Leben als Abenteuer: Eine Ausstellung für Jung und Alt im Literaturhaus lädt ein, die Welt der Mumins und ihrer Schöpferin Tove Jansson zu erkunden.
Drei Kriege gab es in Finnland, den Winterkrieg (als 1939 Russland Finnland überfiel), den Fortsetzungskrieg (in dem sich Finnland mit Deutschland verbündete) und den Lapplandkrieg (gegen die dort stationierten Deutschen, die in Lappland verbrannte Erde hinterließen), als Tove Jansson ihr erstes Mumin-Buch schrieb. Das erschien 1945 – unter dem Titel »Der kleine Troll und die große Überschwemmung« (in der deutschen Übersetzung: »Mumins lange Reise«) – und war kommerziell kein Erfolg, ebenso wie »Komet im Mumintal« (1946), aus dessen Motiven sie 1947 ihre erste Bildergeschichte schuf, »Mumin und der Weltuntergang«. Denn die Wochenzeitung »Ny Tid«, deren Herausgeber ihr damaliger Lebensgefährte war, stellte die Serie nach einem halben Jahr ein. Aus den Mumin-Misserfolgen in Finnland erwuchs schließlich ein Welterfolg bis Japan und Arabien – und das Literaturhaus widmet nun dieser Muminwelt eine ganz und gar integrative Familien-Ausstellung. Die Älteren erinnern sich an die Lektüre ihrer Kindheit, die Jüngsten können spielerisch diese Welt erkunden: mit einem Segelboot, mit Hängematte, Schaukeln und Kostümen zum Verkleiden. Für die Kinder gibt es auch Zelte, in denen man Geschichten hören und sehen kann, eine »dunkle« Geheimnis-Höhle, und das begehbare zweistöckige Mumin- aus (alles handgreiflich gestaltet von Studio uno:due).

Die Mumins mit ihrer Schöpferin | © Moomin Characters
Viele kennen heute die Mumin-Figurenwelt durch Merchandising- Produkte: die Zeichnungen erzählen Geschichten auf Trost und Freude spendenden Tassen, beleben Geschirrtücher, es gibt allerlei Figuren und für bis zu 798 Euro gehandelte Kühlschrankmagnete – aber um die geht es hier nicht. Auch nicht um Tove Jansson als Autorin von Erwachsenenliteratur, beginnend mit ihrem Roman»Die Tochter des Bildhauers« (1968). Die – unter Mitarbeit der Mumin-Expertin Kristina Maidt-Zinke – von Tanja Graf und Paula Vosse kuratierte Präsentation widmet sich in der ersten Station der Künstlerpersönlichkeit der Malerin, Illustratorin, Karikaturistin, Comiczeichnerin und Schriftstellerin (1914–2001), die in einem künstlerischen (und schwedischsprachigen) familiären Umfeld aufwuchs und sich schon früh für diesen freien Beruf entschied. Der Vater Viktor Jansson war Bildhauer – mit ihm gab es große Spannungen, speziell wegen seiner patriarchalen und politisch rechten Einstellungen. »Freiheit ist das Beste von allem«, schrieb sie als junges Mädchen auf ein Toilettenhäuschen neben eine Zeichnung, die vielleicht die Urform des Mumin war, vielleicht den Philosophen Kant darstellen sollte, über den sie mit ihrem Bruder gestritten hatte. Eng verbunden war und blieb sie mit ihrer Mutter Signe Hammarsten, die als Grafikerin und Illustratorin arbeitete, wobei Tove dann, wie schon die Mutter, eine wichtige Mitarbeiterin der liberalen Satirezeitschrift »Garm« wurde. Auch ihre beiden jüngeren Brüder waren künstlerisch begabt und arbeiteten mit ihr im Mumin- Umfeld zusammen. Mit 15 Jahren veröffentlichte Tove ihren ersten Comic, studierte in den 1930ern Zeichnen und Malerei in Stockholm, Helsinki und Paris. Ihr 1944 eingerichtetes erstes Atelier in Helsinki behielt sie lebenslang; viel Zeit verbrachte sie, ebenfalls lebenslang, in der schwedischen und finnischen Schärenlandschaft. Schon in den 1930er Jahren hatte sie kleine Kobolde gezeichnet, groteske, eher finstere Figürchen, oft als Teil ihrer Signatur bei Pressezeichnungen. Die Trolle wurden heller und rundlicher, als Jansson nach Kriegsende begann, schreibend eine Fantasiewelt zu imaginieren: die Mumins – eine reiche, unverwechselbare Welt, auch wenn sie verschiedentlich alte Geschichten und Illustrationen überarbeitete.

Tove Jansson mit Muminpuppen, 1956 | © picture alliance dpa / Lehtikuva
Reino Loppinen
Der zweite Teil der Ausstellung präsentiert den künstlerischen Kosmos der Mumin-Zeichnungen – auch Originale aus den Arbeitsprozessen, von Skizzen und Aquarellen bis hin zu Theaterkostümen und dem Mumin-Spiel. Auch werden zum Kennenlernen oder zur Wiedererinnerung die Figuren präsentiert und chrakterisiert: Mumin, seine Freundin Snorkfräulein und sein bester Freund, der Freigeist Schnupferich, Muminvater mit dem Zylinder, Muminmutter, das Zentrum der Familie. Dann Schnupferichs Halbschwestern Mümmla und die von der Familie adoptierte kleine My sowie das ebenfalls adoptierte Schnüferl. Und einige andere wie die geisterhaften Hatifnatten oder der Unruhestifter Stinky. Dazu eine Landkarte des Mumin-Tals.
Im Übergang zur Erlebnis-Abteilung stellen illustrierte Textfahnen die neun Mumin-Erzählbände bis 1970 vor. Den internationalen Erfolg der Mumins beförderten speziell die Comicstrips, die sie täglich, von 1954 bis 1959, in den Londoner »Evenening News« publizierte, die schließlich in 40 Ländern erschienen und danach 15 Jahre von ihrem Bruder Lars fortgeführt wurden. Als Walt Disney die Rechte an den Mumins kaufen wollte, blieb Tove Jansson standhaft, und so sind die Werke und das Merchandising bis heute im Besitz und in Verwaltung der Familie. In der Muminwelt ist das Leben, immer wieder aufs Neue, ein Abenteuer. Voller widerstreitender Emotionen: Freude und Melancholie, Angst und Wut, Abenteuerlust, Rebellion und Anarchie und Sehnsucht nach Geborgenheit. Es gibt keine Guten und keine Bösen. Alle haben, nebeneinander, gleichwertig, ihren Platz. Übrigens fungiert Jansson hier nicht als »queere Ikone«, denn sie hat sich nicht als Aktivistin verstanden, sondern konsequent ein freies Leben geführt. Hatte Männer und Frauen geliebt und ihre lebenslange Beziehung mit der Grafikerin Tuulikki Pitilä seit 1955 offen gelebt, als Homosexualität noch strafrechtlich verfolgt war bzw. als Geisteskrankheit galt. Toleranz und Empathie, gegenseitige Achtung und sich selbst Mut machen, das sind Leitlinien in dieser Mumin-Welt. Und die vielleicht wichtigste Botschaft der Ausstellung für heutige Zeiten lautet: Ambivalenzen aushalten. ||
TOVE JANSSON. DIE WELT DER MUMINS
Literaturhaus München | Salvatorplatz 1 | bis 12. April
täglich 11–18 Uhr (Ausstellungspause 2.–27. Feb.) | Filme:
»Tove«, 19. 1., 19 Uhr; »Moominland Tales«, 2. 3., 18 Uhr | Kinderund
Familienprogramm: www.literaturhaus-muenchen.de
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