Regisseurin Wu Tsang füllt die »Pinocchio«-Geschichte mit eigenen Visionen einer Coming-of-age-Geschichte.
Wer bei Carlo Collodis „Pinocchio“ an eine recht moralische Geschichte von einer lebendig gewordenen Holzpuppe denkt, die erst mal lernen muss, wie sich ein echter Mensch verhält, der sollte mal in den Münchner Kammerspielen vorbeischauen! Denn hier zeigt das Zürcher Kollektiv Moved by the Motion mit seiner Inszenierung, wie zauberhaft und wunderschön dieser alte Stoff daherkommen kann. Ursprünglich stammt die Produktion für Kinder ab acht Jahren vom Schauspielhaus Zürich, nun feierte die Münchner Version mit dem Kollektiv und Schauspieler*innen aus dem Kammerspiel-Ensemble im Schauspielhaus Premiere.
Konstantin Schumann und Nadège Meta Kanku führen als Amsel und Schnecke durch die Geschichte und sind ganz für sich schon abend- beziehungsweise nachmittagfüllend. Wie er davon schwärmt, die Welt aus der Vogelperspektive zu sehen, während sie ihre „epische Reise“ lieber auf dem Boden fortsetzt. Wie er schnell ist und sie die Ruhe selbst. Wie sie sich und alle daran erinnern, dass die Welt und die Natur aus zauberhaften Lebewesen besteht. Wie sie sich die Eigenarten dieser beiden so verschiedenen Wesen zu eigen machen und aus dem Zusammenspiel der konträren Charaktere eine ganz eigene Handlung entwickeln, wäre vielleicht das Wunderbarste an diesem Abend. Wären da nicht all die anderen: Josh Johnson als Blaue Fee, die kometengleich in die Szenen fliegt, auf „Feeisch“ mit der Schnecke kommuniziert, Pinocchio zum Leben erweckt und allerlei Wünsche wahr werden lässt. Stefan Merki als einsamer Gepetto, der sich nach Nähe und Gesellschaft sehnt und sich „ein Kind“ schnitzt. Und Tosh Basco als Pinocchio, der diese Welt, durch die er da plötzlich stakst, staunend betrachtet und immer besser versteht, wie sie funktioniert und worauf es in so einem Menschenleben ankommt.

Schnecke, Pinocchio und Amsel (v. l. Nadège Meta Kanku, Tosh Basco, Konstantin Schumann) | © Julian Baumann
Regisseurin Wu Tsang nimmt das Grundgerüst dieser Abenteuerreise, kürzt beherzt, was nicht passt, und füllt den Rest auf mit eigenen Visionen, wohin es so einen Jungen verschlagen könnte, der in die Welt zieht. Das Puppentheater, in dem Pinocchio zum „Star“ werden soll, wird geleitet von Anja Signitzer als Direktorin, die famos die Strippen zieht und Tarik Moussaid, Josiane Elodie Siewe und Maren Solty als Puppen tanzen und kämpfen lässt. Ein großer und präziser Spaß! Kyle Luu hat ihnen allen Kostüme entworfen, die man am liebsten direkt selbst überstreifen würde. Die Schnecke trägt ein silbriges Schneckenhaus als Kopfbedeckung und ihre schwarzgewandeten Hände verwandeln sich in neugierig herumblickende Augenfühler. Wunderschön.
Die Videos von Daniel Steigthaler und Maurizio Guolo lassen auf der Bühne von Nina Mader ganze Welten von der Shoppingmeile über den Flug durch den Himmel bis zum Meer samt Walfisch entstehen. Und wo sich im Original – der Struktur der wöchentlich erscheinenden Fortsetzungsgeschichte geschuldet – etwas ermüdend ein Abenteuer ans nächste reiht, wurde hier ordentlich gestrafft. Immer wieder landen die Figuren ganz unaufdringlich im Hier und Jetzt, verhandeln, ohne unangenehm belehrend zu werden, aber durchaus mit angemessener Dringlichkeit Themen wie Konsumwahn und Umweltverschmutzung.
Und was ist mit der Nase? Die Sache mit dem Lügen und der langen Nase wird hier zum Glück ziemlich vernachlässigt. Wie die Inszenierung insgesamt eher auf die zwischenmensch- und zwischentierlichen Beziehungen setzt als auf jenen pädagogisch angehauchten Lernprozess, den die hölzerne Puppe bei Collodi auf ihrem Weg zum Menschsein durchläuft. Hier geht es eher ums Fühlenlernen, und so wächst Pinocchios Nase auch nur ein einziges Mal: als er vorgibt, kein Heimweh nach Gepetto zu haben.
Diese Inszenierung macht ihrem Publikum nicht weis, dass diese Welt in Ordnung sei. Sie leugnet nicht, dass wir Menschen einiges verbocken. Aber sie endet mit dem guten Gefühl, dass wir uns verbinden, veramseln und verschnecken können. Und dass manchmal gerade durch das Zusammenkommen des Verschiedenen neue Energien und so etwas wie Glück entstehen kann. Dieser „Pinocchio“ ist mehr als lebendig geworden. Bitte mehr davon! ||
PINOCCHIO
Kammerspiele Schauspielhaus | 6. Februar
11 Uhr | 7., 28. Februar, 8. März | 16 Uhr
Tickets: 089 23396600 | www.kammerspiele.de
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