Ildikó Enyedis beeindruckendes Werk »Silent Friend« ist mehr als eine weitere Untersuchung der Beziehung von Mensch und Natur. Ihr Film ist eine visuell umwerfende Ode an die schlummernden Kräfte des Urwüchsigen.

Selten musste ein Hauptdarsteller so wenig machen, um einen derart gewichtigen Eindruck zu hinterlassen. Im Grunde muss er einfach nur er selbst sein, damit er die ganze Bewunderung des Publikums auf seiner Seite hat. Bei einer Größe von dreißig Metern ist das natürlich auch kein Wunder. Nun kann der Ginkgobaum, von dem hier die Rede ist, sicher nicht auf einen Filmpreis für seine Leistung hoffen, geschweige denn ihn selbst abholen. Höchstwahrscheinlich ist ihm das aber auch vollkommen egal. Das Treiben um ihn herum als stiller Zeuge zu begleiten und mit geheimer Macht auf es einzuwirken, ist um ein Vielfaches ausfüllender als der vergängliche Ruhm.

Drei Beispiele solchen Treibens bringt die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi mit »Silent Friend« auf die Leinwand und wandert damit locker in zweieinhalb Stunden durch über hundert Jahre verstrichene Zeit. Drei Beispiele zeitloser Entdeckungslust, angesiedelt in der mittelalterlichen Kulisse der Universitätsstadt Marburg, zeigen die Natur als Auffangnetz des ziellosen Menschen. Wohlgemerkt, ohne allzu platte Öko-Wohflühl-Weisheiten.

Den Rahmen bildet der Besuch des Hongkonger Neurowissenschaftlers Tony (Tony Leung Chiu-wai). Dem schlägt nicht nur die deftige deutsche Küche auf den Magen, sondern auch die Gefangenschaft an der Uni, die er der gerade hereingebrochenen Corona-Pandemie zu verdanken hat. Eigentlich auf die geistige Entwicklung von Säuglingen spezialisiert, bringt ihn besagter Baum, der hier im Alten Botanischen Garten thront, auf komplett neue Inspiration für seine Forschung. Ähnlich geht es im Jahr 1908 Grete (Luna Wedler), die sich als erste Studentin in den heiligen Hallen der Männerdomäne zurechtfinden muss. Doch das noch junge Zauberwerk der Fotografie eröffnet ihr abseits der miefigen Hör- und Versuchssäle die Mikrokosmen der Flora. Hannes (Enzo Brumm) hingegen hält überhaupt nichts von Pflanzen, als Anfang der Siebziger sein erstes Semester beginnt. Von den Aufbruchsallüren seiner Kommilitonen im Grunde genauso wenig. Doch auch er wandelt sich in der Aura des Gingkobaumes – und unter Einfluss einer einfachen Geranie und deren Besitzern Gundula (Marlene Burow) – zu einem Liebhaber der botanischen Poesie.

Der Neurowissenschaftler Tony (Tony Leung Chiu-wai) stellt im Rahmen seiner Gastprofessur Forschungen an einem Baum an | © Lenke Szilágyi/ Pandora Film

»Im Baum bewundern wir die Kraft des Urbildes. Wir ahnen, dass nicht nur das Leben, sondern das Weltall nach diesem Schlüssel in Zeit und Raum ausgreift«, schrieb Ernst Jünger in seinem einfach betitelten Essay »Der Baum«. Ildikó Enyedi schafft es mit »Silent Friend« diese beschriebene Ahnung in Bilder zu verwandeln, die mitunter die Handlung komplett überstrahlen. Erinnert man sich an ihren Berlinale-Gewinner »Körper und Seele« (2017), dann weiß man, mit welch einer Liebe zum Detail sie ihre Aufnahmen in Szene setzt. Hier gibt es bei weitem nicht nur eine Einstellung, die man sich einrahmen lassen will. Der Film schafft es – man kann schwer sagen wie – die Eindrücke von Fremd- und Vertrautheit miteinander zu verweben, ganz als wäre unter ihnen ein stabilisierendes Wurzelwerk, aus dem sie beide sprießen. Und so monumental sich auch der Hauptdarsteller in Szene setzt, so leicht ist alles um ihn. Die drei Geschichten sind natürlich angereichert mit ihren Höhen und Tiefen, doch scheinen diese keine Rolle mehr zu spielen angesichts der ganz nebenbei entdeckten Urkraft. Um ganz fair zu sein, das Drehbuch ist nicht an jeder der verwobenen Handlungsstränge gleich stark. Aber trotzdem sind einem diese drei Eigenbrödler so sympathisch, dass man ihnen gerne folgt, auch wenn sie sich auf ihrem Weg mitunter länger orientieren müssen.

Unter Männern: Grete (Luna Wedler) ist 1908 die erste Studentin an der Universität Marburg | © Lenke Szilágyi / Pandora Film

Neben dieser übermenschlichen Dimension, die einen gar nicht in einem solchen Maße erschlägt, wie es dieser Text vermuten lässt, ist »Silent Friend« aber auch ein Film über das Allzumenschliche. Es geht um den Wunsch nach Zugehörigkeit, das Gefühl der Entfremdung und die Suche nach Sinn, kurz gesagt, um die eigenen Wurzeln in einem gleichzeitig domestizierten und verwilderten Universum. Dafür muss die Regisseurin nicht viele Worte verlieren. Mit ihren Bildern erzählt sie schon mehr als genug. Und es ist erstaunlich, wie spielerisch das Monumentale hier auf das Leichte trifft. Deshalb ist dieser Film nicht nur aus botanisch-spiritueller Sicht zu empfehlen. Sondern auch als zugänglicher Auffrischungskursus wenn es um cineastisches Erzählen geht.

SILENT FRIEND
Deutschland, Frankreich, Ungarn 2025 | Buch & Regie: Ildikó
Enyedi | Mit: Tony Leung Chiu-wai, Léa Seydoux, Luna Wedler,
Martin Wuttke | 145 Minuten | Kinostart: 15. Januar

 

 


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