Das Festival Radikal jung des Münchner Volkstheaters feiert mit zwölf Produktionen vom 24. April bis zum 3. Mai sein 21-jähriges Bestehen.
Ein Eyecatcher ist es wieder einmal, das Fotomotiv, mit dem das Münchner Volkstheater zum Festival Radikal jung einlädt: Ein riesiger weißer Hai steigt senkrecht aus dem glatten Meeresspiegel, während eine fröhliche Touristin vor dem offenen Maul für ein Foto posiert, als wolle sie den Betrachter lächelnd hereinbitten in den Rachen des Raubfischs. Wer neugierig ist und sich nicht fürchtet, darf sich also wie immer im Frühjahr auf Überraschungen und Entdeckungen gefasst machen, auf wildes, eigensinniges, brisantes und amüsantes Theater – und auf Begegnungen mit den Regiestars von morgen.
21 Jahre ist es her, dass das Theaterfestival für junge Regie erfunden wurde, das heute längst zur renommierten Plattform für junge Talente mit Sichtbarkeit weit über München hinaus geworden ist. Da darf man schon mal ein wenig nostalgisch werden und wie Volkstheater-Intendant Christian Stückl bei der Pressekonferenz noch einmal die ungewöhnliche Erfolgsgeschichte Revue passieren lassen.
Am Anfang war das Wort – hier in Gestalt eines Taschenbüchleins aus der Reihe „Regie im Theater“, 1994 herausgegeben von der Theaterwissenschaftlerin Anke Roeder und dem Journalisten Sven Ricklefs und mit einem Vorwort versehen vom damaligen Theaterkritiker der »Süddeutschen Zeitung« C. Bernd Sucher. Es basierte auf zwei Symposien zur Frage: Gibt es eine neue junge Regie-Generation in Abgrenzung zu den 68ern? Damals fasste Sucher zusammen: „Die jungen Regisseurinnen und Regisseure gehen nicht mit Transparenten auf die Bühne, sie formulieren keine Weltbilder (wie auch heute, da alle Ideologien desavouiert sind?!), sie formulieren ein Lebensgefühl.“ Und Anke Roeder brachte es auf den Punkt: „Das Subjekt steht im Zentrum der Aufmerksamkeit dieser Theater-Generation.“
Vorgestellt wurde in Kurzporträts eine Reihe von aufstrebenden Regiepersönlichkeiten, darunter auch Christian Stückl, der gerade mit seiner ersten Inszenierung an den Münchner Kammerspielen – der Uraufführung von Werner Schwabs „Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos“ – zum Berliner Theatertreffen eingeladen worden war. Stückl hatte die Idee, ein weiteres Buch mit Regie-Porträts herauszugeben, und als er dann einige Jahre später Intendant des Volkstheaters wurde, fiel gleich zu Beginn die Entscheidung, auch hier „auf die Jungen zu setzen“. Spontan fragte er damals Bernd Sucher, ob er nicht an seinem Haus ein Festival mit kuratieren wolle, wo endlich einmal in Konzentration zu sehen sein würde, worüber bisher nur gesprochen und geschrieben worden war: Es war die Geburtsstunde von Radikal jung, das 2005 zum ersten Mal mit acht Inszenierungen an den Start ging.
Seither konnte nur Corona eine Ausgabe verhindern, sodass jetzt im 21. Jahr das 20. Jubiläum zu feiern ist – ein Grund zur Freude und ein Versprechen für die Zukunft. Zwar haben gerade die Kammerspiele mit der Stadt einen Konsolidierungsplan ausgehandelt, der sie jedes Jahr gut eine Million Euro kosten wird, und auch am Volkstheater kämpft man mit schwindenden Rücklagen und wachsenden finanziellen Problemen und muss sich den Festivaletat jedes Mal wieder aus den eigenen Rippen schneiden. Auf die unvermeidliche Frage nach der Finanzierung des Festivals, zögert Stückl jedoch keine Sekunde mit der bündigen Antwort: „Ich will das nicht infrage stellen. Ich sag einfach, es geht weiter!“
In diesem Jahr sind es zwölf Inszenierungen, die die fünfköpfige Jury, bestehend aus C. Bernd Sucher, der freien Theaterkritikerin Christine Wahl (u.a. »Tagesspiegel«, »Theater heute« und »nachtkritik.de«), der Regisseurin Isabelle Redfern (ihre Produktion „Sistas!“ gewann 2023 den Publikumspreis) sowie den beiden Hausdramaturgen des Volkstheaters, Hannah Mey und Leon Frisch, aus über 60 Sichtungen ausgewählt hat: Auf den ersten Blick viele neue Namen, einige bekannte Titel, und Männer sind mit drei zu neun mal wieder eindeutig in der Unterzahl. Dafür gibt es Stimmen aus vielen Teilen der Welt, die mit ihrem postkolonialen Wissen den Blick auf die europäische Tradition weiten.

C. Bernd Sucher, Leon Frisch, Hannah Mey, Isabelle Redfern, Christian Stückl, Christine Wahl (von links) © Gabriela Neeb
Den Anfang macht „Antigone“ nach Sophokles in der Neufassung von Roland Schimmelpfennig vom Hessischen Staatstheater Wiesbaden. Der georgische Regisseur Mikheil Charkviani, derzeit im Exil in Frankfurt a. M. lebend, erzählt damit auch eine Geschichte weiblichen Widerstands in seiner georgischen Heimat gegen die zunehmend prorussische Haltung der Regierung, die zeigt, was es bedeutet, Demokratie und die eigenen moralischen Werte gegen Bedrohung von außen und innen zu verteidigen – ein politisch wie ästhetisch aufwühlender Abend, an dem choreografische Elemente und eine Komposition für zwölf Klaviere die Umbruchsituation erfahrbar machen.
Ebenfalls eine politisch prekäre Situation liegt der partizipativen Performance „Hello“ der Regisseurin und Choreografin Olivia Hyunsin Kim, koproduziert von den Sophiensælen Berlin, zugrunde, die Einblicke hinter die Fassade der abgeschotteten Volksrepublik Nordkorea gewährt und zugleich oberflächliche Klischees darüber hinterfragt. Aufgeteilt in drei Gruppen wird man mit den eigenen stereotypen Vorurteilen konfrontiert, kommt sich über Musik, Spiel und Speisen näher, erlebt in Blind Dates persönliche Migrationsgeschichten und erfährt schließlich die Resilienz, die aus dem noch immer verbreiteten Schamanismus resultiert.
Eine kollektive choreografische Erfahrung vermittelt auch „Unruhe“ von Nolwenn Peterschmitt und der Groupe Crisis aus Marseille im Rückgriff auf die historisch verbriefte Tanzwut in den Straßen von Straßburg, von der im Jahr 1518 Hunderte Menschen wochenlang befallen waren.
Mable Preach, in Hamburg lebende Regisseurin mit ghanaischen Wurzeln, sucht in „Opera of Hope“ (produziert auf Kampnagel) zusammen mit dem Choir of uncivilized Voices in einem Heiligtum der Hochkultur wie der Oper nach neuen Möglichkeiten, gewaltvolle Kontinuitäten zu durchbrechen und bisher unerhörte Geschichten zu erzählen.
Der Trend, Romanstoffe zu adaptieren, ist ungebrochen beliebt und findet sich gleich in mehreren Produktionen: Lena Reißner (Koproduktion Theater Freiburg mit Theater Neumarkt Zürich) kratzt am Kitsch der heilen Bergwelt und befragt den Schweizer Kinderbuchklassiker „Heidi“ nach einer ideologisch unbeschmutzten Vorstellung von Heimat. In der fragmentarischen Annäherung an die autofiktionale Erzählung „Anleitung ein anderer zu werden“ von Éduard Louis entwickelt Chiara Liotine am Thalia Theater Hamburg mit dem Schauspieler Johannes Hegemann einen beklemmend körperlichen Dialog mit dem abwesenden Vater, der buchstäblich unter die Haut geht. Milena Michalek fragt am Theater Münster auf den Spuren von Dostojewskis „Idiot“ danach, wie ein richtiges Leben im Falschen aussehen könnte, und in Anlehnung an „Minihorror“ von Barbi Marković versetzt Alina Fluck zusammen mit dem dänischen Ausstatterinnenduo MOTHER am Theater Magdeburg die Banalitäten des Alltags eines Druchschnittspaares in hysterische Schwingungen.

Theater Münster, Der Idiot von Milena Michalek nach Fjodor Michailowitsch Dostojewski © Hans Juergen Landes Fotografie
Als hauseigene Produktion steht diesmal Ionescos Konformismus-Parabel „Die Nashörner“ in der scharf konturierenden Regie von Anna Marboe mit auf dem Programm, und wer anschließend dringend das Bedürfnis verspürt sich über all das Gesehene auszutauschen, findet dazu nicht nur bei den Publikumsgesprächen, sondern diesmal auch beim Gossipstammtisch der Popcörner Gelegenheit.
Nur einen Verlust gilt es bei aller Feierlaune zu verzeichnen: Nach 21 Jahren verabschiedet sich C. Bernd Sucher auf eigenen Wunsch aus der Jury – nicht etwa aus Altersmüdigkeit, sondern weil neue Aufgaben wie die Leitung der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom locken und vor allem die Lust am Bücherschreiben. Das Festival verliert mit ihm einen hellwachen Blick, der auch in Krisenzeiten den Unterhaltungswert von Theater nicht geringschätzte. Doch wer weiß, vielleicht steht in den nächsten Jahren einmal ein Roman aus seiner Feder in radikal junger Regie mit auf dem Spielplan. ||
RADIKAL JUNG
Volkstheater | Tumblingerstr. 29 | 24. April bis 3. Mai|
verschiedene Zeiten | Tickets 089 5234655 |
www.muenchner-volkstheater.de
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