Regisseur Jan-Christoph Gockel versieht Schillers »Wallenstein« mit Parallelen zur russischen Söldnertruppe Wagner.

»Sein Sold muss dem Soldaten werden; darnach heißt er!«, sagt Wallenstein. Der Herzog von Friedland befehligte als größter Söldner-Heerführer im Dreißigjährigen Krieg zeitweilig bis zu 50.000 Mann. Den Sold, den ihnen der Habsburger Kaiser, für den sie gegen die Schweden kämpften, über ein Jahr schuldig blieb, zahlte 1634 der reiche Wallenstein aus eigener Tasche. Der bekannteste Söldnerführer der Gegenwart war der Russe Jewgenij Prigoschin, Gründer der für ihre Brutalität berüchtigten Gruppe Wagner, die in Afrika genauso kämpfte wie in der Ukraine. Nachdem Prigoschin 2023 mit einem Marsch auf Moskau Putin bedrohte, wurde er kurz darauf durch einen Flugzeugabschuss beseitigt.

Jan-Christoph Gockel nennt seine über siebenstündige »Wallenstein«-Inszenierung (Spieldauer 5 ½ Stunden plus drei Pausen) ein »Schlachtfest in sieben Gängen«. Zunächst referiert der emigrierte Russe Sergej Okunev witzig-sarkastisch über seine zweijährige Recherche zu Prigoschin und der Gruppe Wagner. Dann öffnet sich Wallensteins Lager – acht Köche unter Leitung von Annette Paulmann schnippeln und brutzeln die Verpflegung fürs Heer. Man schaut ihnen lange in Großaufnahmen zu und riecht mit. Der Riesenherd bleibt fast immer präsent auf der Bühne von Julia Kurzweg. In der dritten Pause dürfen ausgewählte Zuschauer das Ossobuco verkosten, müssen danach aber Statements der Wagner-Söldner verlesen. Denn Prigoschin galt als »Putins Koch«: Beginnend mit einem Hotdogstand hatte er ein Restaurantimperium aufgebaut, das der Kreml-Chef gern besuchte.

Die in Böhmen stationierten Truppen haben das Land buchstäblich leer gefressen, die ausgeplünderten Bauern klauen selbst schon im Lager Essen. Der Puppenspieler Michal Pietsch und sein (Puppen-)Sohn kommen dabei knapp mit dem Leben davon. Die Generäle sind mit Intrigen beschäftigt: Der Kaiser will den allzu mächtigen Generalissimus, der heimlich mit dem Feind über Frieden verhandelt, absetzen. Ausgerechnet Wallensteins engster Vertrauter Octavio Piccolomini soll das Kommando übernehmen. Dafür muss er die treuen Generäle auf seine Seite ziehen und von Wallensteins Verrat überzeugen. Gockel hat sie mit Frauen besetzt: Katharina Bach als versoffener Illo mit einem Gummi-Sixpack und Johanna Eiworth als Isolani beweisen ihre toxische Männlichkeit mit überlautem Geschrei. Nach einer Trinkorgie brüllen sie sich mit Primaten-Brunftlauten an, wenigstens trommeln sie sich nicht auf die Brust. Illo verliert im wilden Tanz sein bestes Stück, das Bach dann halbnackt kriechend und hechelnd in den Zuschauerreihen sucht – hart an der Ekelgrenze. Octavio Piccolomini ist die herausragende Figur: Der perfekte Staatsmann und Diplomat, souverän in jeder Lage, wenngleich zerrissen zwischen Kaisertreue und Freundschaft. Annette Paulmann spielt ihn bravourös mit ironischer Distanziertheit. Seinen Sohn Max, der Wallenstein blind verehrt und in dessen Tochter Thekla verliebt ist, verkörpert Annika Neugart absolut überzeugend als stämmigen, halb aufmüpfigen TeenieJüngling. Die großartige Musikerin Maria Moling macht am Schlagwerk alle Emotionen hörbar.

Aber eigentlich geht es nicht um Politik, sondern um Vertrauen. Wallenstein ist der querschnittsgelähmte Samuel Koch, der im Rollstuhl angewiesen ist auf Hilfe anderer. Eine berührende Szene: Michael Pietsch lässt eine kleine Marionette auf den schlafenden Koch klettern, der seinen Traum erzählt. Wallenstein tritt bei Schiller nicht als Handelnder, sondern erst als Reflektierender auf. Sein entdecktes Doppelspiel zwingt ihn zu einer Entscheidung. »Könnte ich noch, wie ich wollte?« Jetzt nicht mehr. Koch bewältigt den großen Monolog überlegen durchdacht.

Katharina Bach, Samuel Koch Foto: Armin Smailovic

Aber kann er seinen Mitkämpfern vertrauen? Der Schauspieler Koch ist immer von Hilfe abhängig, braucht Vertrauen in seine Helfer, das wird hier thematisiert. Unangenehm aufdringlich befragt die zickige Thekla (Nadège Meta Kanku, der man ihre Verliebtheit in Max nicht glauben mag) ihren Bühnenvater dazu. Ganz locker redet dagegen Annette Paulmann mit Kochs persönlichem Assistenten Daniel Hascher, der danach zynischerweise die Rolle von Wallensteins Mörder übernehmen muss. Dennoch: Diese privatistischen Gespräche sind störend und überflüssig. Koch selbst stellt sich im letzten Teil als Marionette aus: Hängend an Fäden, die über ein von ihm konstruiertes Gerüst laufen und von Kollegen gezogen werden. Denn: »Es ist der Geist, der sich den Körper baut.« Dieses Schillerzitat ist Kochs Motto.

Gockels Inszenierung setzt Gegenwart und Historie nebeneinander, ufert manchmal exzessiv aus, ist aber auch komisch, unterhaltsam und anregend. Die gut proportionierten vier Teile überfordern das Sitzfleisch nicht. Am Ende entblößt sich Katharina Bach ihrer Gummimuskeln und spricht einen Text von Swetlana Alexijewitsch: »Der Mensch ist größer als der Krieg.« Ob Kriegsopfer das auch so sehen? ||

WALLENSTEIN
Kammerspiele Schauspielhaus | 2., 15., 29. November
15 Uhr | Tickets 089 23396600 | www.kammerspiele.de

 


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