Carla Simón erzählt in „Romería – Das Tagebuch meiner Mutter“ von einer jungen Frau, die versucht, die Lebensgeschichte ihrer verstorbenen Eltern zu rekonstruieren.
Wahrscheinlich kennt jeder das unangenehme Gefühl, fehl am Platz zu sein. Eine Diskussion wird zu einem Streit, die Stimmung kippt, und plötzlich sitzt man mittendrin in einem Konflikt, der einen eigentlich gar nichts angeht – bei der entfernten Verwandtschaft, bei der Tante, die man kaum kennt. Am liebsten möchte man sich unsichtbar machen, doch das lässt die Situation nicht zu.
Genau so fühlt sich Marina, als sie zum ersten Mal die Familie ihres verstorbenen Vaters in Galicien besucht. Marina ist Vollwaise, denn beide Eltern fielen der AIDS-Epidemie im Spanien der 90er Jahre zum Opfer. Aufgewachsen ist sie bei Verwandten ihrer Mutter in Katalonien. Der offizielle Anlass ihrer Reise ist banal: Für ein Stipendium an der Filmhochschule braucht sie die Sterbeurkunde ihres Vaters. Doch das Dokument weist ihn als kinderlos aus – ein bürokratischer Fehler, der sich mit einer einfachen Unterschrift der Großeltern korrigieren ließe.
Was nach einer kleinen Formalität klingt, entwickelt sich bei Regisseurin Carla Simón jedoch zu etwas ganz anderem: Zu einer „Romería“, einer Pilgerreise in eine Vergangenheit, über die in dieser Familie kaum gesprochen wird. In der Heimatstadt ihres Vaters angekommen, wird Marina mit einem Geflecht aus Verwandten konfrontiert, die sie eigentlich gar nicht kennt. Onkel, Tanten, Cousinen – und die etwas distanzierten Großeltern. Die Begrüßung ist herzlich, die Neugier groß. Doch schnell wird klar: Diese Familie hat einige Baustellen. Und Marina ist eine davon. Denn sie ist die Cousine, die nie da war. Das Kind des Bruders, der viel zu früh starb. Die Enkelin der Großeltern, deren Sohn an AIDS starb und damit einen Schandfleck im Ansehen der Familiengeschichte hinterließ.

»Romería« ist der letzte Teil einer Trilogie, die von der eigenen Familiengeschichte der katalanischen Regisseurin Carla Simón inspiriert ist | © Piffl Medien
Über diese Vergangenheit weiß Marina selbst nur Bruchstücke. Vieles stammt aus den Erzählungen ihrer Ziehmutter oder aus dem Tagebuch ihrer leiblichen Mutter. Doch kaum beginnt sie, ihre Verwandten kennenzulernen, geraten diese Fragmente ins Wanken. Erzählungen widersprechen sich. Eine Tante nennt ein anderes Todesdatum, ein Onkel erzählt abenteuerliche Geschichten von Drogenschmuggel und Atlantiküberquerungen. Marina versucht, Ordnung in diese Geschichten zu bringen – doch je mehr sie hört, desto unschärfer wird das Bild. Erinnerungen, das wird hier deutlich, sind keine Fakten, sondern Konstrukte aus verschiedenen Perspektiven und Emotionen.
Auch formal spiegelt Simón diese Unsicherheit wider. Sie erzählt Marinas Annäherung an die Geschichte ihrer Eltern auf mehreren Ebenen: in langen, beobachtenden Szenen bei chaotischen Familienessen, in Voice-Over-Passagen aus dem Tagebuch ihrer Mutter und in den Camcorder-Aufnahmen, die Marina immer wieder selbst filmt. Der Film spielt 2004, also vor der Zeit hochauflösender Smartphone-Videos. Die körnigen, warmen Bilder des Camcorders wirken wie Erinnerungen aus einer fernen Zeit.
Die katalanische Schauspielerin Llúcia Garcia trägt den Film mit ihrer zurückhaltenden Präsenz. Sie spielt diese innere Spannung – das Gefühl, gleichzeitig Teil dieser Familie zu sein und doch nicht dazuzugehören – mit großer Ruhe. Sie hört zu, fragt vorsichtig nach und schmunzelt über ihre schrulligen Verwandten, ohne ihr persönliches Ziel, die offizielle Anerkennung als Tochter ihres Vaters, aus den Augen zu verlieren.
Dabei erzählt der Film auch von einer Generation, deren Geschichte lange verdrängt wurde. In Spanien traf die AIDS-Epidemie in den 1980er- und 90er-Jahren eine Gesellschaft, in der über Themen wie Drogen, Sexualität oder Krankheit kaum offen gesprochen wurde. Tausende junge Menschen starben, viele Familien reagierten mit Schweigen oder dem Versuch, die Erinnerung umzuschreiben.
Auch Marinas Familie trägt Spuren dieses Schweigens. Die Lücken in den Erzählungen, die widersprüchlichen Erinnerungen und die seltsame Mischung aus Herzlichkeit und Distanz verweisen auf eine Vergangenheit, die nie wirklich aufgearbeitet wurde. Simón macht diese verlorenen Biografien wieder sichtbar – ohne Anklage, ohne Sentimentalität, aber mit viel Empathie. Am Ende wird Marinas Reise tatsächlich zu einer Romería: zu einer vorsichtigen Pilgerfahrt durch Erinnerungen, auf der vielleicht keine eindeutigen Antworten gefunden werden, wohl aber eine Geschichte, die endlich wieder erzählt werden kann. ||
ROMERÍA – DAS TAGEBUCH MEINER MUTTER
Spanien 2025 | Buch & Regie: Carla Simón | Mit: Llúcia Garcia, Mitch, Tristán Ulloa, Mitch Martín, Sara Casasnovas | 115 Minuten | Kinostart: 2. April
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