mit sarkastischer Wut Gedankenfetzen vor sich herjagt und niemals zu einem guten Ende finden lässt. »Asche«, ihr jüngster Theatertext, entstanden nach dem Tod ihres Mannes Gottfried Hüngsberg, mit dem sie fast 50 Jahre verheiratet war, treibt der Trauer jeglichen Trost aus und synchronisiert den Schmerz des persönlichen Verlusts mit dem menschlichen Versagen auf Erden: »Was waren wir doch für böse Gäste!« Und jetzt, wo der Besuch allmählich zu Ende geht, gestaltet sich der Abgang auch noch mal schwierig. Hier helfen keine Regeln der Kunst, nur noch fahrige Suchbewegungen nach einem Halt irgendwo zwischen Mythos oder Philosophie, wären alle Götter nicht längst abgeschafft und auch Platons »Timaios« mit seinen geometrischen Körpern, der aus der Erde einen Würfel macht, nur ein verzweifelt-komischer Versuch, Übersicht zu schaffen. Die Betonung liegt auf Verzweiflung, schon weil der Abwehrzauber der Komik nicht mehr richtig greift, wenn alles kurz vor dem Kollaps steht: »Ich sehe, die Regie reicht mir einen Zettel herein«, heißt es einmal. »Jetzt hat sie sich entschieden. Alles ist verbrannt. Alles Asche.«

Jelineks Textflächen tragen schwer an ihrer einsamen Illusionslosigkeit und brauchen die kollektive Gegenkraft des Theaters, um sich zu entfalten. Zu definieren ist dabei jedes Mal die richtige Mischung: Wie weit reicht die Sprache? Wo braucht es Bilder? Und wer spricht hier überhaupt? Uraufführungsregisseur Falk Richter greift in den Münchner Kammerspielen gleich in die Vollen und lässt sein spiellustiges Ensemble – Bernardo Arias Porras, Katharina Bach, Svetlana Belesova, Johanna Kappauf, Thomas Schmauser und Ulrike Willenbacher – als vagabundierende Schiffbrüchige über die Bühne irren, als Badetouristen mit Plastikplunder um sich werfen und als Cyborg-Paradiesvögel, exquisit kostümiert von Andy Besuch, eine Zukunft ohne Menschen visionieren. Katrin Hoffmann hat dazu eine Arena mit digitalem Horizont entworfen, auf dem Lion Bischof antike Kultstätten zu modernem Zivilisationsinferno morphen lässt, in der Mitte ein schwarzer Felsen zum Festklammern oder um kurz mal Caspar David Friedrichs »Wanderer über dem Nebelmeer« nachzustellen. Darüber schwebt ein futuristisches Beleuchtungselement, das an Solarsegel eines Raumschiffs erinnert, im Ernstfall aber ziemlich funktionslos zu sein scheint.

Dazwischen fleht Schmauser als rauchender Erdball, dem akut die Luft ausgeht: »Ich brauch jetzt konkret Hilfe!!« und wird von den anderen, allen voran Ulrike Willenbacher als sprödes Alter Ego der Autorin, mit einem »Ich könnte Ihnen vielleicht was schreiben« maximal unkonkret vertröstet. Belesova und Willenbacher werden in Pflegebetten hereingeschoben und von mürrischen Ärzt*innen achtlos versorgt. Kurz darauf fluten mit KI generierte Textpassagen die Screens. Die Übergänge sind fließend, nur die Anklänge an Gustav Mahlers »Lieder eines fahrenden Gesellen« lassen ab und an einen Abglanz von Menschengefühl aufleuchten, und Katharina Bach, die zum Schluss in Greisinnenmaske Patti Smith singt, entfacht noch einmal eine dunkle Totenklage. Sonst lässt einen dieser Abgesang auf uns selbst mit so viel digitalem Bildersturm doch überraschend kühl zurück. ||

ASCHE
Kammerspiele | 23. Juni | 19 Uhr | 23., 25. Juli | 20 Uhr | Tickets: 089 23396600

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