Kristen Stewarts Regiedebüt »The Chronology of Water« ist ein eigenwilliges Biopic über das Leben mit einem Kindheitstrauma.

Filmbiografien haben immer wieder Hochkonjunktur. In der Regel werden diese in eine glatt polierte Erzählform gepresst, die – garniert mit einer ordentlichen Prise Pathetik – Chronologie und Kausalität suggerieren, wo oft nur Chaos und Zufall herrschten. Doch Kristen Stewarts Regiedebüt „The Chronology of Water“ ist die radikale Antithese zu diesem Trend: sperrig, mutig, unkonventionell. 

Die Schauspielerin, die seit ihrer Kindheit vor der Kamera steht und mit der „Twilight“-Reihe zum Weltstar wurde, kennt vermutlich selbst etwas von der Last einer festgeschriebenen Biografie. In den vergangenen Jahren hat sie mit Filmen wie „Spencer” (noch ein Biopic) und „Love Lies Bleeding” beharrlich an einem Kino der Zwischentöne gearbeitet, das Weiblichkeit und Fragilität nicht kaschiert, sondern in den Vordergrund stellt. Mit ihrem Regiedebüt geht sie nun einen Schritt weiter und zerrt das Publikum in die schmerzhaften Erinnerungen der amerikanischen Schriftstellerin Lidia Yuknavitch.  

Zu Beginn hat man noch kurz das Gefühl, ein Home Movie zu sehen – nur dass hier keine harmlosen Familienmomente festgehalten werden. Keine Geburtstagsfeier eines sechsjährigen Schulmädchens, keine bunten Kerzen. Stattdessen eine Collage grausamer Erinnerungen: von Bestrafung, von Gewalt, von sexuellem Missbrauch. Ein kontrollsüchtiger Vater, eine alkoholkranke Mutter, er schlägt, misshandelt, sie schaut tatenlos zu – genau wie der Zuschauer.  

Festgehalten ist das alles auf 16mm-Schmalfilm und die Wahl dieses Formats folgt einer schmerzhaften Logik: Es entsteht eine verstörende Unmittelbarkeit. Das verschluckte Bildformat, die Fragmente, die immer wieder ins Bild drängen, sie funktionieren wie schemenhafte Erinnerungsfetzen, die sich dadurch nicht vollständig greifen lassen, als ob sie den Zuschauer davor bewahren sollen, zu viel zu sehen.  

Lidias einzige Fluchtmöglichkeit aus dem häuslichen Alptraum ist der Sprung ins Wasser. Im Schwimmen kommt sie zu sich selbst, dort hat sie Kontrolle über ihren Körper. Doch das Trauma ihrer Kindheit lässt sie nicht los – im Gegenteil: Sie erlebt es immer wieder. Mit anderen Männern, in anderen Konstellationen, in anderen Lebensabschnitten. Es kommen Alkohol und Drogen dazu, sie sabotiert sich selbst und verletzt die Menschen, die ihr wohlgesinnt sind. Es ist, als hätte das Trauma eine Blaupause erstellt, nach der sie unbewusst ihr Leben gestaltet, unfähig, aus dem Muster auszubrechen.  

Im Schwimmen findet Lydia (Imogen Poots) Zuflucht vor der Vergangenheit

Über weite Strecken nimmt man Lidia dadurch gar nicht als handelnde Person wahr, sondern als passiv-agierende Frau, ein Opfer ihrer Umstände. Echte Dialoge gibt es in manchen Momenten kaum, und wenn, dann laufen sie seltsam ins Leere, wirken teilnahmslos, als ob Lidia nur die Zuschauerin eines Albtraums wäre, der sich auf Endlosschleife abspielt. Das macht bei rund 120 Minuten Laufzeit stellenweise müde, manchmal wütend.  

Doch als Lidia beginnt, auf ihr eigentliches Bauchgefühl zu hören – sie will nicht trinken, sie will schreiben –, führt sie auch wieder richtige Gespräche. Und dann sind diese von einer überraschenden Intensität, als würde da ein Mensch zum ersten Mal wirklich sprechen, nicht nur reagieren. Diese dramaturgische Entscheidung ist brillant, weil sie so simpel ist: Die Form des Films bildet den Inhalt ab. Solange Lidia gefangen ist in ihrem Trauma, ist sie auch gefangen in der Sprachlosigkeit. Erst die Befreiung macht echten Dialog möglich. 

Stewart interessiert sich nicht so sehr für die Rekonstruktion von Fakten, sondern für die innere Wahrheit einer Lebensgeschichte. Denn am Ende geht es hier um die Frage: Wie viel Macht geben wir unseren Erinnerungen? Lassen wir zu, dass die Vergangenheit unser Handeln in der Gegenwart diktiert? Dass wir in Mustern gefangen bleiben, die uns zerstören? Oder können wir uns befreien, dem Determinismus der eigenen Lebensgeschichte entfliehen und eine andere Version von uns erschaffen?  

Die Antwort, die Stewart findet, ist keine einfache Heilsformel, sondern ein Versprechen: „There is more to your story than you think!“. Das ist kein Trost, sondern eine Aufforderung. Erinnerung muss kein Gefängnis sein. Man kann sich die eigene Geschichte zurückerobern, neu schreiben und sich damit selbst neu erfinden. ||

THE CHRONOLOGY OF WATER 

USA 2025 | Regie: Kristen Stewart | Buch: Kristen Stewart, Andy Mingo | Mit Imogen Poots, Thora Birch, James Belushi | 133 Minuten | Kinostart: 5. März

 


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